Theaterhaus Jena startet zweites Weltuntergangsszenario

Sinnsuche zwischen Leichensäcken - Der Morgen nach der Katastrophe. Ich bedanke mich für alles, eine Produktion von O-Team mit dem Theaterhaus hatte am Freitag in einer Turnhalle im Jenaer Stadtteil Winzerla Premiere.

Szenenfoto "Ich bedanke mich für alles" - eine Produktion von O-Team und Theaterhaus Jena, Premiere am 27. Oktober 2012

Szenenfoto "Ich bedanke mich für alles" - eine Produktion von O-Team und Theaterhaus Jena, Premiere am 27. Oktober 2012

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

2012 soll bekanntlich die Welt untergehen. Ende Oktober stellt sich die Frage, ob und – wenn ja – wann das nun geschehen wird. Und auf welche Art und Weise natürlich. Und ebenso natürlich auch, was im Zusammenhang dieses Unterganges "Welt" bedeutet. Also, wie weg das sein wird, was man kennt, ob alles weg ist, und wie wir das empfinden, wo wir uns dann befinden werden.

Antworten gibt es viele. Auch das Theaterhaus Jena und das aktuell dort wirkende O-Team halten pünktlich zum Spielzeitbeginn 2012/13 eine neue Weltuntergangsvision bereit. Dieses Mal geht es um den Tag danach. Nicht unbedingt nach dem Weltuntergang, aber zumindest nach der Katastrophe.

"Ich bedanke mich für alles. Der Morgen nach der Katastrophe" führt in eine verwaiste Turnhalle. Nicht nur im übertragenen Sinne der Handlung, sondern ganz real. Aus der Not wird eine Tugend. Und die Zuschauer machen sich mit einem Begleiter auf die Reise. Per Bus. Nach Winzerla. Begleitet von einem Typen, den sie eine Weile später wiedersehen, wenn er einem Leichensack entsteigt.

Dazwischen liegt ein bizarres Szenario. Eine Art Mondlandung. Oft gesehen und beziehungsreich. Absurd und ästhetizistisch. Sind sie Astronauten? A-B-C-Ersthelfer? Oder künstliche Intelligenzen? Darauf deutet zumindest ihre merkwürdige Ausdrucksweise. Später haben sie in ihrem merkwürdigen Erscheinungsbild etwas von Engeln. Sie mischen technische Ansagen und Bibelzitate, die sie ordnungsgemäß mit Quelle wiedergeben. Andere kehren später zurück, viel später, mit fast den selben Worten, andere Überlebende der Katastrophe, andere Ordnungshüter. Horst und Günther. Oder eben auch ganz andere.

Die Szenerie: Eine Turnhalle. Ein Basketballkorb. Nur einer. Das ist der Unterschied, stellen die Kundschafter fest. In der Halle 40 Leichensäcke. 40 Tote. 27 Männer. Neun Frauen. Vier Kinder. Die drei Varianten menschlichen Lebens sind nicht kompatibel. Absicht des Herstellers?

Mit dem Hersteller haben sie es oft, die beiden sonderbaren Kundschafter, die offenbar in dieser Halle die Antwort auf diverse ungeklärte Fragen suchen, die Zeit vor der Katastrophe betreffend, somit die Menschheit an sich, ihre Regeln und Lebensprinzipien. "Hier bedankt man sich für alles." Eine rattenscharfe Motorradfahrerin betritt das trostlose Gräberfeld. Ob sie Licht ins Dunkel bringt? Maria Magdalena. Zwischen 39 anderen Leichensäcken spielen sie die Überlieferung der Grablegung durch. Nichts ergibt Sinn. Und alles.

Die Frage nach dem Jüngsten Gericht ist oft gestellt worden. Und auch hier ist es diese Frage, die gestellt wird. Doch nicht nur als Glaubensfrage im eschatologischen Sinne, sondern im existenzialistischen, aus differenztheoretischer Perspektive und und und. Alles kondensiert in einer Formulierung. Scheinbar im Vorübergehen an die Turnhallenwand gekrakelt: "GODISNOWHERE", je nachdem wo und wie viele Leertasten man einfügt, kann das bedeuten "Nirgends ist Gott" oder "Gott ist jetzt hier". Jetzt und Hier. Von einem "Zeit-Schrägstrich-Raum" reden sie immer – egal, welche Position sie einnehmen. Sie befinden sich in der "ultimativen Wirklichkeit". Das Jenseits ist anderswo. Außerhalb der Turnhalle. Logisch!

Um dort hin zu kommen, genügt Eines. Ein Wurf in den Basketballkorb. Eine dichte Textur aus Zitaten der verschiedensten Medien entwickeln die Künstler des O-Teams. Das mag Geschmackssache sein. Dennoch entwickelt es eine eigenartige ästhetische Faszination. Ein Eigenleben. Folker Dücker, Ella Gaiser, Benjamin Mährlein und Mathias Znidarec spielen in Samuel Hofs Inszenierung. In der Ausstattung von Nina Malotta entsteht ein fast schon an Ästhetizismus grenzendes Bild von Geschlossenheit, eines verblüffenden In-sich-Kreisens von Welt und Weltwahrnehmung.

Das Ganze lebt vom Paradoxen. Von der Absurdität. Davon, wie mit Erwartungshaltungen umgegangen, wie mit Ritualen gespielt wird. Und Rituale gibt es überall. Besonders aber da, wo das Unerklärliche den Glauben auf den Plan ruft. "Verwende Begriffe! Stelle die richtigen Fragen!", sagen sie, um mit den falschen das Geschehen voranzutreiben.

!

Nächste Vorstellungen:

22. Dezember,

00:30 Uhr und 19 Uhr

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren