Thomas Stridde über eine nötige Diskussion zur Geschichte

Stadtrat Martin Michel (zweite Lokalseite) bietet dazu pars pro toto seine beiden Beschlussanträge: indem in Jena Straßen umbenannt werden mögen, die nach dem antisemetisch gepolten Philosophen Fries (1773 – 1843) und dem ins NS-Zwangssterilisationsprogramm verwickelten Jenaer Arzt Berger (1843 – 1941) benannt sind.  Der Holocaust und wie es dazu kam? – Wie lässt sich antworten auf das unfassbar Monströse?

Martin Michel ist für diese Initiative zu danken. Zwar mag Stadthistoriker Rüdiger Stutz Recht haben, wenn er befürchtet, dass die Demontage eines Straßenschildes die Diskussion um den Namenspatron beerdigt. Aber umgedreht: Gäbe es – abgesehen von wissenschaftlichen Arbeiten – derlei Diskussionen in öffentlicher Breite ohne schrillen Anstoß?

Auf einem anderen Blatt steht Stutz‘ Forderung nach Differenzierung. – Hier der als Rädchen der Judenvernichtung mitkreiselnde Arzt, dort der im antisemitischen Mainstream des jungen 19. Jahrhunderts polemisierende Philosoph. Wie bitter diese Pille, die Stutz mit dem Kommentar des Historikers Götz Aly weiterreichte, der zur Streichung des Namens Ernst-Moritz Arndt an der Uni Greifswald sagte: Die Köpfe jener Zeit seien allesamt Judengegner gewesen, „aber bessere Demokraten hatten wir nicht“.