Kirchspiel Magdala/Bucha verschreibt sich einer „geistlichen Inventur“

Magdala/Bucha.  Ein Gespräch mit Pfarrerin Jeannette Schurig vom Kirchspiel Magdala/Bucha über Herausforderungen einer Kirche der Zukunft.

Das Kirchspiel Magdala mit den Gemeinden Bucha und Milda unterwirft sich einer „geistlichen Inventur". Dafür sammelten Vikarin Clara Flach, Gemeindepädagogin Ivonne Fritzschek und Pfarrerin Jeannette Schurig (von links) in letzter Zeit Ideen.

Das Kirchspiel Magdala mit den Gemeinden Bucha und Milda unterwirft sich einer „geistlichen Inventur". Dafür sammelten Vikarin Clara Flach, Gemeindepädagogin Ivonne Fritzschek und Pfarrerin Jeannette Schurig (von links) in letzter Zeit Ideen.

Foto: Katja Dörn

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Wer rastet, der rostet: Das Kirchspiel Magdala-Bucha, zu dem auch die Gemeinde Milda gehört, will sich verändern und stellt sich einer „geistlichen Inventur“. Was dies bedeutet, vor welchen Herausforderungen die Kirche in der modernen Zeit steht und welchen Stellenwert die Jugendarbeit einnimmt, darüber sprachen wir mit Pfarrerin Jeannette Schurig.

Das Kirchspiel Magdala/Bucha verschreibt sich einer geistlichen Inventur. Warum ist so eine Bestandsaufnahme notwendig?

Ich halte es für sehr gesund, wenn man von Zeit zu Zeit nachdenkt, warum man etwas tut, wie lange schon und wie lange noch. Einfach zur Qualitätsprüfung, auch wenn das ein eher fremder Begriff in der Kirche ist. Aber es tut gut, nicht nur nach alten Mustern zu verfahren. Das ist gesund. Vor allem geht es darum, das Gemeindebild zu begleiten, das sich von einer Versorgerkirche zu Mitmacherkirche entwickeln muss.

War denn Kirche im Osten nicht ohnehin immer mehr eine Mitmacherkirche, weil es ohne die Menschen nicht funktionierte?

Das stimmt, es gab eine bestimmte und kurze Phase, in der Kirche von den eigenen Menschen vor Ort geprägt war. Aber jetzt ist es in der Kirche wie in der üblichen Gesellschaft auch: Ehrenamtliches Engagement wird eher rar, darüber klagen auch Vereine. Die Bindung an Organisationen und das ehrenamtliche Engagement ist nicht mehr selbstverständlich. Leider steht oft die Frage „Was habe ich davon?“ im Vordergrund und es gilt weniger der Fokus, was der Gemeinschaft dient.

Welche Ideen gibt es denn? In ihrem Aufruf schreiben sie auch davon, dass man Ehren- und Hauptamtliche neu überdenken möchte. Will man mehr Hauptamtliche finden, hat die Evangelische Kirche dafür überhaupt die finanziellen Mittel?

Neue Hauptamtliche zu finden, ist tatsächlich ein eingeschränktes Vorhaben. Aber die Ehrenamtlichen zu gewinnen, damit sie sich hier wohlfühlen und nicht als Lückenbüßer eingesetzt werden, ist eine Aufgabe von uns Hauptamtlichen. Nur in der Gemeinschaft kann Gemeinde gestaltet werden.

Können Sie ein Beispiel nennen, als sich Ehrenamtliche als Lückenbüßer gefühlt haben?

Konkret hat das keiner gesagt, aber man merkt eine Erschöpfung bei Ehrenamtlichen. Bestimmte Aufgaben müssen aber gemacht werden: Räume herrichten für Veranstaltungen, danach aufräumen, saubermachen, Hausmeisterdienste und Gartenarbeit. Aber es gibt noch viel mehr zu tun, und darum geht es uns. Es nützt uns nur, wenn Ehrenamtliche selbst wollen, was sie tun. Wir wollen verstärkt nach den Gaben der Ehrenamtlichen fragen. Darin liegt die Zukunft einer lebendigen Gemeinde.

In der Kirchgemeinde Milda, die in den letzten Jahren große Projekte wie die Glocken- und Orgelsanierung gestemmt hat, wurde den Gemeindemitgliedern viel abverlangt. Hat das gut funktioniert?

