Stumme Zeugen in Jena: Das verwahrloste Ehrenmal

Jena.  Das Ehrenmal auf dem Jenaer Hainberg für die gefallenen Jenenser des Ersten Weltkrieges ist in einem wüsten Zustand.

In der Vergangenheit lieferte das Denkmal punktuell immer wieder Diskussionsstoff, trat aber auch ins Dunkel der Öffentlichkeit, was eine immer stärkere Verwahrlosung nach sich zog.

In der Vergangenheit lieferte das Denkmal punktuell immer wieder Diskussionsstoff, trat aber auch ins Dunkel der Öffentlichkeit, was eine immer stärkere Verwahrlosung nach sich zog.

Foto: Foto: Immanuel Voigt

Der kommende Sonntag ist traditionell der letzte des Kirchenjahres, an dem als Trauer- und Gedenktag an die Toten erinnert wird. Genau vor 90 Jahren wurde auf dem damaligen Hainberg aber auch das Ehrenmal für die gefallenen Jenenser des Ersten Weltkrieges eingeweiht. In der Vergangenheit lieferte das Denkmal punktuell immer wieder Diskussionsstoff, trat aber auch ins Dunkel der Öffentlichkeit, was eine immer stärkere Verwahrlosung nach sich zog. Grund genug diesen stummen Zeugen ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen.

Erste Pläne schon 1915

Schon während des Ersten Weltkrieges gab es die ersten Überlegungen des Jenaer Oberbürgermeisters Theodor Fuchs, auf dem Hainberg einen „Deutschen Heldenhain“ anlegen zu lassen. Die Idee dazu lieferte der Berliner Gartenbaulehrer und Gartenarchitekt Willy Lange. Nach seiner Vorstellung sollte für jeden gefallenen deutschen Soldaten in einem Ehrenhain eine Eiche gepflanzt werden.

In Jena kam man dieser Idee nicht nach, aber noch heute sind in zahlreichen deutschen Städten und Gemeinden derartige Ehrenhaine als Relikt und Folge der Jahre 1914 bis 1918 zu sehen.

Fraglich wäre auch gewesen, ob der Hainberg von seiner Fläche überhaupt ausgereicht hätte, da bis 1918 1459 Jenenser ihr Leben im Krieg ließen. Schon bald nach dem Kriegsende im November 1918 begann überall in Deutschland die Auseinandersetzung mit den Folgen des Konflikts, der allein den Deutschen mehr als 2 Millionen Väter, Söhne und Brüder nahm.

Vielerorts schufen Kriegervereine, Kommunen und Städte sichtbare Erinnerungszeichen an „ihre“ Toten und Gefallenen, die oftmals mit einer Heldenverehrung verklärt wurden. Für viele Angehörige waren derartige Ehren- oder Kriegerdenkmale aber auch die einzigen Orte der Trauer und des Gedenkens an den Gefallenen, da die überwiegende Zahl der Toten in jenen Ländern begraben lag, in denen die deutsche Armee kämpfte.

Architektenduo Schreiter & Schlag setzt sich durch

1920 beschloss demnach auch die Stadt Jena, die alte Idee einer Kriegergedächtnisstätte auf dem Hainberg wiederzubeleben. Zu diesem Zweck wurde ein Jahr später ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben, bei dem sich das bekannte Jenaer Architektenduo Schreiter & Schlag durchsetzte.

Der Entwurf sah eine Erhöhung der Bergkuppe vor, die aus einer quadratischen Mauer bestand und im Inneren mit einem Hain bepflanzt sein sollte. Mehrere Aufgänge sicherten den Zugang für die Besucher.

Zunächst fehlte aber das nötige Geld, da der Entwurf von Johannes Schreiter und Hans Schlag recht kostenintensiv war. Hinzu kam die Inflationszeit, so dass erst ab 1925 das Thema eines Ehrenmals durch den damaligen Oberbürgermeister Alexander Elsner wiederaufgegriffen wurde.

Doch zunehmend kam es auch zur Kritik an den Plänen und zu einer öffentlichen Debatte in Jena. Vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten sind gegen die Errichtung. Besser wäre das Geld ihrer Meinung nach in sozialen Projekten wie Waisenhäusern, Erholungs- oder Altenheimen investiert. Dagegen stellten sich die konservativ-nationalistischen Kriegervereine, aber auch der völkische „Stahlhelm“. Das Ergebnis war ein öffentlicher Spendenaufruf, der am Ende aber nur knapp 6000 Mark und damit viel zu wenig erbrachte.

Alexander Elsner blieb nichts anderes übrig, als den ursprünglichen Entwurf fallen zu lassen. Stattdessen beauftragte er den Dresdner Hochschullehrer und Architekten Emil Högg damit, eine neue Konzeption zu liefern.

SPD und KPD stimmten dagegen

Högg war in Jena kein Unbekannter, hatte er doch 1923 den Umbau des Burgkellers geleitet und sich 1925/26 am Innenausbau des Rathauses beteiligt. Weitere Jahre gingen ins Land, ehe im Sommer 1929 der Bau endlich beginnen konnte. Gegen die Stimmen von SPD und KPD hatte der Stadtrat den Entwurf Höggs durchgesetzt.

