Jena: Kündigung nach sexuellen Übergriffen

Jena  Grenze erreicht: Awo beendet Vertrag mit einem 92-jährigen Pflegefall. Tochter sucht vergebens nach Fachkräften.

Ein Tabuthema: wenn ältere, zu pflegende Männer sexuell übergriffig werden. Einem Mann wurde jetzt durch die Awo der Vertrag gekündigt. Symbolfoto: Frank Rumpenhorst/dpa

Ein Tabuthema: wenn ältere, zu pflegende Männer sexuell übergriffig werden. Einem Mann wurde jetzt durch die Awo der Vertrag gekündigt. Symbolfoto: Frank Rumpenhorst/dpa

Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Luise Schmidt* beschönigt nichts. Ja, ihr Vater tue das. Dass der ambulante Pflegedienst der Awo den Pflegevertrag mit dem Mann fristlos gekündigt hat, lässt die Tochter verzweifeln, denn sie findet keinen, der die Lücke schließt. Sexuelle Übergriffe auf die Mitarbeiterinnen führt der Wohlfahrtsverband an, um das Vorgehen zu begründen.

Der Vater, nennen wir ihn Helmut Müller*, lebt in einem kleinen Dorf vor den Toren der Stadt Jena: irgendwie noch selbstbestimmt in einer Wohnung, soweit man das von einem 92 Jahre alten Mann mit Pflegestufe 4 und seiner 91-jährigen Ehefrau noch sagen kann. „Meistens ist er klar. Aber die Momente, in denen er wie abwesend erscheint, nehmen zu“, sagt Luise Schmidt. Seit einem Schlaganfall im Jahr 2013 ist er auf einen Pflegedienst angewiesen. Was vorher von einer Diakonie-Station im Saale-Holzland-Kreis übernommen wurde, liegt seit Oktober 2018 in den Händen des Ambulanten Pflegedienstes der Awo. „Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal von den Vorwürfen gehört habe. Ich weiß aber, dass ich viele Gespräche mit meinem Vater geführt habe. Irgendwann war meine Verzweiflung so groß, dass ich dachte, man könnte ihm ja ein Medikament verabreichen. Seine Hausärztin weigerte sich strikt.“

Die Kündigung des Pflegevertrags ist datiert vom 6. Juni und an Helmut Müller adressiert. „Sie haben mehrfach Mitarbeiterinnen des Ambulanten Pflegedienstes sexuell belästigt und sexuelle Übergriffe auf die Mitarbeiterinnen verübt. Wir möchten uns an dieser Stelle Einzelheiten und genaue Ausführungen zu den Vorfällen ersparen“, ist in dem Schreiben zu lesen. Mehrfach sei Müller aufgefordert worden, die Übergriffe zu unterlassen; in zahlreichen Gesprächen mit ihm und Angehörigen seien die Vorfälle diskutiert worden. Der gewünschte Erfolg sei nicht eingetreten. „Der Vollständigkeit halber möchten wir erwähnen, dass sich die Mitarbeiterinnen strafrechtliche Schritte gegen Sie vorbehalten.“

Luise Schmidt ist 69 Jahre alt und wohnt im Süden des Saale-Holzland-Kreises. Ihre Mutter, so erzählt sie, helfe ihrem Mann jetzt beim morgendlichen Waschen und Rasieren. „Helfen aber ist relativ bei einer Frau, die 91 Jahre alt ist.“ Also fährt sie jeden zweiten Tag zu ihren Eltern und packt mit an. Schon beim Gang auf die Toilette bemerkt sie, wie überfordert die Mutter mit ihrem Vater sei. Seit der Kündigung sucht Luise Schmidt nach einer Lösung. Sie findet keine und erhält Absagen. Mehr als 15 Gespräche mit Einrichtungen und Pflegediensten führt sie. Und sie merkt, dass ihre eigenen Kräfte schwinden. Einen Umzug in ein Pflegeheim lehnen ihre Eltern ab. „Ich beschönige nichts. Und ich verurteile das Verhalten meines Vaters. Aber hätte es nicht eine Lösung gegeben? Warum teilt man ihm nicht einen Mann als Pfleger zu?“

Der Awo-Vorstandsvorsitzende Frank Albrecht bedauert den Schritt, führt aber am Ende die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern an. „Es ging nicht mehr. Die Grenze war erreicht. Und da mussten wir die Frauen einfach schützen. Sie müssen das nicht als Teil ihres Berufsalltags akzeptieren“, sagt er. Ein Mann könne den Job nicht übernehmen, weil in dieser Station kein Mann arbeite. Ohnehin seien 95 Prozent der Mitarbeiter im Ambulanten Pflegedienst Frauen. Sexuelle Übergriffe in der Pflege seien ein Thema und Frauen würden in Schulungen darauf vorbereiten. Und doch sei der Schock groß, wenn es denn passiere. „Wir können das Gespräch mit der Familie suchen, aber dann muss ich voraussetzen, dass sich alle Beteiligten ernsthaft damit auseinandersetzen.“

Sexuelle Übergriffe in der Pflege sind immer noch ein Tabu. Daran vermag auch der Tatort „Anne und der Tod“ nichts ändern, der vor wenigen Wochen sensibel und aufwühlend das Thema behandelte. Eine Recherche des Online-Magazins BuzzFeed unter mehr als 150 Pflegekräften in Deutschland im vergangenen Jahr zeigte: Sexuelle Übergriffe sind sehr verbreitet. Mehr als 82 Prozent der Befragten gaben an, bei der Arbeit bereits sexuell belästigt worden zu sein. Betroffen sind vor allem Frauen, die in Krankenhäusern, Seniorenheimen und für ambulante Pflegedienste arbeiten.

Untersuchungen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) haben ergeben, dass im ambulanten Bereich rund vier Fünftel der Pflegenden in den vergangenen zwölf Monaten verbale, non-verbale oder körperliche Belästigungen erlebt haben. Dass es überdurchschnittlich viele Belästigungsfälle gibt, liege unter anderem am Krankheitsbild einiger Patienten: So gehen Experten davon aus, dass die meisten Demenzarten in frühem Stadium zu einer sozialen Enthemmung führen können. Und: Viele Männer, die alt und pflegebedürftig sind, sind geprägt von einem grenzwertigen Frauenbild.

* Namen von der Redaktion geändert

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