Strapazen des Kirchenasyls in Jena

Jena  Vier Syrer und ein Afghane ersehnen in Jenaer Gemeinderäumen neue Verfahren

1994 war die Jenaer Stadtkirche ein Ort für Kirchenasyl. Es wurde vier armenischen Familien zwischen September und Oktober gewährt. Sie wollten nicht in ihre von Armenien und Aserbaidshan umkämpfte Heimat Berg Karabach zurückkehren.

1994 war die Jenaer Stadtkirche ein Ort für Kirchenasyl. Es wurde vier armenischen Familien zwischen September und Oktober gewährt. Sie wollten nicht in ihre von Armenien und Aserbaidshan umkämpfte Heimat Berg Karabach zurückkehren.

Foto: Kleist

Stadtjugendpfarrer Lothar König mahnt im Gespräch mit der Zeitung: „Es ist eine Strapaze für alle Beteiligten.“ – Die Rede ist vom Kirchenasyl, das derzeit in Räumen des Kirchenkreises Jena der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde fünf Menschen gewährt wird: einer vierköpfigen Familie aus Syrien und einem Afghanen.

Den Anstoß dazu gab wie in europaweit vielen ähnlichen Fällen die so genannte Dublin-Verordnung, die die Aufnahme von Flüchtlingen regelt. Vereinfacht gesagt geht es um die Festlegung des Staates, der für die Prüfung eines Antrags auf Schutz oder Asyl zuständig ist.

Schweden wollte nach Armenien abschieben

Lothar König deutete nur an, dass zum Beispiel die syrische Familie zuerst in Schweden angelandet und überprüft wurde. Da die Familie in ihrer syrischen Heimatstadt Aleppo der Armenischen Orthodoxen Kirche angehörte, sollte sie aus Sicht der schwedischen Behörden nach Armenien ausreisen, so erläuterte der Stadtjugendpfarrer. Den Syrern gab das Anlass, neuen Anlauf zu nehmen – in Deutschland. Doch sagte die Papierform: Deutschland als „Drittstaat“ ist gar nicht berechtigt, ein Asylverfahren zu eröffnen, weil der „Zweitstaat“ Schweden zuständig ist („Erststaat“ ist das Herkunftsland).

Ins Spiel komme dann die „Dublin-III-Regelung“, wonach eine Übernahme der Bearbeitung im Drittstaat möglich ist, wenn eben dort die Betroffenen länger als sechs Monate legal verweilten. „Wir gehen davon aus, dass wir bis April das Kirchenasyl durchführen müssen“, sagte Lothar König.

Superintendent Sebastian Neuß betonte gestern auf Anfrage, dass die Gemeinde „höchst verantwortungsbewusst“ mit dem Vorgang umgehe. Allen sei klar, dass das Kirchenasyl kein Rechtsinstitut darstelle und dass man sich somit auch im politischen und nicht nur ethischen Raum bewege. – Mögen sich Befürworter auch auf Grundgesetz-Werte berufen können, so bleibe dann immer noch ein großes „Auslegungsspektrum“, wie Sebastian Neuß formulierte. Ebenso müssten sich alle Beteiligten immer neu das Schutzgebot gegenüber den Betroffenen verdeutlichen.

Er sei dankbar für die „besonnene und konstruktive Abstimmung mit den zuständigen Behörden bis hin zur Landesregierung und mit den Beauftragten unserer Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland“. Im Kern gehe es um den Versuch, eine nähere Betrachtung der fünf Fälle zu ermöglichen.

Mit Dank und Freude, so sagte der Superintendent, nehme er die Hilfsbereitschaft in den Kirchengemeinden und Leitungsgremien wahr.

Das heißt auch: Der Verwaltungsausschuss des Gemeindekirchenrates habe sein Ja zum Kirchenasyl der fünf Menschen gegeben. Dieser Ausschuss sei autorisiert, jene Entscheidung vorwegzunehmen, indes der Gemeindekirchenrat noch zustimmen müsse. „Er wird das gewiss tun, aber ich bin mir sicher, dass er es nicht einstimmig tun wird.“

Lothar König erläuterte, dass für das Kirchenasyl ganz leicht Kosten von 1000 Euro monatlich auflaufen – mitunter das Doppelte und mehr, je nach Rechtsanwalt- oder Arztgebühren, die neben dem Aufwand für Nahrung und Kleidung beglichen werden müssen. Aktuell würden sich die Helfer, zu denen auch mehrere Pfarrer-Kollegen gehören, verstärkt bemühen, neue Spender-Kreise zu erschließen. „Die Spendenbereitschaft ist in der letzten Zeit doch ein Stück geschwunden“, sagte König.

Am schwierigsten sei es aber wohl, die Betroffenen psychisch-seelisch zu entlasten. So müsse einerseits darauf geachtet werden, dass das Kirchenasyl den fünf Flüchtlingen kein Gefängnis-Gefühl gibt; andererseits dürften sie das kirchliche Gelände nicht verlassen, sagte König.

In der größten Not ein Beutel Zigaretten

Schaue er etwa auf die syrische Familie, die seit 2013 auf der Flucht sei, gerate er stark ins Grübeln, so merkte der Stadtjugendpfarrer an. Die Frau sei psychisch stark angekratzt. „Ich weiß, dass sie ein bisschen raucht. Heute hab ich einen Beutel Zigaretten für sie geschenkt bekommen. Ich freue mich schon, ihr das überreichen zu können.“

Wer die Betroffenen des Kirchenasyls unterstützen möchte, kann Geld spenden über diese Bankverbindung: Ev.-Luth. Kirchengemeinde Jena; Evang. Bank; IBAN: DE64 5206 0410 0008 0253 12; Stichwort „Kirchenasyl“. Spendenbescheinigungen werden zugesandt. Bitte Adresse angeben.

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