Jenaer Bauland: Den kalten Luftzug am Kernberg-Fuß spüren!

Jena.  Trotz Widerspruch aus dem Ortsteil taucht das Areal Treunertstraße/Hildebrandstraße im Wohnbauflächenkonzept der Stadt Jena auf

Mitglieder der Bürgerinitiative "Pro Kernberge" beim Ortstermin im potenziellen Baugebiet. Das Gelände schließt sich an den bebauten Teil der Hildebrandstraße und der  Treunerstraße an. Viel Grün, ältere Bäume und darin verteilt einzelne Gartenhäuser prägen das Gelände heute.

Mitglieder der Bürgerinitiative "Pro Kernberge" beim Ortstermin im potenziellen Baugebiet. Das Gelände schließt sich an den bebauten Teil der Hildebrandstraße und der  Treunerstraße an. Viel Grün, ältere Bäume und darin verteilt einzelne Gartenhäuser prägen das Gelände heute.

Foto: Thomas Beier

Das Wohnbauflächen-Konzept steht heute auf der Tagesordnung des Stadtrates. Zu den Flächen, die weiterhin Zündstoff bieten, gehört das zwei Hektar große Areal Treunertstraße/Hildebrandstraße am Fuße der Kernberge. Das heutige Gartengebiet könnte ein zweiter Hausberg werden – mit allen Problemen, die es auch dort schon gegeben hat. Und es besteht die zusätzliche Schwierigkeit, dass es anders als am Hausberg nicht nur zwei Grundstückseigentümer gibt, sondern sehr viele.

Unverändert gilt ein Votum des Ortsteilrates Jena-Kernberge aus dem Jahre 2013, der die Aufstellung eines Bebauungsplanes für das Gebiet ablehnte. „Neuere Beschlüsse gibt es zu dem Thema nicht, da auch nichts zum Beschließen vorlag“, so der Kernberge-Ortsteilbürgermeister Olaf Horn. Er sagte am Dienstag der Zeitung, dass er letzten Monat „aus der Zeitung“ vom Wohnbauflächenkonzept der Stadtverwaltung erfahren habe. Die Corona-Pandemie will er als Argument für die nichterfolgte Beteiligung des Ortsteilrates nicht gelten lassen. „Wir haben der Stadtverwaltung bereits zuvor angeboten, dass wir an der Gestaltung des Flächennutzungsplanes mitarbeiten wollen.“

Nabu gehört zu den Kritiker

Auch an der Einschätzung des Naturschutzbeirates, dass es sich um eine wichtige Pufferzone zum Naturschutzgebiet und ein wichtiges Nahrungs- und Bruthabitat von geschützten Vögeln und Fledermäusen handelt, hat sich seit 2013 nichts geändert: „Das Wohl der Allgemeinheit stellt hier die Erhaltung des unversiegelten Bereiches dar und nicht die Schaffung von wenig Wohnraum mit Hochpreisniveau“, schrieb Madeleine Ziegler Ditscher vom Nabu seinerzeit.

Und nun steht die Fläche dennoch im Wohnbauflächenkonzept.

Eine Bürgergruppe, die sich ebenfalls seit Jahren für den Erhalt des Gartengebietes einsetzt, hatte am Montag die Presse zum Rundgang eingeladen. Gleich zu Beginn blieben alle an der Ecke St.Wendel-Stieg/Saarbrücker Straße stehen und atmeten einmal tief durch. Und tatsächlich, da ist er, diese kühle Luftzug, der dafür spricht, dass hier eine so genannte Kaltluftschneise entlangführt, die frische, kühle Luft vom Wald in die Stadt lenkt. Der Erhalt und die Vernetzung der Kaltluftschneisen ist eines der Ziele des „Stadtentwicklungskonzeptes 2030+“. Da steht freilich auch drin, wie wichtig Wohnungsbau ist.

Kaltluftschneise in Gefahr

„Die geplante Bebauung mit etwa 40 Wohneinheiten würde die Kaltluftströme aber geradezu abriegeln“, sagt Katharina Bracht von der Bürgerinitiative Kernberge. Als weitere Gründe für den Erhalt des Grünzuges nennt sie die Artenvielfalt in dem Gebiet und den Umstand, dass Bauen hier aufgrund der Bodenbeschaffenheit und der Steilheit sehr teuer werde. Der Bürgervorschlag lautet, das Gebiet im neuen Flächennutzungsplan als „Grüngebiet“ auszuweisen, um seinen dauerhaften Erhalt zu sichern.

Die zweite Ebene der Bürger-Kritik zielt auf den Ablauf des Verfahrens. Es gab die Zusage, dass die Aufstellung des neuen Jenaer Flächennutzungsplanes ein transparenter Prozess mit Bürgerbeteiligung werde. Wenn Flächen wie die Treunertstraße/Hildebrandstraße ohne Debatte in den Vorentwurf kommen, sei das nicht in diesem Sinne.

Bündnisgrüne und Linke gehörten zuletzt im Stadtentwicklungsausschuss zu den Kritikern des Wohnbauflächenkonzeptes in seinem jetzigen Umfang. Das brachte ihnen die Kritik von SPD und FDP ein, die auf den großen Flächenbedarf insbesondere bei so genannten „Kleinhäusern“ hinwiesen. Es gab den Vorschlag der Linken, sich die großen Problemgebiete auf der Liste anzuschauen. Wegen eines Stimmen-Patts gab es dafür keine Empfehlung aus dem Ausschuss.

Schnell wird hier nichts passieren

Ausschussvorsitzender Guntram Wothly (CDU) sagte der Zeitung, schnell – also vor 2030 - werde in der Treunertstraße/Hildebrandstraße auch bei einer Aufnahme ins Konzept nichts passieren. Bis dahin werde sicher noch Zeit sein, sich vor Ort ein Bild zu machen. Für den Flächennutzungsplan müsse die Debatte ohnehin geführt werden. Ein Vor-Ort-Termin ist auch das, was sich die Bürgerinitiative erhofft.

Die Grünen erhalten heute für die Stadtratssitzung ihren Beschlussantrag aufrecht, der die „Treunertstraße/Hildebrandstraße“ von „mittelfristig planen“ auf „Vorbehaltsfläche“ herabstufen will. Zu viel Verdichtung ist schädlich, sagen sie. „Die Entwicklungspotenziale Jenas, besonders bei der Gewinnung von Fachkräften, können wir nur ausschöpfen, wenn die Stadt attraktiv und lebenswert bleibt“, so ihre Argumentation.

Weitere sensible Orte

Die Grünen wollen zudem sechs Flächen in der Liste der zusätzlichen Vorbehaltsflächen streichen. Dazu gehören die Baugebiete im „Mädertal“ und die „Schweizer Höhe“. Das Prädikat „stadtklimatisch sensibel“ wird auch diesen Gebieten im Wohnbauflächenkonzept zuteil. Es geht es wie am Kernberg-Fuß um Kaltluftschneisen.