Ja, Milda hat viel geschafft, weil sie sich in den letzten zwei Jahren neu aufgestellt haben was die Haltung zur Kirche, zum Ort und zum Engagement angeht. Da sehe ich ein Zusammenwachsen von Menschen, die nicht in der Kirche sind, und jenen aus der Kirchgemeinde. Das wünsche ich mir für alle Orte.

Auch Sie als Hauptamtliche haben immer mehr Orte zu betreuen, immer mehr Aufgaben. Wie kommen sie selbst damit klar?

Man wächst so rein. Ich komme gut klar, wenn ich das Gefühl habe, nicht alles alleine machen zu müssen. Und da sind wir wieder beim Ehrenamtsthema. Zum Beispiel die Krippenspiele. Ohne Ehrenamtliche gäbe es nur zwei Krippenspiele, weil es jene sind, die ich leisten könnte. Zwölf andere Orte würden sagen: Was ist mit uns?

Ist der Aufruf zur geistlichen Inventur auch eine Rückkopplung für die Menschen: „Bringt euch ein!“?

Ja, ich wollte es nicht nur Inventur nennen, auch wenn wir uns von materiellen Dingen wie Möbeln trennen. Das kann auch mit den geistlichen Dingen passieren. Wir müssen uns das Loslassen trauen, dann kann was Neues werden. Aber dazu gehört Mut, und diesen Mut müssen wir den Gemeinden zutrauen. Martin Luther hat vor 500 Jahren schon angeregt, dass sich Kirche stetig verändern muss. Ich habe schon aus Spaß gesagt: Inventur heißt ja oft Schrauben zählen und schauen, welche Schrauben locker sind. Hauen wir die raus oder ziehen wir sie fest? Ich habe letzte Woche Konfirmanden gefragt, was braucht und wollt ihr?

Und?

Sie sagten, sie benötigen nichts – und sie wollen nach der Konfirmation auch nicht wiederkommen. Das akzeptiere ich als Realität. Ich habe natürlich nachgefragt und versucht, Angebote zu machen, aber es stellte sich heraus, sie brauchen diesen Ort Kirche nicht. Wir sind einer von vielen Offerten auf dem Markt. Kinder können alles machen – von Geige bis Ballett. Kirche ist dann meist die letzte Wahl.

Welche Relevanz hat denn Kirche heutzutage für Kinder? Passt es überhaupt noch hinein in die heutige Leistungsgesellschaft?

Das ist es ja. Diese Relevanz bekommen wir nicht in einer Stunde pro Woche, ein bisschen Liedersingen und Basteln. Unser Konzept ist, nur einmal im Monat vier Stunden am Samstagvormittag anzubieten, um sich intensiver einem Thema zu nähern.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir wollen am 1. März Ergebnisse haben. Wir Drei – Gemeindepädagogin, Vikarin und ich als Pfarrerin – haben schon erste Ergebnisse herausgefiltert.

Welche sind das?

Zum Beispiel die Ehrenamtsarbeit. Es gibt potentiell mehr Menschen, die sich mit ihren Gaben einbringen können. Zu einer Zukunftswerkstatt laden wir 70, 80 Menschen ein, in denen wir Potenzial sehen. Wenn nur die Hälfte mitmacht, haben wir schon unglaublich viel gewonnen. Auch die Arbeit mit Kindern haben wir komprimiert, weil es für unsere Gemeindepädagogin mit einer halben Stelle nicht möglich ist, alle Orte abzufahren.

Die Idee für die geistliche Inventur habe ich in keinem anderen Kirchspiel bislang gehört.

Ja, viele halten das nicht für nötig. Klar kann man so weitermachen wie bisher, aber das macht es nicht besser. Es geht um einen Prozess, der nötig ist, wenn man Kirche dieser Zeit sein will. Sich geistlich, inhaltlich und organisatorisch zu hinterfragen und neu auszurichten tut Not! Ich arbeite leidenschaftlich, das bringt mich auch schon mal an die Grenzen der Energie, aber das ist mein Auftrag. Ich will das Evangelium in die Welt verkündigen. Ich finde es toll, ein Team zu haben, das mitzieht.

Spielt es da auch eine Rolle, dass sie ein jüngeres, weibliches Team im Kirchspiel sind?

Nein, das Alter und das Geschlecht spielen keine Rolle. Aber die Chemie muss stimmen. Es schweißt uns vielleicht zusammen, weil wir alle an die Zukunft der Kirche glauben.

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