Die kalkulierten Baukosten von 40.000 Mark wurden über die Hälfte durch die Firma Carl Zeiss Jena getragen. Die Stadt hatte sich dazu schon 1926 mit dem Betrieb geeinigt, auf die Vergnügungssteuer für das damals neue Planetarium zu verzichten, wenn Zeiss im Gegenzug das Denkmalsvorhaben mittels mehrerer Spenden unterstützte. 1929 wiederholte sich der Vorgang, so dass der Optikhersteller insgesamt 25.000 Mark beisteuerte.

Am Totensonntag, 24. November 1929, wurde die Anlage unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht. Doch der einstige Zwist war auch in diesen Tagen nicht beigelegt worden. Aus Protest waren das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ und der „Reichsbund der Kriegsbeschädigten“ zu einer eigenen Gedenkstunde auf den Nordfriedhof ausgewichen.

Außerdem, so berichtete die „Jenaische Zeitung“ einen Tag später, hatten Unbekannte das Ehrenmal noch vor der Weihe „geschändet“. In der Nacht vor dem Festakt war die Anlage mit roter Farbe und „schwarzem Spirituslack“ erheblich „besudelt“ worden. Die Farbe konnte nur zum Teil direkt entfernt werden. Unter Ausrufung einer Belohnung wurde öffentlich nach den Tätern gefahndet.

Umgestaltung und Verwahrlosung

Die an sich schlichte Anlage erhielt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine neue Sinngebung. Nicht mehr Krieger- sondern Friedensmal sollte der Ort nun werden. Dabei blieb die zweieinhalb Meter hohe Ringmauer mit einem Durchmesser von 30 Metern unberührt. Der in der Mitte der Anlage befindliche Altarstein, in dem unter anderem eine Liste mit den Namen der 1459 Gefallenen versenkt worden war, erhielt 1949 die Aufschrift „Die Toten der Kriege mahnen zum Frieden“. Im selben Jahr wurde auch der Hain- in Friedensberg umbenannt. Ein Jahr später ließen die Stadtoberen schließlich die Inschrift über dem Eingangsportal „Unseren Gefallenen 1914/18“ entfernen.

Bis zur politischen Wende 1989/90 wurde es weitgehend still um den Ort. Anschließend lieferten sich dann rechte und linke Gruppen eine wahre Graffitischlacht um den Erinnerungsort. Das Ehrenmal verwahrloste immer mehr, wurde zwar 2003 saniert, aber bis in die letzten Jahre hinein konnte die Stadt Jena kein wirkliches Konzept für den Umgang mit diesem stummen Zeugen finden.

2017 diskutierten im Kassablanca Experten und die Jenaer Bevölkerung über den Umgang mit dem Kriegerdenkmal. Auch fand 2018 in Erinnerung an das Kriegsende vor 100 Jahren eine Theateraufführung statt. Und dennoch verkommt der Ort immer mehr zum Schandfleck.

Akzeptanz für das Denkmal

Seit diesem Herbst beschäftigt sich nun der Berliner Künstler Benjamin Walther mit dem Ehrenmal. Sein Projekt „Re-Constructing Memory“ („Rekonstruierende Erinnerung“) wird für die kommenden zwei Jahre vom Innovationsfonds von Jenakultur gefördert. Walther will dabei eine „dauerhafte, künstlerische Intervention“ am Denkmal erreichen, um für die „vielschichtigen Dimensionen des Ortes“ zu sensibilisieren.

Das Ehrenmal sieht er als Teil des „Gesamtensembles Friedensberg“. Der Künstler möchte damit auch mehr Akzeptanz für das Denkmal erreichen und für die Befreiung von Vandalismus und Missbrauch werben. Walther will hierbei nicht nur Experten befragen und in die Prozessfindung einbinden, sondern auch die Jenaer Bevölkerung mittels öffentlicher Gesprächsforen und eines „Runden Tisches“ über den künstlerischen Entwurf diskutieren lassen, der während seines Projektes entstehen soll.


Im Dornröschenschlaf der Geschichte

Bei einem Gang durch Jena oder das Umland fällt einem hier und da ein stummer Zeuge der Geschichte am Wegesrand auf, einstmals aufgestellt, um an eine Persönlichkeit oder ein Ereignis zu erinnern. Gedenken und Nichtvergessen sind zutiefst menschliche Bedürfnisse, auch wenn das Setzen von Denkmalen weitestgehend aus der Mode gekommen ist. Im Alltag finden viele dieser Zeitzeugen nur selten Beachtung. Häufig ist den Menschen nicht mehr die Bedeutung oder die Geschichte hinter jenen Denkmalen bekannt. Doch ein genauer Blick lohnt, meist ergeben sich spannende Begebenheiten und weitere Hintergründe, die vom Staub der Geschichte befreit und aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden wollen.

In einer Serie sollen einige dieser Zeitzeugen wiederentdeckt werden. Dabei ist der Begriff des Denkmals nicht nur im klassischen Sinn zu verstehen, sondern auch als Gedenkort, Naturdenkmal oder Gegenstand, der an etwas erinnert.

Welche stummen Zeugen kennen Sie? Senden Sie Ihre Ideen an unsere Redaktion am Holzmarkt 8, 07743 Jena; Telefon 03641/5 90 91 23