Verletzte Kriegshunde wurden im Ersten Weltkrieg in Jena gepflegt

Jena  Im Ersten Weltkrieg wurden Kriegshunde in der Saalestadt gepflegt

Sächsische Sanitätshundeführer mit ihren Hunden beim Ausmarsch in Dresden, September 1914..

Sächsische Sanitätshundeführer mit ihren Hunden beim Ausmarsch in Dresden, September 1914..

Foto: Sammlung Immanuel Voigt

Zwischen 1915 und 1918, vielleicht auch länger, wurden in Jena Kriegshunde so gut es ging von ihren körperlichen und seelischen Leiden in einem Sanitätshundelazarett kuriert. Ein Umstand der wohl kaum mehr bekannt ist. Wie kam diese Einrichtung überhaupt nach Jena?

Bereits in der Antike wurden Hunde nicht nur zur Jagd oder als Wach- und Hütehunde eingesetzt, sondern auch im Krieg. Ende des 19. Jahrhunderts ging man dann dazu über, den Hund systematisch für bestimmte Aufgaben abzurichten. Zwischen 1885 und 1911 hielten so die Kriegshunde auch im deutschen Militär Einzug. Ihre Aufgabe bestand im schnellen Übermitteln von Nachrichten und im Aufklärungs-, Sicherungs- und Postendienst.

Die Anfänge blieben dennoch bescheiden, wenn sich etwa im Jahr 1907 gerade einmal ein Bestand von 113 Tieren im deutschen Heeresdienst nachweisen lässt. Vor dem Ersten Weltkrieg schlief die Entwicklung in Deutschland wieder ein. Der technische Wandel machte Hunde für das Militär erneut entbehrlich. Ironischerweise zeigte dann der Erste Weltkrieg die Wichtigkeit dieser abgerichteten und damit spezialisierten Tiere mehr als deutlich.

Mit dem Kriegsausbruch Anfang August 1914 standen dem deutschen Heer damit keine einsatzbereiten Kriegshunde zur Verfügung. Schon bald erkannten vor allem zivile Vereine die Wichtigkeit der Tiere und machten sich für deren Einsatz im Feld stark. Besonders der 1893 gegründete „Deutsche Verein für Sanitätshunde“ hatte es sich zum Ziel gesetzt, Hunde derart auszubilden, dass sie möglichst schnell Verwundete finden konnten. Mit gerade einmal acht Hunden begann der „Deutsche Verein für Sanitätshunde“ seine Arbeit bei Kriegsbeginn 1914. In nur acht Monaten gelang es ihm 1698 Hunde auszubilden und an die Fronten zu schicken.

Schon bald stand die Frage im Raum, wo man die verletzten Hunde pflegen könnte. Eine eigene Lazaretteinrichtung und die damit verbundene veterinärmedizinische Versorgung hatte die deutsche Heeresverwaltung nicht im Blick. Der in Jena ansässige „Verein für Tier- und Menschenfreunde“ strebte an, verwundete und kranke Tiere zu versorgen und schlug vor, ein Lazarett für Sanitätshunde in der Saalestadt einzurichten. Hierfür stellte der 1. Vorsitzende und ehemalige Bürgermeister von Jena, Robert Geyer, sein eigenes ca. 13 000 Quadratmeter großes Grundstück mit Landhaus in Lichtenhain zur Verfügung. Dem Vorschlag wurde sofort stattgegeben, sicherlich auch, weil der Jenenser Verein die Kosten überwiegend aus Spenden selbst trug. Mit dem Bau der Zwingeranlagen und der sonstigen Einrichtungen wurde Anfang August 1915 im Geyer’schen Anwesen begonnen.

Fritz und Wolf im Kriegsdienst verwundet

Im „Jenaer Volksblatt“ vom 25. August 1915 heißt es dazu: „Das Lazarett für Sanitätshunde in Jena-Lichtenhain ist am 21. August eröffnet worden. Die ersten Patienten sind die Sanitätshunde ,Fritz‘ und ,Wolf‘ aus Mühlheim (Ruhr), welche seit Herbst 1914 in Frankreich tätig waren und bei ihrer Rettungsarbeit erkrankt sind; sie wurden von der Lazarettkommission am Bahnhofe abgeholt und mit Blumenschmuck versehen dem Lazarett zugeführt. Hoffentlich erholen sich die gut veranlagten Tiere bald so, daß sie in Kürze wieder felddienstfähig werden.“ Ein weiterer Bericht beschreibt die Hunde als „nervenkrank“, allerdings sei ihnen die Pflege in Jena so gut bekommen, dass sie nach drei Wochen wieder ins Feld rücken konnten.

Möglich war die Einrichtung eines Lazaretts in Jena wohl auch nur, weil die veterinärmedizinische Versorgung der Hunde durch die hiesige „Großherzogliche Tierarzneischule“ kostenlos geschah. Federführend war der bekannte Veterinär und Leiter der Anstalt Karl Hobstetter. Die Versorgung der Tiere erfolgte durch die Jenaer Garnisonsküche mit normaler Soldatenkost, nebst einem Liter Milch pro Hund und Tag.

Über den Lazarettalltag ist nur wenig bekannt. Die Mitglieder des Vereins unternahmen tägliche „Genesungs-Spaziergänge“ mit den Hunden, was „natürlich zu ihrem Wohlbefinden viel beiträgt“, wie eine Darstellung bemerkte.

Dass der Alltag nicht immer reibungsfrei ablief, zeigt folgender Aufruf, den der „Verein für Tier- und Menschenfreunde“ an das „Jenaer Volksblatt“ schickte, das ihn am 23. August 1916 abdruckte. Unter Überschrift „An die Feinde der Sanitätshunde“ liest man da: „Denjenigen Herrschaften, die wegen des Bellens der im Lazarett befindlichen Sanitätshunde schimpfen, fluchen und die Polizei alarmieren, möchten wir dringend empfehlen, ihren Wohnsitz zur Abwechslung einmal an die Ost- und Westfront zu verlegen. Wenn sie dort in ihrer unantastbaren Ruhe und Bequemlichkeit durch das ,Bellen‘ der Kanonen und Platzen der Granaten gestört werden, steht ihnen ja auch der Weg zur Polizei offen“. Offenbar war nicht jeder Anwohner gewillt, das Hundegebell als „patriotische Pflichterfüllung“ zu ertragen.

Das Jenaer Sanitätshundelazarett scheint bis Kriegsende im November 1918 bestanden zu haben. Allerdings finden sich nach 1917 keine Berichte mehr darüber. Zuverlässige Zahlen fehlen bis heute. Eine neuere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bis Mitte Mai 1917 111 Hunde in Jena gepflegt wurden, wovon man anschließend 83% als wieder felddiensttauglich entließ. Von diesen litten etwa 13% an Nervenkrankheiten, vergleichbar mit den menschlichen Kriegszitterern, hervorgerufen durch tagelangen Artilleriebeschuss.

Ursprünglich war angedacht, das Lazarett nach dem Kriegsende in eine Art Altersheim für Sanitätshunde umzuwandeln. Hier sollten jene Hunde ihren Lebensabend bis zum Tod verbringen, die von ihren einstigen Besitzern nicht mehr zurückgefordert wurden. Was aus diesen Plänen wurde und ob sie umgesetzt werden konnten ist unklar.

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