Meine Meinung: Über Debatten im Bett

Jördis Bachmann
Jördis Bachmann

Jördis Bachmann

Foto: Privat

Jördis Bachmann zum Schweigen-Dilemma.

Nachdem ich lang und hitzig mit ihm diskutiert hatte, fragte ich einen Freund, der sich an den nicht genehmigten Corona-Protesten in Jena beteiligt, was seine Frau denn dazu sage, dass er „mitspaziere“. „Wir reden da nicht drüber“, war seine Antwort. Vermutlich ist das eine gute Strategie, um Ehekrisen zu vermeiden. Ich kenne gar ein Ehepaar, das sich nicht erzählt, welche Partei gewählt wird.

Da stellt sich mir die Frage, wann das Widersprechen unerlässlich ist? Und vor allem: Wonach entscheide ich, mit wem ich befreundet sein möchte, oder gar, mit wem ich das Bett teile, wenn ich über ganz wesentliche Themen nicht spreche?

In Zeiten der Pandemie boomen Internet-Datingportale noch mehr als zuvor. Die Clubs, in denen man sich näherkam, sind zu – die Smartphones leuchten auf der Couch. Parship für die gesetzteren Singles, Tinder für die jungen Wilden, „No longer Single“ für Veganer – und „TrumpSingles“ für die politisch Festgelegten. Vielleicht hätte ja auch ein Spazier-Singles-Portal Erfolg im Netz. Mir fielen weitere Portale ein, die es zwar noch nicht gibt, die aber beim Schweigen-Dilemma helfen könnten: Links-Like-You.de oder Liberale-Liebe.de oder Wir-machen-Christkinder.com.

Ja, das Netz macht Ausschlussverfahren leichter: Ein falscher Kommentar und man fliegt raus aus der Freundesliste – zack, gelöscht. Doch aus dem echten Leben lassen sich Menschen nicht löschen. Mein Freund bleibt mein Freund – wir reden, werden laut, streiten, vertragen uns.

Wer eine Hilfe zum Brückenschlag benötigt, dem sei Juli Zehs Roman„Über Menschen“ ans Herz gelegt. Er spielt mitten in der Pandemie und erzählt von Ignoranz, Überheblichkeit und Misstrauen – und ist doch versöhnlich.