Verborgene Tafel erinnert an Gefallenen Jenaer von 1809

Jena  Stumme Zeugen (43): Unter Napoleons Diensten haben Soldaten aus dem heutigen thüringer Raum den Tod gefunden.

Diese Postkarte zeigt die Kämpfe in Ober Au am 5. August 1809 anhand eines Gemäldes,

Diese Postkarte zeigt die Kämpfe in Ober Au am 5. August 1809 anhand eines Gemäldes,

Foto: Immanuel Voigt

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Am Anfang war Napoleon – Mit diesem mehr als treffenden Satz eröffnet der Historiker Thomas Nipperdey seine „Deutsche Geschichte“. In der Tat ist es vor allem der Korse Napoleon Bonaparte, der das frühe 19. Jahrhundert maßgeblich beeinflusste.

Im ersten Jahrzehnt häuften sich die kriegerischen Auseinandersetzungen, mit denen der nach Macht strebende französische Kaiser halb Europa überzog. Auch in unserer Region spürt man dies bis heute, nicht zuletzt durch die Niederlage des preußisch-sächsischen Heeres bei Jena und Auerstädt im Jahr 1806, die ihre Spuren hinterließ.

Der stumme Zeuge, um den es heute gehen soll, ist in der Friedenskirche zu finden, wobei man ihn leicht übersehen kann. Pfarrer Johannes Bilz war dann auch ein wenig überrascht, als ich ihn anrief und fragte, ob ich die Erinnerungstafel in seiner Kirche einmal ansehen dürfte. Bisher war sie ihm nicht aufgefallen, umso spannender war dann der Moment, als wir gemeinsam über den Nordeingang das Gotteshaus betraten. Das heißt, in den eigentlichen Kirchenraum muss man gar nicht eintreten, denn gleich linkerhand, im kleinen Durchgang zwischen den beiden Eingangstüren hängt das gesuchte Objekt. Dabei handelt es sich um eine wohl aus Kupfer oder Bronze gegossene Tafel, die nach mehr als 200 Jahren ein wenig verbeult ist und reichlich Patina angesetzt hat. Die Schrauben, die die Tafel an der Wand halten sind mit Blumen verdeckt, die Inschrift mit einem Lorbeerkranz umrandet. Gemeinsam lesen wir den Text: „Dem Andenken eines guten Jünglings / Carl Christoph Lotze / Gewidmet / Welcher im 19. Jahr als Füsilier in der Affaire bei Ober Au, in Tirol den 5. August 1809 den Tod fürs Vaterland starb / Er schied zu früh von seinen Aeltern und seinen Freunden, die ihn beweinen / Sanft ruhe seine irdische Hülle unter dem Schatten schroffer Felsen und sein Geist wandle unter den Seelen der Seligen.“ Doch wie passt das alles zusammen? 1809, Tirol und ein Toter?

Nach der verlorenen Schlacht von 1806 fiel Preußen als Schutzmacht für die sächsisch-ernestinischen Herzogtümer im heutigen Thüringer Raum aus. Um also den Fortbestand ihrer Länder zu sichern blieb den Herrschern an sich kaum eine größere Wahl, als dem Rheinbund beizutreten, was noch im Dezember 1806 geschah. Faktisch stand man nun in einer militärischen Allianz mit Napoleon, der alsbald von den Herrschern Truppen forderte, um sie gegen Preußen einzusetzen. Das Ergebnis war ein gemeinschaftliches Infanterie-Regiment zu drei Bataillonen, das von den Herzogtürmern Sachsen-Gotha-Altenburg, Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Coburg-Saalfeld, Sachsen-Meiningen und Sachsen-Hildburghausen im Frühjahr 1807 aufgestellt wurde. Es trug den passenden Namen „Regiment der Herzöge von Sachsen“ und umfasste eine Stärke von rund 2.800 Mann. 800 Mann stammten dabei aus unserer Region beziehungsweise aus der um Eisenach. Dunkle Wolken zogen auf, als Österreich 1809 gegen Frankreich nur schlecht vorbereitet in den Krieg zog und dies mit einer herben Niederlage büßte. Tirol, dass Jahrhunderte zu den Habsburgern gehört hatte, war schon 1805 an Bayern, einen Verbündeten Napoleons, verloren gegangen. Im neuerlichen Krieg gegen die Franzosen hatte sich die dortige Bevölkerung erhofft, mittels des österreichischen Militärs die verhassten Besatzer wieder los zu werden. Damit begann der Tiroler Volksaufstand unter dem Anführer Andreas Hofer, der zunächst äußerst erfolgreich war.

