Stumme Zeugen: Jenaer Inspiration für Goethes Erlkönig

Jena  Stumme Zeugen (26): Eine monumentale Statue erinnert an Goethe-Ballade

Der Erlkönig in Jena, Denkmal, Serie

Der Erlkönig in Jena, Denkmal, Serie

Foto: Immanuel Voigt

Die ersten Zeilen von Goethes Ballade haben sicher die meisten noch im Kopf, weil man sie irgendwann einmal gehört hat oder sie vielleicht in der Schule auswendig lernen musste. Genau, es geht um den „Erlkönig“. Dass Jena und Goethe in vielfältiger Weise verbunden sind, ist weithin bekannt. So auch in diesem Fall, denn in unserer Stadt wird an die sagenumwobene und düstere Gestallt erinnert, die der Dichterfürst in seinem Stück von 1782 verarbeitet.

Wolff von Tümpling baute Schloss Thalstein

Die monumentale Statue, mit der sich der 26. Teil unserer Serie heute beschäftigt, liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums und ist dennoch leicht zu finden. Man folgt ganz einfach der Karl-Liebknecht-Straße bis diese eine scharfe Rechtskurve in Richtung Ortsausgang macht. An der Kreuzung einfach geradeaus weiter und schon ist man auf der Straße, die passenderweise gleich das Ziel vorweg nimmt: „Am Erlkönig“. An Kleingartenanlagen und der Gärtnerei Talstein vorbei geht nun der Weg immer unterhalb des Jenzigfußes entlang, bis nach etwa 10 bis 15 Minuten auf der rechten Seite ein kleiner Weiher erscheint, der von einer kaum zu übersehenden Statue überthront wird.

Eine Informationstafel verrät dem Besucher so einiges über diesen Ort und seine Geschichte. So erfährt man, dass das Gebiet, auf dem die Statue und der Weiher stehen, ursprünglich zum Besitz des Legationsrates Wolff von Tümpling gehörte, der 1877 das wenig entfernt liegende „Schloss Thalstein“ gekauft hatte. Das Vorbild für die spätere Statue lieferte eine Holzfigur des Jenaer Holzbildhauermeisters Theodor Wolff (1847-1933) ebenfalls aus dem Jahr 1877. Wolff orientierte sich dabei stark an den antiken Gelehrtenstatuen, die besonders während des Klassizismus neu entdeckt wurden.

Der „Erlkönig“ streckt dabei in pathetischer Weise den linken Arm in Richtung Saale aus, den rechten hält er vor die Brust. Der lange Mantel wird vom Wind gerafft, der ihm entgegen bläst. Nicht zuletzt macht die Figur einen Schritt nach vorn, als wollte sie jemandem oder etwas nachlaufen. Mystisch wirken auch das wallende Haar mit einer Krone aus Lorbeer und Eichenlaub und der lange Rauschebart der Sagenfigur. Gerade jetzt im Herbst, wenn die Morgen und Abende mitunter düster und an den Saaleauen auch nebliger werden, kann man sich die Szenerie gut vorstellen, die Goethe in seiner Ballade erzählt.

Die Inspiration für sein Stück soll dem Dichter bei einem Spaziergang durch die nebligen Saaleauen gekommen sein. Allerdings ist diese Deutung bis heute umstritten. Eine Legende besagt außerdem, dass die Geschichte ursprünglich auf eine Begebenheit zurückgehen soll, welche Goethe erlebt hatte, als er in Camsdorf wohnte. Ein verzweifelter Bauer aus Kunitz hatte demnach vergeblich vor Ort nach Hilfe für sein todkrankes Kind gesucht. Der tatsächliche Stoff für das Stück stammte hingegen von der dänischen Volksballade „Ellerkongens datter“ („Die Tochter des Elfenkönigs“). Dass dann im Deutschen der „Erlkönig“ daraus wurde, ist einem Übersetzungsfehler geschuldet, weil „Eller“ fälschlicherweise als „Erle“ missdeutet wurde.

Doch zurück zur monumentalen Statue: Diese entstand erst fast zwei Jahrzehnte nach der Holzvorlage. Offensichtlich musste die Holzfigur mittlerweile entweder im Besitz des Wolff von Tümpling gekommen sein, oder er hatte sie zumindest gekannt. In jedem Fall erteilte er dem bekannten Jenaer Bildhauer und Steinmetzmeister Otto Späte (1852-1925) den Auftrag, die Figur nach der erwähnten Vorlage in Sandstein zu hauen. 1893 wurde der übergroße Elfenkönig dann an seinem heutigen Standort aufgestellt. Beinahe wirkt das Zusammenspiel der Fasergipswand im Hintergrund der Statue und der Weiher im Vordergrund wie eine Theaterkulisse. Steigt man zur Figur empor, ist an der linken Seite des Sockels die mittlerweile etwas verwitterte Inschrift zu lesen: „Theodor Wolff inv. Jena 1877 / Otto Späte scupls. Jena 1893“. Sie verweist damit auf die Idee samt Entwurf durch Wolff und den späteren Bildhauer Späte.

Heute ein Naturdenkmal unter Schutz

Unmittelbar nach der politischen Wende in Deutschland wurde das Areal im April 1990 als Flächennaturdenkmal unter Schutz gestellt. Nicht nur geologisch bedeutsam, finden sich hier auch zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten. Seit ihrer Entstehung wurde die Sandsteinstatue mehrfach restauriert, so Ende der 1980er, Anfang und Mitte der 1990er und zuletzt zu Anfang der 2000er Jahre. Vielleicht wandeln Sie ja demnächst auch einmal bei einem Spaziergang auf Goethes Spuren und statten dem Erlkönig einen Besuch ab. Nicht nur wegen der Statue, sondern auch wegen der Natur ist die Gegend rund um „Schloss Thalstein“ landschaftlich reizvoll.

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