Turbulentes Theaterspektakel in Jena

Publikum feiert begeistert die Premiere von "Black Face: Die Villa" am Donnerstag in der Villa Rosenthal.

Szene mit Puppe und Nietzsche. Foto: Joachim Dette

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Jena. Das beginnende 20. Jahrhundert in Jena, seine prominenten Bewohner und deren Spleens, Industriegeschichte, die Villa Rosenthal und das Schicksal ihrer jüdischen Besitzer verbindet "Black Face: Die Villa" turbulent und erhellend mit der Frage, wie Kunst sein muss, die nach Brot geht.

Schauplatz der Produktion von Theaterhaus Jena und Mass & Fieber Ost sind die Räume der Villa Rosenthal samt Treppen und Umfeld. Das Publikum erlebt Szenen gemeinsam, wird getrennt und wieder zusammengeführt. Der Zuschauer verpasst nichts, müsste aber mehrere Vorstellungen besuchen, um alle Puzzleteile zu sehen. Die Produktion ist Theater und Performance zugleich und jeder kann nur ahnen, wie viel logistische Finesse, Konzentration und Schweiß es kostet, die vielen Rollen- und Kostümwechsel zu vollziehen, überhaupt den gesamten Abend so hochprofessionell und staufrei durch die Villa zu führen. Hut ab vor Götz van Ooyen, Christian Bayer, Antonia Labs, Johannes Geißer, Felix Huber, Michael Semper, Benjamin Mährlein, Natalie Hünig, Sebastian Thiers, Yves Wüthrich, Ella Gaiser, Tina Keserovic, den Ausstattern und den Überblick-Behaltern! Eltern des Erfolgs sind Niklaus Helbling (Regie) und Brigitte Helbling (Text). Nicht alle menschlichen Aspekte prominenter Jenaer Bürger und Besucher wie Haeckel und Nietzsche, die in der Villa auf den Tisch kommen, dürfte selbst den Einheimischen bekannt gewesen sein. Von Krieg und Rassenwahn wird erzählt, wenn das Stück seinen Fokus auf die glamouröse Dame der feinen Jenaer Gesellschaft Clara Rosenthal und ihre energische Hausdame Liebig, auf den im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn der Rosenthals richtet. Das rührt ans Herz, doch bevor Sentimentalität aufkommen kann, geht es um die Frage, wer spielt hier wen und was. Ist es überhaupt erlaubt, dass ein Mann Clara Rosenthal spielt und eine Frau einen Gangster?

Es wird diskutiert und gesungen und getanzt, Tee gereicht, im Kamin liegen die Hände, Arme und Beine von Puppen, doch je mehr von ihnen der Hausmeister verbrennt, desto schneller wachsen sie nach und geben beängstigende Geräusche von sich. Wunderbarer Unsinn gibt den Stab an gescheite Sentenzen weiter, Nietzsche brüllt aus dem Fenster, ein Grüppchen Zuschauer findet bei strömendem Regen in einem Bauwagen Schutz, in dem der vergessene Stummfilmstar Fatty Arbuckle haust. Fatty besitzt den verschollenen schwarzen Koffer mit den Zeiss-Firmengeheimnissen, den die Amerika 1945 aus Jena mitnahmen, im Fernseher flimmern seine alten Filme, während Fatty in der Mikrowelle Augen kocht. Eine Schar dubioser Varieté-Künstler um den legendären Direktor Meyer erkundet im Widerstreit mit dem Theaterpolizisten Schott die Grenzen des guten Geschmacks. Die Quintessenz: Bei aller politischen Verflixtheit gibt es keine Denk- und Redeverbote. Reimverbote auch nicht: "Three thousand years ago, gab‘s einen Pharaoh". Gelegenheit, das ganze Lied kennen zu lernen und die grandiose "Villa" zu erleben ist nur noch heute und am 5., 6., 8. und 9. Juli.

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