Doch mit der Niederlage Österreichs von 1809 und dem anschließenden Friedensvertrag musste das reguläre österreichische Militär Tirol verlassen. Die Aufständischen unter Hofer akzeptierten hingegen den Friedenschluss nicht und setzten vielmehr ihren Widerstand fort. Napoleon Bonaparte sah sich deshalb dazu veranlasst, gegen die Tiroler Bauernmacht vorzugehen. Neben bayerischen Truppen befahl er der 3. Division der Rheinbundarmee, zu der auch das „Regiment der Herzöge von Sachsen“ gehörte, den Widerstand zu brechen. Zunächst gelang im Juli 1809 ein müheloser Marsch bis Innsbruck, nirgends stellten sich die Feinde den vorrückenden Truppen entgegen. Vielmehr verschanzten sich die Tiroler in den Bergen hinter dem Brenner Pass. Daraufhin folgte der Befehl bis Sterzing vorzurücken, was man am 3. August erreichte, um anschließend den Marsch nach Brixen fortzusetzen.

Vornweg gingen immer die Thüringer, allen voran das III. Bataillon des Regiments, das vornehmlich aus Männern aus Sachsen-Weimar-Eisenach bestand. Wer die Gegend hinter Sterzing im heutigen Südtirol kennt, weiß, dass das Tal der Eisack dort besonders eng ist. Am 4. und vor allem 5. August 1809 kommt es dort zwischen den Orten Mittewald und dem heute nicht mehr existierenden Ober-Au (hinter Franzensfeste gelegen) zu heftigen Gefechten. Teils mit Guerilla-Taktiken, etwa dem Feuer aus dem Hinterhalt oder dem Abwurf von Steinlawinen von den Berghängen, bringen die Tiroler vor allem dem in vorderster Front kämpfenden Thüringern schwere Verluste bei.

Am 5. August kommt es gar zum Sturm auf Ober-Au. Tapfer verteidigen sich die Männer, oft bis zur sprichwörtlich letzten Patrone. Erbitterte Häuserkämpfe folgen. Doch am Ende sind die Tiroler Bauern siegreich, da sie das bayerisch-thüringische Heer zum Rückzug nach Sterzing zwangen. Besonders das „Regiment der Herzöge von Sachsen“ zahlte einen hohen Blutzoll. In zwei Tagen des erbittertsten Kampfes verlor man 45 Offiziere und 946 Unteroffiziere und Mannschaften als Tote, Verwundete oder Gefangene.

Einer der Toten war der 19-Jährige Jenenser Carl Christoph Lotze, der im Hexenkessel von Ober-Au sein Leben lies. Über ihn ist leider nur noch wenig in Erfahrung zu bringen. Ein Blick in das Geburtsregister der Jenaer Stadtkirche verrät allerdings, dass er am 25. April 1790 um 12 Uhr als Sohn des Jenaer Bürgers Johann Friedrich Lotze und dessen Frau Christiana Magdalena geb. Seyfarth zur Welt kam. Er war der dritte Sohn von insgesamt sieben Kindern des Ehepaars. Obwohl seine Eltern zur Stadtkirchgemeinde gehörten, findet sich die Plakette, die an ihn erinnert, in der einstigen Garnisonskirche von Jena. Solche Zeugnisse sind in unserer Region nicht selten anzutreffen. In Weimar, aber auch in der Kirche von Cospeda finden sich Hinweise auf Tote und Veteranen von 1809.

Übrigens, falls Sie einmal nach Südtirol in den Urlaub fahren sollten und hierzu die Brennerautobahn benutzen, achten Sie einmal nach der Mautstelle in Sterzing auf die Straßenschilder am rechten Fahrbahnrand. Zwischen Mittewald und Franzensfeste wird man dort auch eines mit der Aufschrift „Sachsenklemme“ finden. Die besonders enge Stelle hieß früher nur „Sack“. Seit den verheerenden Kämpfen von 1809 trägt sie nun diesen mehr als sprichwörtlichen Namen!

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