Meinung: Bleibe behütet!

Michael Ipolt
| Lesedauer: 3 Minuten
Pfarrer Michael Ipolt

Pfarrer Michael Ipolt

Foto: Eckhard Jüngel

Wort zum Sonntag

Unter meine Mails schreibe ich in letzter Zeit: „bleibe behütet!“. Das hat ein bisschen was Altmodisches wie das frühere „bleiben Sie uns gewogen“. Es drückt ja aus, dass jemand dahinter steht, der uns behüten soll. Wer uns da behütet und behüten soll, ist Gott selbst, der Hüter und gute Hirte. Darum also: bleibe behütet!

Ja, Gott behütet uns. Da ist nötig. Wir können und müssen uns zwar selbst schützen, so gut wir können. Aber da bleibt so ein Rest, so etwas, das wir nicht selbst können. Aber nein, Gottes Hut ist so groß, dass damit alles abgedeckt wird. Wir können nämlich Gottes Hut und unsere Vorsicht nicht gegeneinander aufrechnen. Nein, Gottes Schirm ist größer als mein Schirm. Gottes Schutz schirmt auch das Himmelszelt und den unermesslichen Sternenhimmel noch.

Aber wozu dann noch unsere eigene Vorsorge? Weil Gottes Sorge durch unsere Menschensorge geht und sich durch das Walten der Naturgesetze und durch alles Zufällige und Unberechenbare vollzieht. Gott waltet in allem. Gott bleibt frei auch gegenüber seiner Schöpfung. Er wirkt in all dem, was wir vorsehen und berechnen und verstehen können. Und er wirkt in all dem, was wir nicht vorsehen und berechnen und verstehen können. Gottes Sorge hebt meine eigene Sorge nicht auf. Er hebt auch die Naturgesetze nicht auf. Und dennoch ist er über alle diese Kräfte hinaus und in allen diesen Kräften mächtig und hütet uns. Auch in dem, was wir Unglück nennen, Katastrophe und Schrecken und Not. Wir nennen es Unglück und Schrecken und Not und das sind sie auch.

Darum schreien wir, sind wütend und weinen. Und das mit Recht. Aber auch darin und darüber ist Gottes Schirm aufgespannt. Wir haben zwar das gegenteilige Gefühl, dass Gott uns verlassen hat und eben nicht auf uns, unsere Welt und unsere Lieben aufgepasst hat. Für uns ist Verlassenheit und Not das Schlimmste, was passieren konnte. So ist es, weil wir in der Zeit, im Jetzt leben. Und wir dürfen diese Not und die Verlassenheit vor Gott herausschreien, müssen es auch und sollen es auch.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“Dennoch behütet uns Gott auch in diesem Moment. Aber gerade das wirkt auf uns unmöglich und pervers und wir können das nicht richtig denken und glauben. Die Zeit aber hilft uns und darin hilft Gott, dass wir nämlich Wege der Wut und der Trauer gehen können und darin wachsen und reifen. Dass wir mit den Jahren erkennen, was erst einmal gar nicht zu sehen war: auch in den Katastrophen und durch das Leid hat Gott etwas gewirkt und mich und die Menschen weiter geführt.

Das aber können wir meist erst nach einer langen Zeit der Seelenarbeit, der Lebensarbeit erkennen, besser erahnen und glauben. Es wird uns erst richtig einsichtig, wenn wir einmal ganz bei Gott sind. Jetzt und hier können wir es im Glauben und Vertrauen ab und zu einmal sehen, spüren, ahnen und dessen gewiss sein.

Ich wünsche es Ihnen an diesem 5. Ostersonntag, dass sie Gottes Hüten, Bewahren und Führen spüren – und behütet bleiben.