Mordfall Jena-Winzerla: So begründet das Gericht die Höchststrafe

Gera.  Der Prozess zog sich über 23 Verhandlungstage und kostete einen sechsstelligen Betrag. Nun geht das Verfahren zum Bundesgerichtshof.

Der Angeklagte am Tag der Entscheidung.

Der Angeklagte am Tag der Entscheidung.

Foto: Tino Zippel

In seinem letzten Wort hatte er noch einen forschen Ton angeschlagen und seine Unschuld betont. Doch damit hat der 25-Jährige die erste Strafkammer des Landgerichtes Gera nicht überzeugt: Sie verurteilte ihn am Mittwoch wegen Mordes an einer 87 Jahre alten Rentnerin aus Jena-Winzerla zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Der Vorsitzende Uwe Tonndorf begründete das Urteil ausführlich.

Der Flüchtling aus Afghanistan habe schon im Vorfeld der Tat eine andere Nachbarin um ihr Vermögen gebracht, indem er Handyverträge auf ihren Namen abschloss, um an teure Apple-Handys zu kommen. Die Kammer sieht die „grenzenlose Gier nach Geld“ als Auslöser des Mordes. Wo genau er die rüstige Rentnerin, die trotz ihres Alters in einem Jenaer Restaurant mitarbeitete, umgebracht hat, blieb im Dunkeln. „Höchstwahrscheinlich in deren Wohnung“, sagt Tonndorf.

Über drei Minuten qualvoll erstickt

Mit massiver Gewalt habe der Täter auf die Frau eingewirkt, die über drei Minuten lang qualvoll erstickt sei. Anschließend habe der Angeklagte sie in einen Koffer gepackt und in deren Keller gewuchtet. Die Polizei entdeckte den Koffer nebst Leiche später im Schrank. Zugleich versuchte der Angeklagte, Geld vom Konto des Enkels der Frau auf sein eigenes Konto zu überweisen. Dieser Versuch scheiterte, weil eine Bankmitarbeiterin beim Inspizieren der Unterschrift stutzig wurde.

Keine Belege für Version des Angeklagten

Der Angeklagte hingegen hatte behauptet, ein anderer Mann aus Jena-Winzerla habe die Rentnerin getötet. Sie sei beim Versuch, bei ihm Geld einzutreiben, zwischen die Fronten geraten. „Diese Einlassung war nur eine Schutzbehauptung“, sagt der Richter. Die Gen- und Faserspuren des Angeklagten an den Kleidungsgegenständen der Frau oder am Griff des Koffers ließen keinen anderen Schluss zu. Dagegen war vom benannten anderen Verdächtigen nur in einer Spur am Koffer DNA nachzuweisen – weil es sich um eine Mischspur von mindestens sechs Beteiligten handelte, könnte dies aber eine Zufalls­überschneidung gewesen sein. Gegen den Angeklagten sprach aus Sicht des Gerichtes auch, dass er nach dem Mord Begriffe wie „Raubmord“ oder „Todesstrafe“ googelte.

Die Kammer sieht Widersprüche in der Einlassung, wonach der andere Verdächtige mit drei Personen vorgefahren sei. „Warum haben diese die Leiche nicht mit dem Auto mitgenommen und stattdessen zunächst in den Keller gebracht“, fragt Tonndorf. Auch habe es keine Verfahren gegen den anderen Beschuldigten gegeben, der angeblich Kopf einer Drogenbande war. „Sie haben einen völlig Unschuldigen bezichtigt“, sagt Tonndorf. Das wirke wie die Brutalität strafschärfend, weshalb die Kammer auf die besondere Schwere der Schuld erkenne, die eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren deutlich erschwert.

Nebenklage: Täter hat Erfahrungen aus Betrugshandlungen eingebracht

Das Urteil folgt dem Antrag von Oberstaatsanwalt Horst Sauerbaum und der Anwälte Susan Rechenbach-Auerswald und Stefan Rochlitz, die die Kinder der Verstorbenen vertreten haben. Der Angeklagte habe seine Erfahrungen aus Betrugshandlungen eingebracht, gut Geschichten erzählen zu können, sagt die Nebenklage-Vertreterin: „Eine starke und hilfsbereite Frau ist sinnlos aus dem Leben gerissen worden.“

Verteidigung wollte Freispruch

Die Verteidigung hingegen hatte auf Freispruch plädiert. „Die Beweisaufnahme hat nicht das ergeben, was für eine Verurteilung notwendig ist“, sagt Rechtsanwalt Ulf Weinhold. Es könne keine Tathandlung rekapituliert werden, damit ließen sich auch keine Rückschlusse auf den Tathergang und etwaige Mordmerkmale ziehen. Verteidigerin Stefanie Biewald kritisiert, dass das Verfahren vor der falschen Kammer stattgefunden habe. Zumal unsicher sei, ob verwendete Röntgenbilder bei der Altersbestimmung überhaupt vom Angeklagten stammten. Normalerweise sei die Jugendkammer zuständig. Das weist das Schwurgericht zurück: Ein Gutachten belege, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt über 21 Jahre alt war.

Der Angeklagte bestritt in seinem letzten Wort erneut die Tat. „Ich wurde reingelegt, ich bin nicht der Mörder“, sagte der Angeklagte. Er warf dem Oberstaatsanwalt mangelhafte Ermittlungen vor. Er werde ihm beweisen, dass er nicht der Täter sei, egal ob es 15 oder 20 Jahre oder bis zu seinem Lebensende dauere. Er sei nach Deutschland gekommen, um hier den Mord von Taliban an seinem Vater und Bruder zu vergessen. Nun werde ihm hier ein Mord angehängt.

Angeklagter will in Revision gegen Urteil gehen

Verteidigerin Stefanie Biewald kündigt an, dass der Angeklagte Revision gegen das Urteil einlegen will. Der Bundesgerichtshof prüft dabei das Verfahren auf Rechtsfehler. Laut dem Vorsitzenden Richter hatten allein die ersten zehn Verhandlungstage des Prozesses in Gera 200.000 Euro gekostet – 13 weitere waren letztlich nötig.