Mordfall Jena-Winzerla: Angeklagter nahm andere Nachbarin finanziell aus

Er galt als höflich, zuvorkommend und freundlich: Wie der wegen Mordes Angeklagte eine andere Nachbarin finanziell ausgenommen hat.

Verteidigerin Stefanie Biewald spricht mit dem Angeklagten.

Verteidigerin Stefanie Biewald spricht mit dem Angeklagten.

Foto: Tino Zippel

Gera. „Mein ganzes Erspartes ist mir durch die Lappen gegangen.“ Das sagt eine 77-Jährige, die mit dem Angeklagten im Mordverfahren Jena-Winzerla auf einer Etage wohnte, beim Prozess am Landgericht Gera. Sie habe genau wie die getötete Rentnerin ein gutes Verhältnis zum Flüchtling aus Afghanistan gehabt. Doch er habe dieses Vertrauen schwer missbraucht.

Mehrfach habe sie dem jungen Mann Geld geliehen, einmal sogar 4000 Euro am Stück. „Er brauchte es für eine Augenoperation seiner Mutter. Und weil meine Mutter erblindet war, hatte ich Mitleid“, berichtet die Seniorin. Sie reichte ihm weitere größere Barbeträge, einmal die angebliche Miete für drei Monate. Dass er das Geld als Hartz-IV-Empfänger vom Amt bekam, wusste sie nicht. Im Nachgang fielen Zahlungen von ihrem Konto auf jenes des Angeklagten auf. „Die Schrift auf den Überweisungsträgern ist nicht von mir“, sagt die Frau, auf die ohne ihr Wissen auch eine Kreditkarte lief.

Neun Handyverträge und ein Wutanfall im Einkaufszentrum

Sie schloss neun Handyverträge für den Angeklagten ab, der „immer das neueste und beste Telefon“ brauchte. Das ging solange, bis die Rentnerin kein Geld mehr hatte. Beim Kauf einer Uhr und eines Handys in Jena-Burgau fiel auf, dass das Konto nicht gedeckt war. „Da ist er herumgesprungen wie Rumpelstilzchen“, sagt die Zeugin, die vergeblich auf die Rückzahlung von 14.000 Euro wartete. Auch ihre Nachbarin, das spätere Opfer, habe dem Flüchtling Geld zugesteckt. Am Tag vor dem Tötungsverbrechen waren beide mit ihm für eine Rückzahlung verabredet, doch der junge Mann kam nicht.

Dessen Betreuerin sagt, dass der Geflüchtete unter psychischen Problemen litt und Ärzte eine stationäre Behandlung empfohlen haben. Sein Vater und Bruder seien von Militärs umgebracht und er entführt worden. Seine Mutter habe sich nach der Freilassung für die Flucht eingesetzt. Zugleich hänge der Mann so sehr an seiner Mutter, dass er zwischenzeitlich zu Besuch nach Afghanistan geflogen sei. Auch soll er 7000 Euro für eine weitere Reise vom späteren Opfer gefordert haben. Die Zeugin, eine gute Freundin der Rentnerin, konnte sich an eine diesbezügliche Aussage nun nicht mehr erinnern. Allerdings soll der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft nach dem Tod der Frau versucht haben, mit einem gefälschten Überweisungsträger 7000 Euro zu erlangen.

Hauptschulabschluss trotz guter Noten nicht geschafft

Die Betreuerin beschreibt den Angeklagten als „super höflich, zuvorkommend, freundlich, sehr verlässlich“. Vermögensfragen seien wegen Differenzen aus der Betreuung ausgeklammert worden. Der Angeklagte spreche sehr gut Deutsch und sei intelligent. Den Hauptschulabschluss schaffte er trotz guter Noten nicht, weil er zu oft unentschuldigt fehlte. „Er litt unter erheblichen Schlafstörungen, ist oft erst morgens eingeschlafen und hat es deshalb nicht geschafft, früh aufzustehen“, sagt die Betreuerin. Zudem sei er in der Schule schikaniert worden. So habe eine Lehrerin in Anwesenheit des Angeklagten im Unterricht gefragt, welche Mitschüler für eine Abschiebung der Flüchtlinge seien.

In seinem Viertel habe er sich unwohl gefühlt und deshalb einen Umzug nach Frankfurt am Main erwogen. Er sei zweimal körperlich attackiert worden. Über ein Jahr lang habe ständig jemand sein Namenschild am Appartementhaus abgerissen. Nach dem Mord hing in dem Gebäude ein ausländerfeindliches Flugblatt.

Protokoll des Grauens nach Tod von Rentnerin in Jena-Winzerla

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