Langjähriger Stasiunterlagen-Beauftragter klagt: Interesse am Leid der Opfer sinkt

Jena  Thüringens langjähriger Stasi-Unterlagenbeauftragter Jürgen Haschke wird morgen 75 – Der Jenaer sagt: Interesse am Leid der Opfer sinkt

Jürgen Haschke wird morgen 75 Jahre alt. Der gebürtige Geraer war 1990 für Jena Abgeordneter der ersten frei gewählten Volkskammer und bekleidete von 1993 bis 2003 das Amt des Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Von 1994 bis 2014 arbeitete er als Stadtrat in der Fraktion „Bürger für Jena

Jürgen Haschke wird morgen 75 Jahre alt. Der gebürtige Geraer war 1990 für Jena Abgeordneter der ersten frei gewählten Volkskammer und bekleidete von 1993 bis 2003 das Amt des Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Von 1994 bis 2014 arbeitete er als Stadtrat in der Fraktion „Bürger für Jena

Foto: Thomas Stridde

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Jürgen Haschke ist ein Meister des musikalischen Sprechens. Das darf sich auch jeder Leser dieser Zeilen vorstellen, die einige bei Haschke aktuell eingefangene Gedanken anlässlich seines morgigen 75. Geburtstages enthalten: die Bass-Lage für die Empörung etwa; die hohe und fast gesungene Lage für das feine Analytische. So verwundert es nicht, dass der langjährige Thüringer Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (1993 bis 2003) als bekennender Literaturfreund von seinem Faible für Autoren-Lesungen berichtet. „Ich lasse mir sehr gerne vorlesen und genieße die Sprachmelodie des Autors.“ – Seiner Frau zuliebe höre er sich auch Krimi-Autoren an.

Verurteilt wegen staatsgefährdender Hetze

Zuletzt jedoch war es der deutsch-rumänische Schriftsteller Eginald Schlattner, der Ruhm erlangt hat mit der Aufarbeitung seiner Biographie, eines Lebens unter der Fuchtel der rumänischen Stasi – der Securitate. Haschke, der selbst 1961 wegen „staatsgefährdender Hetze“ in der DDR verurteilt wurde, hat hier gewiss mit differenziert aufgeladener Anspannung gelauscht, zumal er mit seiner Familie schon zu DDR-Zeiten Rumänien immer wieder bereist hat und seit 1990 etwa 15 Kilometer vor den Toren der „Europäischen Kulturhauptstadt 2007“ Hermannstadt (Sibiu) in einem kleinen Haus einen Nebenwohnsitz hält.

Ja, mit rumänischen Assoziationen war für Haschke auch der gestrige traurige Tag verbunden. Er war in Berlin Gast der Beerdigungsfeier für den am 17. Mai 63-jährig verstorbenen Jenaer DDR-Bürgerrechtler Peter „Blase“ Rösch. „Blase war ein sympathischer Mensch; wir haben immer einander besucht und uns sogar in Rumänien getroffen.“

Und so hat Haschke denn auch seine Nöte, wenn noch heute etwa das Schaffen der deutsch-rumänischen Literaturnobelpreis-Trägerin Herta Müller mit „Brückenbau nach Osteuropa“ umschrieben wird. Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien – das sei Mitteleuropa.

Wie schaut der Chemie-Ingenieur, der bis 1990 beim VEB Leunawerke gearbeitet hat, auf seine Zeit als Beauftragter für die Stasi-Unterlagen? – „Als ich das Amt übernommen hatte, war das Aufgabenfeld riesig groß: 20 000 Menschen, die als Opfer der SED-Diktatur dastanden.“

Vor ihm habe sich eine Unzahl von Fällen aufgetan, „die so was von erschütternd waren“. Die Schicksale hätten ihm die Stimme verschlagen, obwohl er gewappnet war dank eigener Erfahrungen und denen von vier Freunden, die aus politischen Gründen in Haft saßen.

In seiner Person hätten viele Leute erstmals jemanden gefunden, „dem man das erzählte“. Deshalb habe er auch den Rat einer Ärztin eingeholt. „Sie hat zu mir gesagt: ‚Die wollen nur, dass jemand mal zuhört. Gib ihnen die Möglichkeit, dass sie in dir immer einen Ansprechpartner haben.‘ – Genau das ist dann passiert.“

Aus jener Zeit seien es bis heute zehn Leute geblieben, die einmal im Jahr mit ihm sprechen. „Was die erlebt haben, habe ich nicht erlebt, aber weil sie in mir diesen Zuhörer sehen, ist das okay. Solch ein Vertrauen – da gehört schon was dazu.“ Gleichwohl habe er immer gesagt: „Ihr müsst anfangen, das auch euren Familien zu erzählen.“

Jürgen Haschke, der bis 2013 in Jena dem Verein „Geschichtswerkstatt“ vorstand, gelangt zu dem Schluss, es gebe „immer weniger, die zuhören“, obwohl doch bis zum Ende der DDR politische Häftlinge einsaßen. „Das ist meine Trauer, dass die Öffentlichkeit jenes Leid immer weniger zur Kenntnis nimmt“, sagt Jürgen Haschke. Ja, schon wahr, es bestehe eine „unwahrscheinlich breite Aufarbeitungslandschaft“; das funktioniere mittlerweile als Geschäftsmodell. Doch fielen ihm nur zu oft junge Historiker ins Auge, die ihre Geschichten unzureichend anhand der wirklich Betroffenen gestalten. Und zumindest könne man doch wegen des einen oder anderen Protagonisten einen Antrag beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen stellen: „Mal gucken, ob der IM war! Aber das machen die nicht; darüber ärgere ich mich.“

Marx-Büste: Entsetzlich ist das Wiedererrichten

Geärgert hat sich Haschke auch über die Diskussion um die Wiederaufstellung der Karl-Marx-Büste in Jena. Wenigstens hätte man nach seiner Auffassung zehn Jahre damit warten können, „dann kränkt es die Opfer nicht mehr“. Und weshalb nicht wenigstens vorab mit jemandem von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) gesprochen wurde! Haschke ist deren Bezirksvorsitzender. „Wir sind doch keine Bilderstürmer; aber hier ist das Wiedererrichten das eigentlich Entsetzliche.“

Selbst solch mahnendes Wort mag erkennen lassen: Haschke ist nicht der Rächer der Opfer mit Schaum vorm Mund. Eher gelassen schaut er auch auf seine 2014 beendete 20-jährige Ära als Stadtrat der Fraktion „Bürger für Jena“: „In dem Alter will ich nicht mehr Entscheidungen für die Zukunft der Stadt treffen. Die Zukunft gehört den Kindern und Enkeln – sie müssen ihr Haus bauen.“

Dem Literaturfreund Haschke jedoch lässt sich Gelassenheit nicht so recht bescheinigen, stellt er doch fest: „Weil ich jetzt nicht mehr so viel Zeit habe, lese ich viel mehr Bücher als früher.“

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