„Warnschuss“: Zeiss-Trainer Kwasniok nach 3:4 gegen Regensburg im Interview

Jena  „Als Trainer hast du immer das Gefühl, dass die Zeit knapp ist. Wir dürfen nicht glauben, dass eine Trainingseinheit bei den Standards dazu führt, dass du gut verteidigst“, sieht Lukas Kwasniok noch Bedarf.

Akribischer Arbeiter: Lukas Kwasniok (38) wählt in dieser Saison einen spielerischen Ansatz - Geduld wird es brauchen, bis das neue System sitzt.

Akribischer Arbeiter: Lukas Kwasniok (38) wählt in dieser Saison einen spielerischen Ansatz - Geduld wird es brauchen, bis das neue System sitzt.

Foto: Tino Zippel

In einer Woche startet der FC Carl Zeiss Jena in die neue Drittliga-Saison. Wir haben nach dem 3:4 im Testspiel gegen Zweitligist SSV Jahn Regensburg mit Trainer Lukas Kwasniok gesprochen.

Haben Sie Dominic Volkmer nach dem Testspiel gegen Regensburg gleich in den FCC-Bus gelotst?

Wir tun gut daran, Dominic Volkmer als Spieler von Jahn Regensburg anzuerkennen. Es gebietet der Respekt, bei einem solchen Testspiel nicht über mögliche Transfers zu sprechen. So haben wir uns vor Ort verhalten - ich war voll auf unser Spiel fokussiert. Wir haben uns begrüßt und übers Wiedersehen gefreut. Mehr nicht.

Glauben Sie noch an einen Wechsel nach Jena?

In der Angelegenheit ist keine Bewegung, möglicherweise herrscht viel mehr Wunsch­denken als realistische Chance.

Gegen Regensburg hat die Mannschaft eine 3:1-Führung verspielt. Müssen Sie personell nachlegen?

Unsere Spielidee war klar ersichtlich, das freut mich sehr. Nach 60 Minuten und einem unglücklichen Anschlusstreffer nach einem Querschläger im eigenen Strafraum hat Regensburg das komplette Team gewechselt und uns in fünf Minuten überrumpelt. Das war ein Warnschuss, aber erklärbar, so dass wir keine Panik schieben müssen.

Wie viele Spieler der Startelf gegen Regensburg laufen im ersten Pflichtspiel auf?

Wenn nicht ganz so viel dazwischen kommt, wird Jo Coppens anfangen. (lacht)

Die meisten der Spieler aus der Startelf sollten gesetzt sein?

Ein paar Jungs haben sich einen Vorteil erarbeitet. Davon waren einige am Beginn des Spiels auf dem Feld. Aber das wollen wir nicht überbewerten. Man beendet die Saison nie mit der Aufstellung, mit der man angefangen hat. In den ersten beiden Wochen haben wir vier Spiele, da werden wir nicht viermal mit der gleichen Startaufstellung spielen. Julian Günther-Schmidt stößt hoffentlich nach drei Spielen als Alternative dazu. Und Maximilian Rohr steht ab dem vierten Spieltag zur Verfügung.

Geben Sie im Test gegen Halberstadt am Dienstag noch mal allen Spielern eine Chance?

Das muss ich mit dem Athletiktrainer besprechen. Gern würde ich den einen oder anderen über 90 Minuten sehen, weil man sich die nötigen Körner nur übers Spiel holt. Aber wir müssen die Belastung sinnvoll steuern.

Passt das Spiel gegen einen Regionalligisten zum Abschluss der Vorbereitung in die Dramaturgie?

Sehr gut sogar. Gegen Regensburg mussten wir viele Lösungen unter Druck in der eigenen Hälfte suchen. Halberstadt wird mehr in der eigenen Hälfte verteidigen. Damit ändert sich bei uns auch die Spielsystematik.

Haben Sie Ihr komplettes Trainingsprogramm schon durch?

Als Trainer hast du immer das Gefühl, dass die Zeit knapp ist. Wir dürfen nicht glauben, dass eine Trainingseinheit bei den Standards dazu führt, dass du gut verteidigst. Da sehe ich schon noch Bedarf, genauso wie bei der Arbeit gegen den Ball. Im Positionsspiel ist durchaus noch Luft nach oben. Keine Sorge, die Themen gehen nicht aus.

Nach vier Wochen: Wie passt das Team zusammen?

Da brauchte ich keine vier Wochen, um zu merken, dass es passt. Die neuen Jungs harmonieren gut mit jenen, die schon hier waren. Wir haben eine sehr positive Grundhaltung und Atmosphäre in der Mannschaft. Bei uns darf jeder so sein, wie er ist. Nur muss er sich an unseren Wertekatalog halten. Der wird gerade gedruckt und neben der Aufschrift „Helden aus der zweiten Reihe“ an der Wand hängen.

Wie dick ist der Katalog?

Es gibt acht unverhandelbare Kriterien und Pflichten, die sich die Jungs und das Trainerteam auferlegt haben. Unsere Spieler haben nach einer Gruppenarbeit Vorschläge unterbreitet, wir haben die Überschneidungen identifiziert und prägnant in Regeln formuliert.

Haben Sie den Kapitän schon gewählt?

René Eckardt ist das Gesicht unserer Mannschaft, der unumstrittene Anführer. Dafür braucht er die Binde gar nicht. Das ist ein Relikt aus vergangener Zeit. Ich könnte sie in jedem Spiel jemand anderem geben, aber dennoch bleibt René Eckardt der Häuptling. Überhaupt hat der Kapitän doch nur Nachteile auf dem Feld.

Inwiefern?

Er bekommt immer auf den Deckel, wenn der Trainer oder die Fans sich daneben benehmen. Er selbst hat keine höheren Rechte als jeder andere Spieler. Im Grunde bleibt doch nur die Platzwahl als Privileg. Die Aufgabe eines Kapitäns sehe ich vor allem außerhalb des Platzes, eine Vorbildfunktion einzunehmen. Und die füllt René Eckardt hervorragend aus. Alle neuen Spieler wenden sich an ihn mit ihren Themen.

Aber ist ein Kapitän nicht wichtig, um Führungsverantwortung auf dem Platz zu übernehmen?

Das ist doch überholt, dass der Kapitän mal einen umgrätscht, um ein Zeichen zu setzen. Heute übernimmt jeder Spieler Verantwortung in seinem Teilbereich. Wir haben doch nicht mehr den Zehner mit der Binde, der hinten den Ball abholt und vorn verwandelt. Jeder Spieler muss den Ball haben wollen.

Wer wird nun die Binde tragen?

Das klären wir in dieser Woche. Wir dürfen nicht die Wirkung einer einzelnen Person überschätzen. Die Spielidee muss es sein, woran sich die Spieler aufrichten. Und auch in schwierigen Zeiten immer daran glauben.

Sitzt das Spielsystem schon nach ihren Vorstellungen?

Wir wollen den Ball. Das ist viel komplexer als die Defensiv­taktik der vorigen Saison.

Warum kehren Sie von der Taktik ab, die letztlich den Klassenerhalt beschert hat?

Weil wir nun die Spieler haben, um diese Taktik umzusetzen. Uns ist klar, dass anfangs viel mehr Fehler passieren werden, und bitten schon vorsorglich um Geduld. Aber auf Dauer wird uns dieser spielerische Ansatz auf ein anderes Niveau heben.

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