Umjubelte "Nora Dollhouse" am Theaterhaus Jena

Klug inszeniert, großartig gespielt und ganz nah am Abgrund: die deutsche Estaufführung von Rebecca Gilmans Stück "Nora (Dollhouse)" Freitagabend im Theaterhaus Jena.

Zoff unterm Weihnachtsbaum: Nora (Lena Vogt) und Terry (Matthias Zera) haben ihr Leben auf Lügen aufgebaut. Die scheinbare gutbürgerliche Idylle trügt. Foto: Peter Michaelis

Zoff unterm Weihnachtsbaum: Nora (Lena Vogt) und Terry (Matthias Zera) haben ihr Leben auf Lügen aufgebaut. Die scheinbare gutbürgerliche Idylle trügt. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Jena. Alles, was sich Nora erträumt hat, war schwanger sein und glücklich. Mittlerweile hat sie drei Kinder und muss ihrem Mann Terry nach jedem Einkauf die Quittungen vorlegen. Selbst die für die Geschenke zum Fest , um die sie feilschen muss wie ein altes Marktweib.

Alles, was Nora nach ihrem Kunststudium jetzt in ihrer Ehe möchte, ist ein schmuckes Haus in einer eleganten Wohngegend, einen Garten mit einer Schaukel für die Kinder und eine Geldkarte, so zusagen ihr Eintrittsbillett für das gelobte amerikanische Schlaraffenland.

Alles, so scheint es zumindest, dreht sich bei Nora (Lena Vogt) und Terry Helmer (Matthias Zera) ums Geld. Was ja auch stimmt und letztlich dennoch zu kurz gegriffen ist in Rebecca Gilmans Stück "Nora (Dollhouse)" nach Ibsen, das Freitagabend im Jenaer Theaterhaus seine umjubelte deutsche Erstaufführung erlebte. Denn Geld braucht Nora nicht nur, um sich ihren Traum von einem gutbürgerlichen Leben zu erfüllen. Sie hat es sich auch geliehen, um die notwendige Reha für ihren Mann bezahlen zu können, der nach einem Sportunfall der Schmerzmittel wegen drogenabhängig geworden war. Was der knallharte Banker nicht wissen darf, denn in seiner Business-Welt sind Abhängigkeiten tödlich. Nun aber will der großzügige Leihgeber Raj (Benjamin Mährlein) sein Geld zurück, weil er selbst in Bedrängnis geraten ist, und droht, den Handel auffliegen zu lassen.

Moritz Schönecker inszeniert Rebecca Gilmans Stück in einer trügerischen Wohnzimmer-Idylle (Bühne/Kostüme: Veronika Bleffert/Benjamin Schönecker) als beklemmende Zustandsbeschreibung einer Gesellschaft, die unweigerlich auf den Abgrund zusteuert. Nicht nur, weil alle den schnöden Mammon anbeten. Das war bei Henrik Ibsen so vor einhundert Jahren, das ist heute nicht anders und wird sich auch in einhundert Jahren nicht geändert haben.

Warum es eigentlich geht - in der großen Welt wie in der kleinen Familie - sind die Lügen, die das Leben vergiften. Banker Terry macht sich auf Arbeit krumm, spielt nach außen den erfolgreichen Geschäfts- und liebevollen Ehemann, der unterm Weihnachtsbaum seine Frau erniedrigt und sie wie ein Stück Dreck behandelt. Nora lügt aus Liebe, für ihren gehobenen Lebensstandard und sogar für eine winzige Praline. Terrys Freund Pete (Yves Wüthrich) gibt den Seelentröster und will doch nur Nora an die Wäsche. Und auch Noras taffe Freundin Kristine (Ines Hollinger) und ihr einst verschmähter Liebhaber und Geld-Leihgeber Raj haben Lügen-Leichen im Keller.

Als nach der Silvesterfeier Noras Deal mit Raj platzt, Terry gänzlich Nerven und Contenance verliert und sich die Eheleute verbal an den Kragen gehen, verlässt Nora das "traute Puppen-Heim". Doch anders als bei Ibsen kehrt sie ins "Dollhouse" zurück und dreht den Spieß - vorerst - um: "Du wirst dafür zahlen", droht sie. Und Terry antwortet: "Ich weiß." Alles beginnt von vorn.

"Nora (Dollhouse") ist klug inszeniert, von der Theaterhaus-Crew, darunter vor allem von Lena Vogt und Matthias Zera, großartig gespielt - und erreicht Kopf und Herz gleichermaßen. Muss man sehen. Unbedingt!

! Wieder: 20, 21., 22. Februar, jeweils 20 Uhr, Theaterhaus Jena

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