Jena: „Der Klimawandel ist im Weinbau angekommen“

Franz Hempel
| Lesedauer: 4 Minuten
Die Traubenlese im Ciriakstal bei Golmsdorf ist in vollem Gange. Lisa-Marie Reining macht beim Löberschützer Weingut Wolfram Proppe eine Ausbildung zur Winzerin.

Die Traubenlese im Ciriakstal bei Golmsdorf ist in vollem Gange. Lisa-Marie Reining macht beim Löberschützer Weingut Wolfram Proppe eine Ausbildung zur Winzerin.

Foto: Franz Hempel

Jena/Golmsdorf.  Die Traubenlese hat im Jenaer Saaletal begonnen. Die Winzer arrangieren sich mit den klimatischen Verhältnissen.

2022 wird für die Weinbauregion Jena ein Jahr mit gutem Ertrag sein – darin sind sich die ortsansässigen Winzer einig. „Die Erntemenge legt das Wetter im Jahr zuvor fest durch das Pflanzenwachstum. Die Qualität des Weins ist vom Wetter des aktuellen Jahres abhängig“, erklärt Hobbywinzer Reinhard Bartsch. Er ist stellvertretender Vorstand des Vereins Weinberg Zwätzen, in dem 16 Menschen in ihrer Freizeit auf dem Käuzchenberg und an anderen Standorten in Jena Weinbau betreiben.

Der Regen in den letzten Wochen sei gut gewesen, um die Pflanzen nach der Dürre des Sommers zu retten. „Jetzt muss er aber aufhören, damit wir aus den Trauben Weine sehr guter Qualität gewinnen können“, sagt Bartsch. Innerhalb weniger Stunden wird der Verein die gesamten Trauben – Weißburgunder, unter anderen – am 1. Oktober ernten und dann zu einem Weingut zum Mosten bringen. „Wir sind nur Traubenproduzenten“, erklärt Bartsch.“

Gutes Wetter benötigt

Auch Winzer und Weingutbesitzer Wolfram Proppe hofft auf regenfreie Wochen: „Wir ernten seit eineinhalb Wochen und brauchen dafür noch bis Mitte Oktober gutes Wetter.“ Durch die vielen Niederschläge der vergangenen Zeit hätten sich die Beeren aufgeplustert und platzten nun auf. Deswegen müsse sich sein Team von sechs regulären Kräften und motivierten Freunden und Verwandten beeilen mit der Ernte.

Es sei wichtig, die richtige Mischung aus Süße und Säure zu erreichen. Je länger die Trauben an den Reben hängen, desto alkoholreicher wird der Wein. „Die meisten unserer Weine sind trocken und haben 12 bis 13 Volumenprozent Alkohol“, sagt Wolfram Proppe.

Das vergangene Jahr habe einen für die Region typischen Wein mit filigran-fruchtigem und leicht säuerlichen Geschmack hervorgebracht. Dieses Jahr sei das Mostgewicht aber deutlich höher. Das habe die viele Sonne im Sommer gebracht.

„Ein paar Hängerlinge, also Trauben, die von später blühenden Blüten stammen und deswegen noch nicht ganz so reif wie die anderen sind, nehmen wir dieses Jahr mit“, sagt Proppe. Sonst würden eigentlich nur Trauben gelesen, die gleich reif sind. Aber die etwas zurückgebliebenen Früchte sollen den Weinen die filigranen Aromen zurückgeben, die in der Saale-Unstrut-Region typisch seien, aber kälteres Klima zur Entwicklung benötigen.

Sonnenbrand – also dass Beeren an der Traube verhutzeln – werde ein immer größeres Thema. „Der Klimawandel ist im Weinbau angekommen“, resümiert Proppe.

Handlese statt Maschine

Am Jenaer Grafenberg bei Kunitz begann die Weinernte des Thüringer Weinguts Bad Sulza diese Woche. „Die Erntemenge liegt im guten Durchschnitt“, sagt Geschäftsführer Andreas Clauß. In Kunitz würden die meisten Trauben mit der Maschine geerntet. Bei Wolfram Proppe und auch beim Verein Weinberg Zwätzen werde hingegen zu 100 Prozent auf die Lese per Hand gesetzt.

Die allgemeinen Preissteigerungen werden sich auch in den Preisen für Wein niederschlagen. Wie hoch sie ausfallen, stehe aber noch nicht fest. Das Thüringer Weingut Bad Sulza schätzt, die Preise um ungefähr fünf Prozent zu erhöhen. Wolfram Proppe wolle sich nach der Weinlese hinsetzen und auf Grundlage seiner gestiegenen Herstellungskosten die Preise festlegen. „Die Leute, die sich unseren Wein leisten wollen, werden das auch weiterhin tun“, sagt Proppe. Bisher habe er immer allen erzeugten Wein verkauft bekommen.

Als Konkurrenz sehen sich die beiden Betriebe und der Verein nicht, da sie unterschiedliche Nachfragen bedienen. Der Verein Weinberg Zwätzen kann laut Reinhard Bartsch gar nicht auf Masse setzen. Es gehe seinen Mitgliedern darum, den perfekten Grad Oechsle zu erreichen. Diese durch den Zuckeranteil bestimmte Maßeinheit für das Mostgewicht des Traubenmostes ist ein wichtiges Qualitätskriterium von Wein.