Kurt Schwitters Ursonate erklingt in Cospeda bei Jena

Angelika Bohn
| Lesedauer: 5 Minuten
Vor einem Jahr starteten Michael von Hintzenstern, Präsident des Klang Projekte Weimar e.V. (Foto), und andere Künstler in Weimar die Dada-Dekade. Ihren Höhepunkt wird sie 2022 erreichen, wenn sich in Weimar der "Internationale Kongress der Dadaisten und Konstruktivisten" zum 100. Mal jährt. Die Dada-Aktivitäten in diesem Jahr stehen unter dem Motto "J(ott): Jena - Japan - Jenseits".Foto: Candy Welz

Vor einem Jahr starteten Michael von Hintzenstern, Präsident des Klang Projekte Weimar e.V. (Foto), und andere Künstler in Weimar die Dada-Dekade. Ihren Höhepunkt wird sie 2022 erreichen, wenn sich in Weimar der "Internationale Kongress der Dadaisten und Konstruktivisten" zum 100. Mal jährt. Die Dada-Aktivitäten in diesem Jahr stehen unter dem Motto "J(ott): Jena - Japan - Jenseits".Foto: Candy Welz

Foto: zgt

Am Sonntag führt der Weimarer Musiker und Organist Michael von Hintzenstern im KulturGut Cospeda Kurt Schwitters "Sonate in Urlauten" auf. Das Konzert erinnert an eine Einkehr des großen Dadaisten in den 20er Jahren.

"Fümms bö wö tää zää Uu, pögitt, kwii Ee" - Stellen wir uns vor: Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts kehrt ein großer, wohlgenährter Mann Mitte 30, der gerade dabei ist, die Sprache von ihrem Sinn zu befreien, in Begleitung eines schmächtigen 20-Jährigen in Cospeda ein. Die Einheimischen identifizieren die Beiden, die auf dem Weg von Weimar nach Jena sind, sofort als Fremde. Der Jüngere berlinert wahrscheinlich ein wenig, falls er überhaupt zu Wort kommt. Denn der Ältere erläutert seinem Begleiter, der Komponist werden will, das Konzept einer Sprach-Sonate, an der er arbeitet. Stimmgewaltig trägt er deren Kopfsatzmotiv vor: "Fümms bö wö tää zää Uu, pögitt, kwii Ee". Die Anwesenden sind - milde gesagt - höchst erstaunt.

So jedenfalls hat sich 1962 in seiner New Yorker "Vorlesung über Dada" der deutsch-amerikanische Komponist Stefan Wolpe (1902-1972) an diese Episode erinnert. Wolpe besuchte Anfang der 20er Jahre Kurse im Bauhaus in Weimar, der damals schon berühmte Dichter und Maler Kurt Schwitters (1887-1948) nahm am Internationalen Kongress der Konstruktivisten und Dadaisten teil, der im September 1922 in Weimar tagte.

Zu 100 Prozent sicher ist nicht, dass Schwitters und Wolpe im Gasthof Cospeda einkehrten, gibt Michael von Hintzen­stern zu. Zusammen mit anderen Weimarer Künstlern hat der Musiker und Organist vor einem Jahr eine Dada-Dekade ausgerufen. Sie soll im September 2022 zum 100. Jahrestag dieses legendären, turbulenten und revolutionären Kongresses ihren Höhepunkt erreichen. Das zweite Jahr der Dada-Dekade steht nun unter dem Motto "J(ott): Jena - Japan - Jenseits". Das bedeutet nichts anderes, als dass sich 2013 ein Teil der dadaistischen Aktivitäten nach Jena verlagert. Dazu gehört die Ausstellung "Richard von Gigantikow: mirnichtsdirnichts", die seit 5. April in der Galerie Kunsthof Jena (Ballhausgasse 3) Objekte und Fotocollagen eines der wichtigsten Neo-Dadaisten der Gegenwart ausstellt: Gigantikov, mit bürgerlichem Namen Reinhard Zabka, der das "Lügenmuseum" in Radebeul leitet, gewährt einen Einblick in drei Jahrzehnte seines Schaffen. Geboren ist Zabka in Erfurt, in den 80er Jahren gehörte er zur oppositionellen Künstlerszene am Prenzlauer Berg. Sein Atelier im Kyritzer Ortsteil Gantikow baute er zu einem Kunsthaus aus und erklärte es nach der Wende zum "Lügenmuseum", das vor einem Jahr nun in Radebeul eine neue Heimat fand.

Jena war aber bereits in den 20er Jahren Schauplatz dadaistischer Aktivitäten. Am Abend des 27."September 1922 reisten Delegierte des Internationalen Kongresses von Weimar nach Jena, um dort im Kunstverein einen "DadaRevon"-Abend zu veranstalten, den die Chronik mit dem rätselhaften Satz "Jena - Hygiena - Hyäna - Dada - Zerstörung Jenas durch den Schal von Kuwitter" überliefert.

Verbürgt ist, dass an diesem Abend auch Kurt Schwitters in Jena auftrat. Allerdings reisten die Teilnehmer, wie der Zeitzeuge Werner Graeff schilderte, mit dem Zug von Weimar nach Jena. Graeff berichtet, dass es Schwitters zu verdanken war, dass der Abend einigermaßen zivilisiert beginnen konnte, da sich im Saal eine äußerst misstrauisch und feindlich blickende Zuschauerschar versammelt hatte. Schwitters habe eine Katastrophe vorausgesehen, sei vor dem Vortrag seines Kollegen Doesburg vors Publikum getreten und habe mit eindringlicher Stimme erklärt: "Jena ist die einzige Stadt in Europa, in der es vorgekommen ist, dass jemand es wagte, bei einem Vortrage van Doesburgs zu pfeifen. Dass dergleichen nicht wieder passiert! Bleiben Sie gefälligst ganz still und hören Sie schön zu!"

Der eindrucksvolle Schwitters habe sein Ziel erreicht. Die Leute im Saal gehorchten, allerdings hielten sie nicht bis zum Ende des Programms Ruhe...

Ruhe halten müssen die Zuschauer nicht, wenn am Sonntag im KulturGut Cospeda Michael von Hintzenstern Schwitters berühmte "Sonate in Urlauten" vorträgt. Im Gegenteil. Im vierten Satz dieses Meisterwerks der sinnfreien Wortakrobatik, kündigt Michael von Hintzenstern an, werde er als Rezitator das Publikum zu dadaistischen Sprechchören auffordern, diese Sprechchöre wiederum werden den Rezitator zu Höchstleistungen beflügeln. Dazu gibt es Kaffee - wahlweise Tee - und Kuchen.

Kurt Schwitter Ursonate hat Michael von Hintzenstern schon viele, viele Male vorgetragen. Er habe keine Mühe mehr, sich die schwierig zu lernenden Lautfolgen zu merken, sagt er. Trotzdem müsse er den Text vor sich sehen, da die Gefahr besteht, sich im Labyrinth der Wiederholungen zu verirren.

! Sonntag, 21. April, 17 Uhr, KulturGut Cospeda, umgebaute Scheune des ehemaligen Pfarrhofes, An den Linden 17