Menschen in Jena: die Grafikerin Gerlinde Böhnisch-Metzmacher

Jena  Menschen in Jena: Grafikerin Gerlinde Böhnisch-Metzmacher denkt noch nicht an den Ruhestand

Foto: zgt

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„Vielleicht hängt‘s mit dem Alter zusammen, dass ich mich mit Baumstümpfen beschäftige“, sagt Gerlinde Böhnisch-Metzmacher. Seit geraumer Zeit studiert und malt sie Baumporträts, besser Baumstumpf-Porträts.

„Wenn ich spazieren gehe, entdecke ich immer wieder einen Ort, wo ein Baum gefällt worden ist. Das ist jedes Mal etwas Neues, Überraschendes“, so die 82-Jährige. Wenn auch die Bäume tot sind, da wachsen Pilze, da rankt Efeu, und da gibt es auch mal kleine Ableger. „Deshalb sind die Bilder nicht traurig.“ Gerlinde Böhnisch-Metzmacher, oder auch GBM genannt, fotografiert den Baumstumpf, notiert sich Eindrücke – und schaut dann zu Hause im Atelier, was daraus künstlerisch zu gestalten ist.

„Ich mache jetzt eigentlich Stillleben, nein, nicht ein Apfel und ein Ei auf dem Tisch, aber die Baumporträts sind Stillleben.“ Und fügt hinzu: „Die Bäume geben keinen Ton mehr ab, es lebt aber aus und um ihnen. So habe ich Still-Leben“, sagt sie verschmitzt lächelnd über das Wortspiel.

Das erste Mal hat sie einige Baumporträts in der Ausstellung in der Villa Rosenthal anlässlich ihres 80. Geburtstags gezeigt. Mit dem Thema hat sie nicht abgeschlossen, zumal nahezu jeder Spaziergang ein neues Motiv bringt.

Schon als Kind hat GBM gezeichnet und gemalt, mit Kreide und Buntstiften. „Es gab keine Filzstifte“, sagt sie. Und bis heute ist sie spartanisch geblieben bei ihren Malutensilien: Buntstifte, Aquarellstifte, Pastellkreide, Bleistifte, Feder, Tusche, Wasser- und Ölfarben. Und sie liebt die traditionellen Techniken, das Malen mit Ölfarben zum Beispiel. „Da kann man auch mal etwas korrigieren, was besonders bei meinen Kopien sehr wichtig war.“ Sie hat die Professorenporträts der Friedrich-Schiller-Universität kopiert.

Nach dem Abitur 1954 absolvierte sie Praktika in Leipzig und beim VEB Carl Zeiss Jena, studierte dann Gebrauchsgrafik an der Fachschule für Angewandte Kunst in Heiligendamm, um anschließend in der Werbeabteilung bei Zeiss zu arbeiten. Nach nur eineinhalb Jahren jedoch beendete sie dieses Kapitel. Denn sie wollte nicht immer nur Geräte zeichnen, Prospekte für Messen.

Nach der Aufnahme in den Verband Bildender Künstler 1961 konnte sie sich selbstständig machen, war von nun an eine Freischaffende. Sie gestaltete mit ihren Werken eigene Ausstellungen, beteiligte sich an Ausstellungen, gestaltete Logos und andere grafische Elemente.

Gebrauchsgrafiker, ein solider Beruf, auf den man aufbauen kann

Gerlinde-Böhnisch-Metzmacher kopierte nicht nur für die Jenaer Universität Gemälde, auch für verschiedene Museen. Eine Intarsien-Arbeit in Gips gestaltete sie 1964 für einen Jenaer Kindergarten.

Diese war nach der Wende über Jahre hinweg verschwunden, verdeckt von einer Schutzwand und wurde erst 2012 wiederentdeckt. „Es hat auch nach der Wende keinen Einschnitt für mich bei den Aufträgen gegeben“, sagt sie, was sie darauf zurückführt, dass sie als gelernte Gebrauchsgrafikerin sehr vielgestaltig arbeiten kann. „Das ist sehr solider Beruf, auf dem man aufbauen kann.“

Als in den letzten Jahren mehr und mehr Fotobücher über Jena auf den Markt kamen, wollte Gerlinde Böhnisch-Metzmacher dem etwas entgegensetzen. Sie gestaltete gezeichnete Jena-Bücher, inzwischen sind drei davon auf dem Markt.

„Ich wollte eine Art Konkurrenz zu den Fotos gestalten, und mit den gemalten Bildern kann man Einzelheiten an den Häusern viel stärker herausarbeiten“, sagt sie. Das erste Buch heißt „Jena in ungewöhnlichen Ansichten“. Detailgenau brachte sie dafür Altes und Neues aus der Stadt aufs Bild. „Dafür bin ich auf Dachböden gestiegen, habe Altes und Neues nebeneinander festgehalten“, erzählt sie. Ein Bild zeigt beispielsweise die Reste des Karmeliterklosters am Engelplatz vor der Sanierung. Darauf ist jeder Stein, jeder Balken exakt zu sehen. Jedes Bild aus dieser Serie ist ein kleiner Beweis für Exaktheit, Genauigkeit, Sorgfalt und solides Handwerk. „Damit hatte ich meine Nische gefunden“, sagt sie selbst dazu. Allein in dem einen Buch sind mehr als 70 Bilder zu bestaunen.

Früher, so erzählt sie, habe sie sehr häufig zwei bis drei Dinge nebeneinander bearbeitet. Das falle ihr inzwischen schon schwer. Deshalb konzentriere sie sich auf ein Vorhaben, derzeit eben die Baumporträts. „Aber wenn ich mal Entspannung brauche, dann entstehen meine Collagen.“

Von diesen, teils lustigen, teils mit ernstem Hintergrund gestalteten Bildern hängen viele in ihrem Atelier, alle gestaltet aus ausgeschnittenen Motiven von Werbebroschüren und Katalogen. „Damit habe ich selbst Spaß und freue mich, wenn ich den Betrachtern Freude bereiten kann.“

In Zukunft möchte sie weitere Urlaubsbilder aufarbeiten. Daraus entstehen dann so genannte Papiermosaike, filigrane Arbeiten, bei denen sie passende Papierstücken zusammenfügt zu einem fast fotografisch exakt anmutenden Bild, eben einem Papiermosaik. Etliche davon liegen schon in ihren Schubladen, die voller eigener Bilder sind. Aber etliche Urlaubsfotos warten noch darauf, Eingang in die Mosaike zu finden. Denn gearbeitet wird bei Gerlinde Böhnisch-Metzmacher nach wie vor jeden Tag.

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