Universitätsklinikum Jena für Herbst und Winter gut gewappnet

Jena.  Wir müssen den Kasten sauber halten: Interview mit Vorstand Jens Maschmann

Der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums, Jens Maschmann. Die Leitung des Hauses sitzt immer noch an der Bachstraße.

Der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums, Jens Maschmann. Die Leitung des Hauses sitzt immer noch an der Bachstraße.

Foto: Thorsten Büker

Ist das die zweite Welle? Wie immer man die steigenden Corona-Fallzahlen auch bewertet: Das Universitätsklinikum Jena sei gut vorbereitet, sagt der Medizinische Vorstand Jens Maschmann. „Wir haben einen zweiten Peak, ein Wiederaufflammen der Infektionskreisläufe. Und es liegt an uns, wie sich das Geschehen entwickeln wird.“Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Die Betriebsfähigkeit zu erhalten, die Breite in der Versorgung zu garantieren und gleichzeitig die Herausforderungen, die Covid-19 mit sich bringt, zu stemmen: Vor diesen Aufgaben standen Sie im März. Können Sie Bilanz ziehen ein halbes Jahr später?

Ich denke, dass wir die Ziele erreicht haben. Alle Bereiche bei uns im Haus sind natürlich wichtig. Aber nehmen Sie zum Beispiel die Onkologie. Wir haben alles dafür getan, um weder die Diagnostik noch Therapiezyklen zu unterbrechen. Das ist uns gelungen. Und das gilt für alle kritischen Bereiche am Klinikum. Bei der Neurochirurgie und der Herzchirurgie haben wir die planbaren Operationen verschoben, um vertretbar die Zahl der Patienten zu reduzieren. Und auf der anderen Seite haben wir uns um jene Patienten kümmern können, die als Covid-19-Verdachtsfälle zu uns kamen beziehungsweise die tatsächlich infiziert waren.

Wichtig war, dass kein Corona-Fall unter den eigenen Mitarbeitern die Abläufe störte.

Genau. Das hat auch funktioniert. In der Fußballsprache habe ich immer gesagt: Wir müssen den Kasten sauber halten. Es darf keine Übertragung von Patient zu Personal, von Personal zu Personal und von Patient zu Patient geben. Gerade im März und April hat sich die Lage beinahe täglich verändert, eine Allgemeinverfügung jagte die nächste.

Wie beurteilen Sie heute die Krisenkommunikation zwischen Bund, Land und Stadt?

Wir hatten einen guten Kompass und den Blick dafür, das zu erkennen, was für unsere Mitarbeiter und unsere Patienten wichtig ist. Sehr gut war die Interaktion auf lokaler Ebene mit der Stadt über den Krisenstab. Das UKJ ist ja mit zwei Mitarbeitern in diesem Stab vertreten. Und loben muss ich auch die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt. Auch in der heißen Phase haben wir es immer geschafft, uns abzustimmen. Schon auf Landesebene fehlte aber die einheitliche Linie. Beschäftigte der Radioonkologie wohnen zum Beispiel überall in Thüringen. Und je nach Wohnort wurde die Frage unterschiedlich beantwortet, ob unsere Mitarbeiter zur Arbeit kommen dürfen oder nicht. Das gefährdet natürlich ganz schnell die Betriebsfähigkeit einzelner Abteilungen. Da muss es innerhalb des Bundeslandes abgestimmte, bessere Lösungen geben.

Das heißt, sie haben bei anderen Gesundheitsämtern intervenieren müssen.

Ja. Ich musste in Apolda anrufen: Wisst Ihr eigentlich, was hier los ist, wenn Ihr so weitermacht? Das prägte die Anfänge.

Die Stadt ist während des Lockdowns oft vorgeprescht: Schließung der Gaststätten, Maskenpflicht et cetera. Hat sie alles richtig gemacht?

Ich glaube schon. Weil wir im Krisenstab mitarbeiten, bin ich natürlich ein wenig befangen. Am Klinikum haben wir zum Beispiel die Maskenpflicht am 20. März eingeführt. Und das haben wir Jena auch empfohlen. Wenn Sie die Inzidenzentwicklung in diesen Wochen sehen, erkennen Sie, dass es einen Zusammenhang zwischen den Allgemeinverfügungen der Stadt und dem deutlichen Abflachen der Kurve gibt.

Es ging anfangs darum, die Infektionszahlen niedrig zu halten, um die Krankenhäuser nicht zu überlasten. Da der Überlastungsfall aber nicht eingetreten ist, können die Regeln doch gelockert werden.

Man hat die Regeln ja gelockert. Die Menschen durften wieder feiern oder eine Gaststätte besuchen. Aber das ist ja das Paradoxe: Weil wir erfolgreich waren, sagen viele, dass die Regeln zu streng waren. Nein, sie waren genau richtig. Das beste Beispiel bietet doch Italien. Die Pandemie hat das Land zunächst böse erwischt. Den Urlaub habe ich im August in Ligurien verbracht und ich war wirklich erstaunt über die teutonische Disziplin. Jeder trug eine Maske konsequent in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Und eine Woche später war ich in Tirol in einer Gaststätte: Die Bedienung trug keine Maske, registrieren musste man sich als Gast auch nicht und der Wirt hockte sich wie immer an den Tisch und schwatzte mit seinen Gästen: Als ob es die Pandemie nie gegeben hätte. In Österreich gehen jetzt die Zahlen in die Höhe, in Italien hat man die Pandemie momentan unter Kontrolle. Das Beispiel zeigt, dass auch in Deutschland vieles richtig gemacht wird. Natürlich testen wir im Moment in der Woche dreimal so viele Menschen wie es im März und April der Fall war. Damals waren es 300.000, jetzt sind wir deutschlandweit bei 1,1 Millionen.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Wie geht es den Menschen, die erkrankt waren und nun als genesen gelten?

