Vom Leben als Ghostwriter: Auftragsschreiber aus Jena veröffentlicht Roman zum Thema

Der Jenaer Wolfgang Klinghammer ist ein Auftragsschreiber. Nun hat er einen Roman zu diesem Thema veröffentlicht.

Autor und Ghostwriter Wolfgang Klinghammer auf dem Uni-Campus in Jena.  Foto: Macchiato-Verlag

Autor und Ghostwriter Wolfgang Klinghammer auf dem Uni-Campus in Jena. Foto: Macchiato-Verlag

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Bald werden wieder die Ölöfen knistern in jener Wohnung im Süden von Jena. Denn der Herbst ergreift Besitz vom Jahr 2013. Wolfgang Klinghammer ist froh über seine "ältere und daher preisgünstige Wohnung", in der man "die Jahreszeiten deutlich spürt."

Auch Konrad Richter, Protagonist in Klinghammers gerade erschienenem Roman "Der Bearbeiter", besitzt in einer Wohnung gleichen Typs zwei WG-Zimmer. Eines zum Leben, eines zum Arbeiten. Konrad, Absolvent der Politikwissenschaften, schreibt einen wissenschaftlichen Text nach dem anderen. Er ist aber kein Wissenschaftler. Keiner, der im akademischen Mittelbau feststeckt. Konrads Eindruck ist, dass gerade im "Professorendeutsch" letztlich "der gequälte Racheschrei armseliger Menschen" zu Buche schlägt, "die man jahrelang die niederen akademischen Arbeiten hatte verrichten lassen." Nun agierten sie gleichsam maschinell im Sinne "einer abstrakten Idee dessen, was man ihnen als Wissenschaft verkauft hatte." Es ist ein wahrhaft vernichtendes und letztgültiges Urteil, das die Figur von Klinghammers Roman über jene Zunft gefällt hat: "Diese Menschen waren für ein Leben außerhalb der Universität unwiederbringlich verloren, ebenso wie langjährige Stabsunter­offiziere für ein Leben außerhalb der Bundeswehr verloren waren."

Ungeachtet dieser Einschätzung sitzt Konrad tagtäglich in der Universitätsstadt, die unschwer als Jena zu enttarnen ist, auf seinem Gymnastikball vor dem Rechner und "promoviert". Es sind sogar zwei Doktorarbeiten gleichzeitig, die er - unterbrochen von Entspannungsepisoden mit Tolkien-Hörbüchern und PC-Ballerspielen - schreibt: eine volkswirtschaftliche und eine gesellschaftsgeschichtliche. Doch Konrad ist kein Doktorand. Warum er dennoch die Uni-Bibliotheken frequentiert, warum er gleich einem Gespenst durch die universitären Flure huscht, hat eine einzige Motivation: das Geld. Konrad Richter ist als Ghostwriter für die Agentur Dr. Winter tätig. Es ist ihm egal, welche Schicksale hinter den anonymisierten Kunden stecken. Es interessiert ihn nicht, was mit seinen Texten geschieht. Konrad sondert ohne innere Beteiligung Wissenschaft ab. Und er verdient dabei nicht schlecht...

Insgesamt führt Konrad ein beschauliches, unauffälliges Leben. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem er einen besonderen Auftrag annimmt, der möglicherweise sein Leben verändert, ohne dass dies Konrad zunächst bewusst ist. Überhaupt scheint in seinem Leben eine Zeit angebrochen zu sein, die neue Perspektiven öffnet. So wird Konrad Mitglied in einer seltsamen Hochbegabten-Organisation namens "Pi", die in Klinghammers Wissenschaftssatire auch mit kleinen Seitenhieben bedacht wird.

Obwohl der Leser tunlichst davon Abstand nehmen sollte, Autor und Romanfigur in ein Eins-zu-Eins-Verhältnis zu setzen, gibt es durchaus Parallelen. 1973 in Frankfurt/Main geboren, ging Klinghammer 1994 nach Jena, um ebenso wie sein Geschöpf Konrad im Hauptfach Politikwissenschaft zu studieren. Was beide im Ergebnis verbindet, ist die desillusionierte Haltung - sowohl gegenüber der Politik als auch gegenüber der Wissenschaft. Was Autor und Romanfigur außerdem eint, ist das Medium des Broterwerbs. Denn Wolfgang Klinghammer arbeitet als freier Autor. Und als Ghostwriter.

Entsprechend finden im "Bearbeiter" teils autobiografische Erfahrungen im Bereich des akademischen Schreibens Niederschlag. In einem "hohen, zweistelligen Prozentwert" bewege sich der Grad der Übereinstimmung zwischen ihm und Konrad Richter, räumt Ghostwriter Klinghammer ein. "Zu der Zeit, als der Text entstand, ab 2008, war meine Wohnung noch eine WG", erzählt er. Im Unterschied zum Ghostwriter Richter nimmt sich das, was Klinghammer schreibt, unspektakulärer aus: "Zunächst einmal schreibe ich keine Dissertationen, da wäre ich schnell im rechtlichen Abseits", stellt der gebürtige Hesse klar.

Vielmehr schreibe er im Auftrag diverser legaler Agenturen legale Texte mit wissenschaftlichem Anspruch. "Agenturen und Ghostwriter sichern sich ab, indem sie darauf hinweisen, dass der gelieferte Text natürlich nicht als Prüfungsleistung ausgegeben werden darf, sondern nur als Vorlage für die Erstellung der eigenen Arbeit." Es handele sich freilich um eine Grauzone, "allerdings um eine hellgraue." Was den Ghostwriter hinterm Ölofen nun gerade nicht plagt, sind Frust oder Skrupel: "Die Arbeit macht Spaß und wird einigermaßen gut bezahlt. Und das Wissen und die Lebenserfahrung, die man beim Schreiben sammelt, nimmt mir ja niemand weg." Schuldgefühle mögen schon deshalb ausbleiben, weil das bezahlte Ghostwriting auf derselben logischen Ebene liegt, wie all die anderen Absurditäten, die Klinghammer dem Wissenschaftsbetrieb attestiert.

Wolfgang Klinghammer: "Der Bearbeiter". Macchiato Verlag, Jena 2013. 287 S., 16,50 Euro

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