Meine Meinung: Über den Herrn der Zeit

Werner Müller aus Thierschneck kümmert sich seit 20 Jahren täglich um das Aufziehen der Kirchturmuhr.

Werner Müller aus Thierschneck kümmert sich seit 20 Jahren täglich um das Aufziehen der Kirchturmuhr.

Foto: Jördis Bachmann

Jördis Bachmann zieht zerstreut durch Küche und Thierschneck.

Ich will Abendessen auf den Tisch stellen. Eier für die Kinder. Eier. Meier. Meinerl. Mist, die Bürgermeisterin von Thierschneck heißt doch nicht Meinerl, sondern Meierl. Die Eier-Packung in der Hand zum Laptop – Korrektur im Text vornehmen. Verdammt, wo hab ich denn jetzt die Eier hingestellt?

Jüngst ließ ich gar das Smartphone beim Pressetermin liegen. Darauf waren dummerweise die benötigten Pressebilder. Der Zeitungsandruck saß mir im Nacken, der Puls stieg – nur durch die Unterstützung eines Presse-Kollegen, der mir ein Bild zur Verfügung stellte, konnte ich das Problem lösen. Danke noch einmal, lieber Olaf! Im Büro saß ich am Freitag auf dem Praktikantenplatz: Laptop vergessen!

Herzliche Grüße an den Frontallappen hinter meiner Stirn: Mal tüchtig auswringen und neu starten! In Verzweiflung über den verlegten Autoschlüssel google ich nach „früh einsetzender Demenz“. Doch es ist wohl eher Zerstreutheit, die mir das Leben schwer macht. Etwas tun und dabei an etwas anderes denken. Das Jetzt entgleitet, weil man schon das Kommende im Kopf hat oder etwas Vergangenes in den Sinn kommt. Vielleicht hilft ja Yoga im Planetarium, um sich tiefenentspannt auf das Jetzt zu konzentrieren und den Fokus zu halten.

Die Eier lagen auf der Flurgarderobe. Beim Durchquirlen sehe ich auf die Uhr und mir fällt ein weiterer Thierschnecker ein: Werner Müller. Er erklärte mir, dass er seit etwa 20 Jahren die Uhr des Kirchturms täglich aufziehe. Er ist sozusagen der Herr der Zeit in Thierschneck – toll. Hatte ich denn jetzt Salz an die Eier gemacht?