Jenas stumme Zeugen: Die Traubensteine am Rande der Stadt

Jena  Traubensteine, wie sie vornehmlich im Nordwesten von Jena noch zu finden sind, erinnern an den einstigen Weinanbau in der Saalestadt und waren damals Grenzanzeiger.

Die Traubensteine (hier die Nr. 6) zeigten die Grenzen von Jenas Stadtgerichtsbarkeit an.

Die Traubensteine (hier die Nr. 6) zeigten die Grenzen von Jenas Stadtgerichtsbarkeit an.

Foto: Immanuel Voigt

Unser Leser Mathias Heiner war mit seiner Frau auf einem Spaziergang in Richtung Rautal unterwegs, als ihm nach und nach neben dem Weg einige interessante Steine auffielen. Alle zeigen als markantes Merkmal ein Weintraubenrelief auf der Vorderseite, dazu mehrere Abkürzungen und eine Jahreszahl. Doch was hat es mit diesen stummen Zeugen auf sich?

Die Traube ist in Jena an sich kein unbekanntes Symbol. Schon das Stadtsiegel aus der Mitte des 14. Jahrhunderts und auch die Münzen, die man in Jena prägte, zeigen die süße Frucht, wobei 1182 erstmals der Weinbau in Jena urkundlich erwähnt wurde. Nach und nach entwickelte sich so der Anbau von Reben, spätestens ab dem 14. Jahrhundert, zum Haupterwerb der Jenenser Bevölkerung. So konnte man in dieser Zeit etwa eine Fläche von 680 Hektar bewirtschaften und erlebte durchaus sehr gute Jahrgänge, wie etwa 1535, als gut eine Million Liter Wein gekeltert werden konnten.

Doch schon ab der Mitte des 16. Jahrhunderts lässt sich ein Niedergang des Anbaus feststellen, der auch den 30-jährigen Krieg überdauerte. Zum einen sorgte die wachsende Universität für neue Einnahmequellen innerhalb der Bevölkerung Jenas, sodass der Anbau von Wein weniger attraktiv wurde. Zum anderen erschwerte die Konkurrenz von Rhein und Mosel das Geschäft. Nicht zuletzt brachten klimatische Veränderungen wie kühlere Sommer häufig Missernten für die Bauern, sodass spätestens im 18. Jahrhundert der Anbau von Trauben unrentabel geworden war.

Nichtsdestotrotz blieb der Wein, der Jena über Jahrhunderte prägte, im Stadtwappen bis heute erhalten. Deshalb verwundert es auch nicht, dass der Wein den Stadtoberen in all diesen Jahren nicht nur im Siegel diente, sondern auch zur Markierung der Stadtgrenze. Damit wird auch klar, dass die Steine mit einer Traube, die heute mitten im Wald stehen, alte Grenzmarkierungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind.

Jena besaß seit 1429 eine eigene Stadtgerichtsbarkeit, nur wurde dabei vergessen genau zu kennzeichnen, bis wohin die Grenze der Zuständigkeit gehen würde. Erst gute 50 Jahre später, 1480, legte Herzog Wilhelm III. von Sachsen diese Grenze fest, die anschließend auch niedergeschrieben wurde. Danach markierten Steine das Territorium, die über die Zeit immer wieder erneuert wurden.

Heute sind die „Traubensteine“ vornehmlich im nordwestlichen Bereich von Jena zu finden, genauer gesagt zwischen Cospeda, Landgrafen und dem Rautal. Wer sich einmal auf die Spur der stummen Zeugen begeben will, folgt zum Beispiel vom Landgrafen aus dem weiß-rot-weißen Weg in Richtung Rautal. Hier muss man etwas Geduld mitbringen, an Munketal und Eule vorbeiwandern. Denn erst relativ spät, kurz vor dem Rautal, finden sich die Steine. Dafür stehen sie aber mitten auf oder am Weg und sind daher nicht zu übersehen.

Interessant sind nun die Aufschriften. Die zur Stadt gewandte Seite zeigt immer die Traube. Dazu eine Nummer, die den jeweiligen Stein beziffert, eine Jahreszahl (wie 1747, 1752 oder 1824) die für das Aufstellungsjahr steht und die Abkürzung „J. St.“ oder „St. R. Jena“. Das bedeutet „Stadtrecht Jena“. Die stadtabgewandte Seite zeigt nochmals die Nummer des Steines, die Jahreszahl und die Abkürzung „A. J.“ oder „A Jena“ für „Amt Jena“. Heute sind noch 11 Steine übrig geblieben, einstmals waren es wohl 24.

Als man 1742 die Grenze neubesteinen wollte, erregte dies den Unmut der Anrainer. So ist etwa von Cospeda bekannt, dass man mit der Grenzziehung im Mühltal nicht einverstanden war und kurzerhand Jenas Steine zerstörte. Die Stadt legte daraufhin beim Herzog Ernst August II. von Sachsen-Weimar-Eisenach Beschwerde ein, wobei der Zwist damit noch nicht beendet war. Die Streitigkeiten zogen sich noch bis 1752, erst danach beruhigte sich die Lage. Daher, so wird vermutet, sind viele Weintraubensteine mit der Jahreszahl 1752 bis heute überliefert.

Hier und da kümmern sich Heimatfreunde um die stummen Zeugen und bemalen Trauben nebst Inschriften mit schwarzer Farbe in regelmäßigen Abständen, sodass diese lesbar bleiben. Allerdings ist das nicht bei allen Steinen der Fall, wie etwa an jenem mit der Nummer sechs. Vielleicht statten Sie ja bei einer Herbstwanderung einem der Grenzsteine einen Besuch ab?!