Jena vor 30 Jahren

Spezielle Einsatzmittel für den 9. November 1989

Jena.  Mit Tränengas und MPi plante das MfS in Jena „Ordnung und Sicherheit“ zu wahren, doch dann kam Schabowski

Dienstzimmer in der MfS-Dienststelle Gerbergasse 18 in Jena

Dienstzimmer in der MfS-Dienststelle Gerbergasse 18 in Jena

Foto: BStU/ Sammlung Frank Döbert

Am Sonnabend, dem 4. November 1989, hatten die Genossen der Kreisdienststelle (KD) Jena des MfS in der Gerbergasse miterleben müssen, wie 40.000 Jenaer ihren Protest gegen die Zustände in der DDR und in Jena offen zum Ausdruck brachten. Und nun war ihnen für diesen Donnerstag, den 9. November, erneut eine Fürbittandacht und Demonstration bekannt geworden.

Stasiakten zur Sicherheit eingepackt

Doch nicht nur deshalb war die Stimmung getrübt. An einer außerplanmäßigen Parteiversammlung an diesem Tag hatte der Leiter der Bezirksverwaltung (BV) Gera des MfS, Generalmajor Dangrieß, teilgenommen. Die sollte, wie der Parteisekretär Lippoldt der KD fünf Tage später an den „Werten Genossen Modrow“ schriftlich berichtete, „eigentlich der ideologischen Stählung unserer Genossinnen und Genossen dienen“. Doch der BV-Chef wollte die Zeichen der Zeit nicht wahrhaben: Mehrere Sprecher der Berliner Großdemonstration vom 4. November mit einer halben Million Menschen, hatte er als „Pack, Gesocksche und Lumpen“ beschimpft und den Jenaer Genossen mit auf den Weg gegeben: „Wem jetzt die Knie weich werden, der könne gehen …“. Dass es tatsächlich so ernst werden könnte wie zuletzt am 17. Juni 1953 war ihnen spätestens klar geworden, nachdem der Geraer Vize-BV-Chef Oberst Seidel am 6. November befohlen hatte, Personalakten der Inoffiziellen Mitarbeiter, die IM-Quellenkartei, Handakten der Mitarbeiter sowie „bedeutsame Operative Vorgänge“ zu bündeln und verplombt in Jutesäcken zur Abholung bereitzuhalten. Zwei Tage später, am 8. November, schließlich informierte Dangrieß selbst in einem mit Dringlichkeit „Flugzeug“ an alle Kreis- und Objektdienststellen des MfS im Bezirk Gera gerichteten Fernschreiben über „Festlegungen zur Anwendung spezieller chemischer Einsatzmittel durch MfS-Angehörige“. Die waren bisher in der DDR höchstens in Einzelfällen zum Einsatz gekommen.

Reizgaseinsatz für Innen und Außen geplant

Diese für das MfS entwickelten „Einsatzmittel“ (ähnlich dem Tränengas) auf der Basis von Chlorazetophenon in Verbindung mit Chloroform oder Nebelmitteln, verursachten Lidmuskelkämpfe, Stechen in den Augen und bei höherer Konzentration Lungenödeme. Die Einsatzkonzeption war auf Befehl von MfS-Chef Mielke vom 1. November 1989 von der MfS-Bezirksverwaltung Dresden entwickelt worden. Es könnten, so damals der Dresdener MfS-Chef Böhm, „bei extremen und ungünstigen Bedingungen […] tödliche Vergiftungen auftreten“. Das Gas sei nur dann zu verwenden, heißt es im Schreiben aus Gera, „a. wenn die Bestimmungen zur Anwendung der Schusswaffe gemäß Schusswaffengebrauchsordnung zutreffen und durch ihren Einsatz als Alternative zur Schusswaffenanwendung eine adäquate Wirkung erzielt wird, b. wenn von Personengruppen Angriffe gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung ausgehen …“ Das Einsatzmittel R-1 dürfe grundsätzlich nur außerhalb von Gebäuden angewendet werden, „wenn durch Gewalttäter die Außenumfriedung der Dienstobjekte bereits überwunden wurde und ein unmittelbares Eindringen in das Gebäude mit anderen Mitteln nicht mehr zu verhindern ist“. Das Mittel R-2 sei hingegen zum Einsatz im Gebäude vorgesehen. Zwei Mal seien Eindringlinge zuvor zu warnen: „Verlassen Sie das Gelände des Dienstobjektes. Bei Nichtbefolgung dieser Aufforderung werden chemische Reizstoffe eingesetzt.“

Bis auf die Zähne bewaffnet

In der MfS-Objektdienststelle Zeiss in der Schillerstraße (heute Sparkassen-Filiale) waren die gemäß Geheimer Verschlusssache 278/76 vorgesehenen Maßnahmen ähnlich drastisch. Hier wollte man ein Eindringen notfalls mit Maschinenpistolen und einem leichten Maschinengewehr sowie weiteren bewaffneten Posten abhalten. Auch hier war die Vorgehensweise zur „standhaften Verteidigung des Objektes“ bis ins Detail geregelt. Laut einem Protokoll der KD Jena vom 9. November wurden um 16 Uhr acht Genossen der „Antiterrorgruppe“ in den Gebrauch von R-1 und R-2 eingewiesen, um 17 Uhr wurden sie übernommen. „Ab 17.30 Uhr haben alle Mitarbeiter ihre Schutzmaske bereitzulegen. Bei Einsatz der Mittel wird Gasalarm ausgelöst.“ Weiter heißt es dort, das insgesamt 30 mit Pistole, Schlagstock und Spray ausgestattete Genossen im Innenhof, an der Außenmauer, an Blechzaun und Tor bzw. als Einsatzreserve zur Sicherung des Objektes Gerbergasse eingesetzt waren, das Wach- und Schließpersonal und Genosse H. mit MPi und Spray.

Es wurde weiter fleißig abgehört

Was sollte in diesem MfS-Objekt besonders vor den Bürgern „geschützt“ werden? Im Anbau des Hauses Gerbergasse 18 befand sich eine hochmoderne Telefon-Abhöranlage. Zahlreiche Inoffizielle Mitarbeiter der Deutschen Post in Jena waren in diese auch in der DDR illegale Praxis involviert. Die Anlage war erst 1987 technisch so aufgerüstet worden, dass die mitgehörten Telefongespräche vollautomatisch an die wesentlich größere Abhöranlage der MfS-Abteilung 26 in der Bezirksverwaltung Gera übertragen und dort sofort operativ ausgewertet werden konnten. Gab es Anzeichen dafür, dass die Lage vor dem Objekt an diesem 9. November eskalierte? Der MfS-Lagefilm vom 9. November hält fest, dass die bis zu 7000 Demonstranten in Jena vor der verdunkelten Dienststelle lediglich „eine große Anzahl von brennenden Kerzen“ abstellten, und: „Es erfolgten keine Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung.“

Interessierte Fernsehzuschauer sahen jedoch am Abend zu, wie die SED-Führung in Person von Günter Schabowski um 19.07 Uhr („Nach meiner Kenntnis ist das sofort…“) die sozialistische Sicherheit und Ordnung in einer perfekten medialen Inszenierung selbst ins Wanken brachte. Die Grenze war „unverzüglich“ offen, die Stasi machtlos. Sie hielt trotzdem bis zum 1. Dezember 1989, schnell in „Amt für Nationale Sicherheit“ umbenannt, an der Abhörpraxis fest.

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