„Tiez“ in Jena: Ein Restaurant mit Aussicht

Jena.  Das „Tiez“ ist im Gewerbegebiet Göschwitz und damit mit einem mutigem Konzept an einem ungewöhnlichen Ort zu finden.

Mit dem „Tiez“ hat sich das Team der "Gut essen. Gut leben. GmbH" ein drittes Standbein geschaffen. Für Geschäftsführer Thomas Günther ist es ein Experiment. 

Mit dem „Tiez“ hat sich das Team der "Gut essen. Gut leben. GmbH" ein drittes Standbein geschaffen. Für Geschäftsführer Thomas Günther ist es ein Experiment. 

Foto: Thorsten Büker

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Schon die Vorstellung ist vergnügungssteuerpflichtig. Am Ende eines langen Tages sitzt man auf der Terrasse eines Bürogebäudes in einem Gewerbegebiet, bei einem Glas Rotwein auf sein Essen wartend. Man blickt auf die Kernberge und auf Lobeda, das noch lange nicht zur Ruhe kommt und wo sich bunte Lichterschlangen scheinbar wie ein Möbiusband ohne Anfang und Ende unentwegt bewegen. „Tiez“ heißt das Wein-Restaurant, und man muss es nur rückwärts lesen, um zu wissen, dass man sich Zeit nehmen sollte, um hier die Zeit zu vergessen.

Glasfronten an drei Seiten

An der Haltestelle „Alte Burgauer Brücke“ aussteigen, über einen kleinen Steg auf das Nierenzentrum zulaufen, im braunen Gebäude am Ernst-Ruska-Ring den Fahrstuhl nutzen, dessen Tür sich in der fünften Etage inmitten des Restaurants öffnet: „Uns ist schon klar, dass der Ort ein Risiko ist; dass man uns hier nicht erwartet und dass niemand zufällig vorbeikommt. Aber vom Zentrum aus sind es auch nur zehn Minuten mit der Tram. Und vor der Tür haben wir jede Menge Parkplätze“, sagt Thomas Günther. Das „Tiez“ ist der dritte Streich, den sich die „Gut essen. Gut leben. GmbH“ hat einfallen lassen: Nach dem „Liebstöckel“ im Zentrum und dem „Kaffee.Küche.Kante“ in der direkten Nachbarschaft dringen Günther und Partner Martin Haase seit wenigen Wochen ins Abendgeschäft ein.

Es ist nur ein Raum, der das „Tiez“ ausmacht: Steinboden, Holz und Metall prägen das Bild, ein großes Weinregal trennt das Restaurant und die Tresentische der Weinbar. Und dann der Ausblick, der jede Deko überflüssig macht: Glasfronten an drei Seiten, vom Boden bis zur Decke in einer Höhe von sechs Metern. „Warum sollen wir uns bei diesem Blick Gedanken über die Gestaltung des Gastraumes machen?“ fragt Günther und erwartet keine Antwort.

Frische Zutaten aus der Region

Konzeptionell wird zumindest das fortgesetzt, was auch in den anderen beiden Häusern prägend ist: frische Zutaten aus der Region, das Verständnis für saisonale Produkte zum Beispiel. Neu hingegen ist ein Konzept, das zumindest in den Großstädten schon sehr viel länger viele Freunde hat und das von Achtung vor dem Tier zeugt: die Nose-to-tail-Bewegung, deren Anhänger das Schwein oder das Rind als Ganzes sehen. Ein Tier besteht eben aus mehr als nur Filet, Rücken, Keule und Hackfleisch. So nimmt es nicht wunder, dass ein Gericht der aktuellen Karte hervorsticht: Kalbskopf und Kalbszunge, schwarze Linsen und Möhre mit grobem Senf.

Wo, bitte schön, kann man einen Kalbskopf kaufen? „Das war in der Tat ein Problem, da kein Fleischer mehr selbst schlachtet. Ein Biobauer in Stadtroda half uns zunächst aus. Und dann haben wir tatsächlich einen Großhändler gefunden.“ Um zarten Seelen die Scheu zu nehmen: Natürlich wird nicht ein ganzer Kalbskopf auf dem Teller serviert. Man kocht ihn zwei bis drei Stunden, mit Zwiebel, Sellerie, Lorbeerblättern und mehr, bis am Ende das Fleisch fast von alleine abfällt. Serviert wird es dann als eine Art Sülze. „Natürlich ist das auch für uns ein Experiment. Wir bieten bewusst eine kleine Speisekarte an, die wir regelmäßig austauschen. Und die spannende Frage ist: Versteht der Gast unser Konzept? Steht er dahinter?“

Auch wenn es auf der Homepage heißt: Bitte seien Sie nicht erschrocken, sondern mutig! Hausgebackenes Brot, hausgebackene Brioche zum Armen Ritter, der selbst gemachte Wildschinken, hausgeräucherter Saibling, kandierte Quitte, ein süffiges Bier aus einer kleinen Thüringer Brauerei, das Käsefondue für Zwei: Auch die nicht ganz so tapferen Gäste dürften einen schönen Abend verbringen können, ohne dass Schweißausbrüche programmiert wären.

Für die Küche ist Tim Foller zuständig, der bis 2018 als Sous Chef im Hotel Elephant in Weimar wirkte: Ein Garant für Profession und Leidenschaft im Küchenhandwerk. Preislich ist das „Tiez“ im mittleren Segment anzusiedeln. Im Grunde zeigt sich hier gute Küche bis Spitzengastronomie vom Firlefanz entschlackt, ohne dass die Qualität leidet. „Mit den richtigen Lieferanten ist es möglich: Wir stehen für eine einfache Küche, die aber handwerklich gut gemacht ist“, sagt Thomas Günther.

Die Lichterschlangen bewegen sich immer noch. Musik läuft, Beth Gibbons singt. Und Tim Foller bereitet in der Küche jene Dinge vor, die für einen schönen Abend so wichtig sind.

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Mittwoch bis Sonnabend, 18 Uhr bis 24 Uhr, Ernst-Ruska-Ring 15, tiez-jena.de

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