Jenaer Straßenbahnen wurden 1953 zu Barrikaden gegen Sowjetpanzer

Jena  Gedenken an den Volksaufstand von 1953, Kranzniederlegung an diesem Sonntag.

Ein sowjetischer Panzer wird am Holzmarkt von der Menge umringt.

Ein sowjetischer Panzer wird am Holzmarkt von der Menge umringt.

Foto: Schott-Archiv

Nur dreieinhalb Jahre nach der Staatsgründung steckte die DDR in einer handfesten Krise. Zwar hatte Mitte Juli 1952 Walter Ulbricht auf der 2. Parteikonferenz der SED noch stolz unter dem Beifall der Genossen den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ verkündet, praktisch verschärfte dieser Schritt aber die Kluft zwischen Partei und Volk. So sorgte die „Bodenreform“ mit ihren Zwangsenteignungen für Unmut und für eine „Abstimmung mit den Füßen“, da zehntausende DDR-Bürger das Land gen Westen verließen.

In einer ersten Welle versuchte die Staatsführung außerdem durch Steuererhöhungen Handwerker, Einzelhändler und Privatunternehmer zu zwingen, ihre Firmen in einen VEB zu überführen. Reichte dieses Druckmittel nicht aus, griff eine verschärfte Strafverfolgung. Zur Jahresmitte 1952 saßen etwa 60 000 Häftlinge in DDR-Gefängnissen. Eine nicht unwesentliche Rolle spielten auch die Repressalien gegen die Evangelische Kirche, die sich etwa in Schulverweisen und Enteignungen widerspielgelte.

Schließlich belastete die stetig voranschreitende Staatsverschuldung, bedingt durch Reparationszahlungen an die Sowjets und hohe Rüstungsausgaben, die DDR zunehmend. Hinzu kam wirtschaftliche Fehlplanung, da vorwiegend in die Schwerindustrie investiert wurde, sodass die dringend notwendige Finanzierung der Nahrungsmittel- und Konsumgüterindustrie fehlte, wodurch sich Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfes nicht nur verknappten, sondern auch drastisch verteuerten.

UdSSR zwang den „Bruder“ zur Kehrtwende

Die Genossen wussten sich nicht anders zu helfen, als der Entwicklung Mitte Mai 1953 mit Arbeitsnormerhöhungen zu begegnen, um die Produktivität zu steigern. Aus Sicht der damaligen Bevölkerung setzte dieser Schritt dem Ganzen die Krone auf. Unterdessen erkannte man in der Sowjetunion die Fehler der „Brüder“ und befahl eine Kehrtwende, indem man die SED zu einem „Neuen Kurs“ zwang. Dieser wurde Anfang Juni 1953 durch das zentrale Organ der Partei „Neues Deutschland“ verkündet. Erstaunt rieb sich da mancher Leser die Augen: Das erste und wohl auch das einzige Mal in der Geschichte der DDR gab die Staatsführung ihre Fehler offen zu und gelobte Besserung. Die Bevölkerung erkannte hingegen darin vor allem die Bankrotterklärung des Staates. Für viele war nun die Zeit reif, entscheidende gesellschaftliche Veränderungen zu fordern, nachdem die Partei die Zügel lockern wollte. Erstmals fassten Menschen in der DDR den Mut, gegen das System und die unhaltbar gewordenen Zustände aufzubegehren. Vielerorts kam es schon am 12. Juni 1953 zu ersten Protesten. Richtig an Fahrt gewann die Entwicklung, als am 16. Juni in Ost-Berlin etwa 10 000 Menschen auf die Straße gingen und protestierten. Durch dieses Ereignis angespornt, kam es auch in Jena im VEB Carl Zeiss zu Überlegungen, sich an den Protesten zu beteiligen. Am Morgen des 17. Juni war es soweit: Um 8 Uhr begann in der Gießerei des Südwerkes der Streik, Forderungen nach dem Sturz der Regierung wurden schnell laut. Eine Viertelstunde später stellte man auch im Hauptwerk am Teichgraben die Arbeit ein. Um 9 Uhr kam es zu einer Kundgebung vor Ort, bei der unter anderem eine Erhöhung der Löhne und Senkung der Lebensmittelpreise um 40 Prozent gefordert wurden.

