Paradiesschuldirektor und Eisenbahnfan: Werner Drescher wird 75

Jena  Werner Drescher: Der ehemalige Paradiesschuldirektor und große Freund der Eisenbahn feiert heute 75. Geburtstag

Werner Drescher am Bahnhof Jena-Göschwitz:

Werner Drescher am Bahnhof Jena-Göschwitz:

Foto: Thomas Beier

Bei Werner Drescher wird heute an seinem 75. Geburtstag das Handy öfter mal klingeln. Und es läutet nicht irgendwie. Der Pfiff einer sächsischen Schmalspur-Dampflok ertönt als Klingelton. Das Geräusch hat er 1975 selbst aufgenommen mit einem Spulentonbandgerät der Bauart „Uran“ an der Pressnitztalbahn irgendwo zwischen Wolkenstein und Jöhstadt im Erzgebirge.

Von Werner Drescher ist bekannt, dass er sich ziemlich gut bei der Eisenbahn auskennt. Der Saalbahn und der Weimar-Geraer-Bahn widmete er große Bücher. Beide Eisenbahnstrecken waren viele Jahrzehnte lang Motor für den wirtschaftlichen Aufschwung der Region. Die aktuelle Entwicklung ärgert ihn deshalb enorm. „Jena wird ab dem Fahrplanwechsel in Dezember erstmals ohne Fernverkehrsanbindung sein“, sagt er. Und er hofft, dass dies nur eine vorübergehende Erscheinung bleibt.

Drescher unterstützt fachlich das Bündnis für Fernverkehr, einen lockeren Zusammenschluss aus Firmen, Wissenschaftseinrichtungen und Institutionen, der sich darum müht, zu retten, was zu retten ist. Die Entscheidungen, die in der Folge zur nahezu ersatzlosen Streichung des ICE-Verkehrs auf der Saalbahn führten, wurden in den 90er Jahren und kurz danach getroffen. Jena wurde eingelullt mit dem Bau des ICE-Haltepunktes, sagt Werner Drescher. Bald wird der reichlich überdimensioniert sein.

Den Mauerbau als Berliner miterlebt

Woher die Liebe zur Eisenbahn kommt, konnte Werner Drescher nie so genau ergründen. Mit Sicherheit kann er über sich selbst aber sagen: „Ich bin ein Berliner!“ Dort stand sein Elternhaus, und zeitweise wohnte er sogar in der Bernauer Straße, jener Berliner Straße, bei der die Häuser im Ostteil standen und der angrenzenden Fußweg zum Westen gehörte. Am 13. August 1961 wollte er mit Freunden ­eigentlich in Tegel tanzen gehen, im Westteil also. Die Abriegelung der Sektorengrenze durch die DDR kam dazwischen, und so dauerte es 28 Jahre, bis er wieder nach Tegel hätte fahren können.

„Bei mir ging es nie geradlinig“, sagt Werner Drescher über sich. Er erlernte den Beruf eines Mechanikers und machte später die Technikerausbildung an der Abendschule. Wegen kirchlicher Bindungen war für ihn das Abitur auf dem direkten Wege nicht möglich.

Von Berlin ging er nach Guben, das damals „eine Großbaustelle des Sozialismus“ war. Die Arbeit machte ihm ­anfangs Spaß, wurde aber ­kompliziert, weil für die ihm nahegelegte Leitungstätigkeit der Eintritt in die SED gefordert wurde. Das wollte Werner Drescher nicht, was seinem beruflichen Fortkommen nicht gerade dienlich war. Noch dazu, weil er bei der Befragung durch staatliche Organe mal sehr keck geantwortet hatte: „Ich schaue kein Westfernsehen, ich höre immer nur Rias Berlin.“ Das Radio der Amerikaner mochten die Genossen gleich gar nicht.

Carl Zeiss Jena brauchte Berufsschullehrer

Er nahm ein Pädagogikstudium auf, das ihn nach Jena führte, denn Zeiss suchte händeringend Lehrer in der Berufsausbildung. Das Kombinat Carl Zeiss Jena war zeitweise der größte Ausbildungsbetrieb im Republikmaßstab. Mit seiner Spezialisierung auf Datenverarbeitung und Elektronik wurde er mit Kusshand genommen. Ein paar Jahre später dampfte Zeiss den Umfang der Lehrausbildung wieder ein, und viele Lehrer schauten sich nach anderen Arbeitsstätten um. So kam er 1975 zur Paradiesschule, einer Berufsschule, in der für Handel und Gastronomie ausgebildet wurde.

Als ihn Kollegen zur Wendezeit ansprachen, ob er nicht Direktor werden wollte, lehnte er dies zunächst ab. Er hatte ja schon einen Lehrerverband für kaufmännische Berufe gegründet und wollte diese Funktion nicht aufgeben. Er wurde zum Stellvertreter gewählt. Ja, so basisdemokratisch ging es im Schulwesen tatsächlich zu. 1992 wurde er schließlich doch Schuldirektor und versah dieses Amt, bis er 2008 in den Ruhestand ging.

Er blieb seiner Schule verbunden. Zum Beispiel kämpfte er kurz darauf mit dafür, dass die Schule ihren angestammten Standort in der Paradiesstraße behalten konnte. Die Eingliederung nach Göschwitz in die dortige Schule stand nämlich an.

Im Ruhestand fuhr er mehr Eisenbahn als je zuvor. Er reiste zeitweise als Fahrgastbefrager durchs Land und war international auf Achse. Im syrischen Aleppo durfte er sogar die Bahnhofsglocke läuten. Sein Traum, von Teheran aus in die drei wichtigsten Städte des Morgenlandes auf der Schiene zu reisen, erfüllte sich nicht. Der Syrien-Krieg kam dazwischen.

Die Sache mit Triebwagen 26

Werner Drescher ist Vorsitzender des Jenaer Nahverkehrsbeirates. Der kleinen Eisenbahn fühlt er sich nämlich ebenso verbunden. So kümmerte er sich zu DDR-Zeiten gemeinsam mit einem Mitstreiter darum, dass mit der Stilllegung der Eisenacher Straßenbahn ein Triebwagen für museale Zwecke nach Jena kam. Der Eisenacher Wagen entstammte nämlich einer Baureihe, die viele Jahre in Jena lief. Wagen 26 ist heute das älteste Fahrzeug im Bestand des Jenaer Nahverkehrs. Daher kam es nicht von ungefähr, dass Drescher bei einem früheren Geburtstag schon mal mit der Straßenbahn am Spittelplatz abgeholt wurde. Dazu soll es an ­seinem 75. jedoch nicht kommen. Der Tag ist fahrplanmäßig für eine Feier mit der Familie vorgesehen. Am Eisenbahnerstammtisch gibt er nächste Woche einen aus.