Kahlaer erinnern an Novemberpogrome

Kahla.  Fünf Stolpersteine in Kahla erinnern an jüdische Geschäftsleute, denen alles genommen wurde. Historische Aufarbeitung geht weiter.

An den Stolpersteinen der Familie Jacobsthal legten Gianna Kolanos, Schülersprecherin am Leuchtenburg-Gymnasium, und Lehrer Frank Mechold Blumen nieder.

An den Stolpersteinen der Familie Jacobsthal legten Gianna Kolanos, Schülersprecherin am Leuchtenburg-Gymnasium, und Lehrer Frank Mechold Blumen nieder.

Foto: Katja Dörn

Stolpersteine verpflichten, niemals mehr wegzuschauen. Auch in Pandemiezeiten. So verlief das Gedenken am Montag an die Novemberpogrome in Kahla etwas anders als sonst. Immer nur zwei Personen konnten mit Abstand und mit Maske an die Gewalttätigkeiten gegen jüdische Bürger erinnern, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ihren Anfang nahmen. Drei Schüler des Leuchtenburg-Gymnasiums und der Heimbürgeschule polierten die fünf Stolpersteine in der Rudolf-Breitscheidt-Straße 16 (heutige Fleischerei) und in der Roßstraße 28, die an die jüdischen Familien Cohn, Tittel und Jacobsthal erinnern.

Die Familien waren Anfang des 20. Jahrhunderts Teil des Kahlaer Geschäftsleben. Während Adolf Jacobsthal einen Laden für Haushaltswaren und Textilien führte, betrieben die Cohns ein Bekleidungsgeschäft. Der um sich greifende Antisemitismus machte aber auch vor Kahla nicht Halt. Die Nationalsozialisten entzogen den jüdischen Bürgern die Geschäftsgrundlage, verfolgten sie und töteten später viele Familienmitglieder.

Historiker Peer Kösling fügte in den vergangenen Jahren durch Recherchen die Puzzlestücke der Vergangenheit zusammen und konnte nun Neues berichten. So sei lange rätselhaft gewesen, warum über dem Geschäft der Familie Cohn in der Breitscheid-Straße der Name „S. Weiss“ prangte. Dabei gab es nie einen Kahlaer mit diesem Namen im Einwohnerverzeichnis von 1905.

Geschäft mit Köthener Unternehmer verbunden

Siegfried Weiß, so fand Kösling heraus, betrieb in Köthen sein Hauptgeschäft. Der Kahlaer Konfektionsladen war eine Zweigniederlassung, die Hermann Cohn übernahm. In Annoncen tauchte der Name Cohn nicht auf, vermutlich, weil er auf einen jüdischen Inhaber deuten ließ, sagt Kösling. Wobei sich in einer Kleinstadt wie Kahla schnell herumgesprochen haben muss, wer das Bekleidungsgeschäft führt.

Die Verbindung zur Siegfried Weiß konnte der Historiker nun aber entschlüsseln, nachdem er im Köthener Stadtarchiv weiterrecherchiert hatte. Ida Weiß, mit der Siegfried bis 1911 verheiratet war, ist eine geborene Hirschfeld. Der Name war Kösling bekannt, denn auch Flora Cohn, die Ehefrau des Geschäftsinhabers, hieß mit Mädchennamen Hirschfeld. Flora und Ida waren Schwestern, und ihre Männer knüpften familiäre Bande über das Geschäft. Im Konzentrationslager Theresienstadt fand das Leben der Geschwister ein jähes Ende.

Der Demokratieladen, der das Gedenken am Montag koordinierte, mahnte, dass das Gedenken an die vertriebenen und getöteten jüdischen Mitbürger aktuell und notwendig sei angesichts andauernder antisemitischer Vorfälle. Der Anschlag in Halle, die Angriffe auf Kippa tragende Juden oder der gewalttätige Übergriff auf einen jüdischen Studenten in Hamburg mit einem Spaten zeigten dies.

Auch Mitglieder des Geschichts- und Forschungsvereins Walpersberg in Großeutersdorf sowie der Mahn- und Gedenkstätte Walpersberg in Kahla legten Blumen nieder. Sie arbeiten die Geschichte des früheren NS-Rüstungswerks Reimahg auf, in dem tausende Zwangsarbeiter eingesetzt wurden und teils zu Tode kamen.

Mahnung an die heutige Zeit

Im Namen der SPD Saale-Holzland und des Ortsverein Kahla/Südliches Saaletal lässt Irene Schmidt mitteilen: .„Die Geschehnisse im Frühjahr 2020 bei der Wahl des Ministerpräsidenten und auch die nach wie vor schwierige Pandemielage zeigen, dass die Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer wieder Erklärungen und eine Auseinandersetzung bedeutet.“

Auch Frank Hellwig, Vorsitzender der CDU Kahla, konnte aus dienstlichen Gründen nicht an der Aktion teilnehmen, übermittelte aber seinen Wunsch, die Reichspogromnacht als Anlass zu nehmen, „dass wir uns auf die Grundlagen unserer Gesellschaft besinnen“, nämlich die Werte der christlichen Religion und der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. „Manche beklagen Probleme bei der Integration von Geflüchteten, aber wie attraktiv ist unser Gesellschaftsmodell für Neuankömmlinge, wenn man manchmal den Eindruck gewinnt, dass wir selbst nicht dahinter stehen?“ Hellwig fordert, selbstbewusst für unsere Gesellschaft zu werben – „trotz und gerade wegen der Schande der Reichspogromnacht“.