Wichtig war auch die Wiederherstellung und Sicherung des Zeiss-Statutes, das durch die SED schrittweise unterhöhlt und damit ausgeschaltet wurde. Schnell gesellten sich weitere Menschen zu dieser Demonstration hinzu, gegen 10 Uhr strömten etwa 3500 Personen, vorwiegend Werktätige von Zeiss, Schott und Jenapharm, gen Holzmarkt. Eine Stunde später war bereits die SED-Kreisleitung gestürmt, Kreisleiter Merx hatte zuvor vergeblich versucht, die Menschen zu beruhigen.

Die Wut der Menge entlud sich auch gegen andere Gebäude, in denen staatliche Stellen untergebracht waren. Unter anderem wurden das FDGB-Haus in der Bachstraße, die MfS-Kreisdienststelle in der Humboldtstraße und die Gebäude von FDJ, GST und DSF verwüstet. Zentraler Platz der Proteste blieb allerdings der Holzmarkt. Immer lauter wurden nun die Forderungen der Protestler: „Sturz der Regierung“, „Freie Wahlen“, „Weg mit der HO!“, „Weg mit der Volkspolizei!“.

Zeitgleich fanden sich etwa 1500 Menschen vor der Untersuchungshaftanstalt Am Steiger ein, verschafften sich gewaltsam Zutritt zum Gebäude und befreiten 61 Gefangene. Am Holzmarkt war die Lage unterdessen unverändert, von einer geordneten Kundgebung konnte allerdings keine Rede sein. Nach verschiedenen Berichten kamen bis etwa 14 Uhr 25 000 bis 30 000 Menschen zum Ort des Geschehens. Die Situation verschärfte sich, als sowjetisches Militär zunächst die SED-Kreisleitung „zurückeroberte“ und dort acht Personen, unter ihnen Walter Scheler, Herbert Bähnisch und Alfred Diener, festnahm. Gegen 15.30 Uhr rückten schließlich sowjetische T-34 Panzer in die Innenstadt vor. Es begann das „Straßenbahnspiel“, denn etliche Jenenser schoben die auf dem Holzmarkt stehenden Wagen der Tram unter dem Jubel der übrigen Demonstranten den Panzern als Barrikaden in den Weg. Vermehrt kam es auch zu Sitzblockaden. Daraufhin gaben sowjetische Soldaten erste Warnschüsse ab, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Ab 17 Uhr wurde über Jena der Ausnahmezustand verhängt, sodass sich die Menge allmählich wieder zerstreute. Anschließend kam es zu einer Welle von weiteren Verhaftungen.

Schon einen Tag nach dem Aufstand begann die Strafverfolgung durch den Staat. Insgesamt wurden über 50 Todesurteile und Hinrichtungen verhängt, von denen manche bis heute ungeklärt sind. Belegt ist hingegen der Tod des Jenaer Schlossers Alfred Diener, der am 18. Juni 1953 in Weimar durch sowjetisches Militär als angeblicher Rädelsführer standrechtlich erschossen wurde. Heute erinnert eine Straße in Lobeda-West und eine Gedenktafel an der Sparkasse am Holzmarkt an sein Schicksal. Unterdessen führten die Mühen und Opfer der DDR Bevölkerung (noch) nicht zum Ziel. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bringt es treffend auf den Punkt: „Der Volksaufstand hatte auch deshalb keine Chance, erfolgreich zu sein, weil die politische Großwetterlage eine Veränderung des Status quo weder vorsah noch zuließ. Daran waren weder die Westmächte noch die Supermacht Sowjetunion interessiert.“

Die Ereignisse des 17. Juni 1953 sind heute vielerorts aus dem Gedächtnis der Bevölkerung verschwunden. Glücklicherweise ist das in Jena nicht der Fall, wie die morgige Gedenkveranstaltung beweist. Dem Vergessen wird so aktiv Einhalt geboten.

Sonntag, 11.30 Uhr, Kranzniederlegung an der Gedenktafel am Gebäude der Sparkasse, Löbdergraben.

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