Das wissen wir noch nicht ganz genau. Ist es wie eine Erkältung, die einen zunächst aus dem Verkehr zieht, dann aber ist alles überstanden? Schon um solche Fragen zu klären, haben wir eine Covid-19-Ambulanz etabliert. Sie wird extrem gut angenommen. Auch wenn ich selbst nicht aktiv in der Krankenversorgung arbeite, haben die Kollegen dort auch mit Patientinnen und Patienten zu tun, die an den Folgen leiden: Schlappheit und Erschöpfungsgefühl und andere Befindlichkeiten auch.

Das Leben normalisiert sich in vielen Bereichen. Gleichzeitig steigen die Zahlen an. Beunruhigt Sie das?

Nein. Das war doch zu erwarten. Wenn man sich vermehrt trifft, dann steigt die Wahrscheinlichkeit einer Infektion. Das interessante Phänomen ist, obwohl die Zahl der Infizierten wieder steigt, ist die Last für die Gesundheitseinrichtungen eher gering. Die Maßnahmen, die wir für hoch-vulnerable Menschen getroffen haben, wirken: Ich denke an die Menschen in Altenheimen, in Krankenhäusern, in Arztpraxen, selbst in der eigenen Familie hat sich das Verhalten geändert.

Die Situation ist derzeit also nicht so brisant wie im März?

Im Moment ist das Geschehen punktuell: In Berlin, München oder anderswo.

Ist das die zweite Welle?

Wir haben einen zweiten Peak, ein Wiederaufflammen der Infektionskreisläufe. Und es liegt an uns, wie sich das Geschehen entwickeln wird.

Wie stellt sich das UKJ auf den Herbst ein?

Wir haben ja unsere Szenarien. In der Hochphase haben wir sie durchgespielt. Wir gingen im März adaptiert vor und haben eben nicht vorauseilend alles runtergefahren. Wir stellten das Krankenhaus auf einen Notbetrieb um, passten die Regeln für Besucher an, reduzierten die Auslastung im stationären und ambulanten Bereich sowie die Kontakte in den Tageskliniken. Und dann gab es das Stufenmodell für die Intensivbetten und die Normalpflegebetten, womit wir die Kapazitäten je nach Bedarf deutlich erhöhen konnten beziehungsweise hätten erhöhen können. Natürlich halten wir auch im Herbst an unseren Plänen fest. Wir waren vor einem halben Jahr am Klinikum nicht am Limit. Und wir denken, dass wir auch für die kommenden Monate gut gewappnet sind.

Wann wird ein Impfstoff vorliegen?

Wenn ich das wüsste, würde ich mein ganzes Geld in ein Biotech-Unternehmen stecken. Es wird noch Zeit vergehen. Mit dem Impfstoff allein ist es nicht getan. Er muss eine Zulassung über die entsprechenden Behörden erhalten. Und dann muss die Produktion hochgefahren werden. Und wie distribuiert man das Ganze? Und wer soll primär geimpft werden, wer sekundär und wer muss noch warten? Wir werden das Winterhalbjahr und die Infektsaison jedenfalls ohne einen Corona-Impfstoff erleben.

Tragen wir in einem Jahr noch einen Mund- und Nasenschutz?

Ich bin gespannt, wie die Diskussion in der Gesellschaft weitergeht. Im Februar empfand ich die Vorstellung als befremdlich. Das ist jetzt vollkommen anders. Und ich glaube auch, dass die Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden ist. Die Maske ist akzeptierter. Früher haben wir die Menschen in Ostasien vielleicht belächelt, wenn sie im Winter auch in Deutschland mit einer Maske herumliefen. Die Maske wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Die Weltgesundheitsorganisation, die eigentlich mit globalen Aussagen sehr zurückhaltend ist, hat die Sinnhaftigkeit der Maske anerkannt.

Eine Therapeutin sagte in einem Interview mit unserer Zeitung, dass die Schutzmaßnahmen gegen das Virus der psychosozialen Gesundheit und dem Immunsystem mehr schaden als nutzen würde.

Im Idealfall erreicht man Skeptiker mit Sachargumenten und mit wissenschaftlicher Literatur. Die Barrierewirkung der Maske ist zweifelsfrei. Es bringt was, ohne dass eine inakzeptable Einschränkung vorliegt. Natürlich aber gibt es immer wieder Menschen, die man mit Sachargumenten nicht mehr erreicht. Die Mehrheit der Bevölkerung aber unterstützt und befürwortet die Regeln.

Anmerkung

Wir haben das Interview in der vergangenen Woche mit Jens Maschmann geführt. Erst am Mittwoch, 14. Oktober, machte das Universitätsklinikum es öffentlich, dass Maschmann Jena verlässt und Otto Witte neuer Medizinischer Vorstand wird. Deshalb wird der Wechsel nicht angesprochen. Otto Witte studierte Medizin in Münster und London und absolvierte zudem ein Zusatzstudium. Im Jahre 2001 kam er als Klinikdirektor der Klinik für Neurologie ans Universitätsklinikum Jena.