Wird in Jena auf öffentlichen Flächen zu viel und zu oft Gras gemäht?

Jena  Politikum Insektenschutz: KSJ weist Vorwurf des „Mäh-Wahnsinns“ in Jena zurück und bewegt sich doch zwischen Interessen-Fronten.

Es blüht im Straßenbegleitgrün an der Tümplingstraße.

Es blüht im Straßenbegleitgrün an der Tümplingstraße.

Foto: Thomas Beier

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Lob muss sein. Gunnar Brehm, Biologe von Beruf, hat nahe seiner Wohnung in der Ringwiese den Kommunalservice KSJ beim Mähen öffentlicher Flächen beobachtet und die Mitarbeiter angesprochen, ob sie Ecken für Insekten stehen lassen können. Sie konnten! Etwa an den verbliebenen Wegwarten seien am anderen Morgen Schwebfliegen zu beobachten gewesen, sagte Brehm. Den KSJ könne man also nur ermutigen, mehr Grünwuchs stehen zu lassen. Und klar, man müsse „die Leute um Verständnis bitten, dass es dann nicht überall total aufgeräumt aussieht“, sagt Brehm. Ihn kennen viele Jenaer als den Mitorganisator von Arbeitseinsätzen gegen die in Jena invasiv sich ausbreitende Zackenschote.

Für das Grünanlagen-Team sei das Stehenlassen „eigentlich gängige Praxis“, sagte Martina Hicke, Geschäftsbereichsleiterin für kommunale und zentrale Dienste des KSJ. „Es gibt da Inseln und Streifen, die die Kollegen kennen.“ Zu Beginn der Mahd-Saison seien Teilflächen mit Blühgräsern bewusst unangerührt geblieben.

Andererseits habe der Kommunalservice als Eigenbetrieb einen Vertrag mit der Stadt zu erfüllen, wonach 330 Hektar öffentliches Grün im Jahr zweimal zu pflegen sind. Mit vielen Ortsteilen gebe es die Übereinkunft, „dass wir vor den jeweiligen Dorffesten mit dem zweiten Schnitt durch sind“. Insofern sei es eine sehr hohe Anforderung, den jährlich zweimaligen Mäh-Rhythmus zu halten.

Maßnahmenkatalog zum Insektenschutz bis 2020

Martina Hicke weiß nur zu gut, dass ihre Grünanlagen-Pfleger es nicht allen Leuten recht tun können. Neulich habe sich ein Jenaer bei der Landesregierung über den „Mäh-Wahnsinn des KSJ“ beklagt. Dem sei zu entgegnen, dass KSJ den „Zweimal pro Jahr“-Vertrag mit der Stadt zu erfüllen habe. Das Straßenbegleitgrün müsse mitunter sogar öfters gepflegt werden. Wegen der Verkehrssicherungspflicht!

Den Sinn fürs Insekten-Wohl lassen sich die Grünanlagen-Pfleger aber nicht absprechen. Martina Hicke nannte als Beispiel die gemeinsam mit Wenigenjena-Ortsteilbürgermeisterin Rosa Maria Haschke im Frühjahr veranlasste kostenlose Ausgabe von Blühsaat. Entsprechend seien in Jena-Ost Blühstreifen ausgewiesen worden am Ostbad-Radweg, in der Tümplingstraße, am Fuchsturmweg und bei der Schillerapotheke.

Und so sieht Martina Hicke sich und ihre Grünschnitt-Experten gut gewappnet, jenem von den Bündnisgrünen eingebrachten Stadtratsbeschluss vom Mai dieses Jahres zu folgen: Bis März 2020 soll die Stadtverwaltung einen „Maßnahmenkatalog zum Schutz von Insekten“ vorlegen. Dafür sollen „Pflegegrundsätze und Gestaltungsvarianten aktualisiert werden“, heißt es im Beschluss.

Nein, die lange währende Trockenheit hat nach Martina ­Hickes Einschätzung nicht etwa den Druck gemindert bei den Mahd-Aufgaben. Der Grünwuchs aus dem Frühjahr stehe hier und da noch. Derzeit seien Lobeda-Ost und -West wie auch Wenigenjena mit dem ersten Schnitt an der Reihe.

Wiederum sicherte Martina Hicke zu, dass einer speziellen Bürger-Kritik aus dem Online-Mängelmelder nachgegangen wird: Das Denkmal für die Opfer der kommunistischen Diktatur vorm Technischen Rathaus Am Anger ist stark zugewuchert. Und das kurz vorm 30. Jubiläum der Wende!

Uni-Biologe Gunnar Brehm erläuterte, dass eine Mahd „ein ziemlich radikaler Eingriff“ sei. Mähe man im Juni, Juli eine halbwegs artenreiche Wiese, würden fast alle dortigen Insekten sterben. Ohne Mahd bleibe eine Wiese allerdings keine Wiese, sondern sie werde zur Staudenflur, dann kämen Büsche hinzu, dann Bäume. „Dann wird es Wald. Es geht also nicht ohne Eingriffe.“

Ein gutes Management sollte laut Brehm darin bestehen, Grünflächen nicht in einem Zuge, sondern in Teilen zu mähen, Streifen stehen zu lassen. „Also lieber eine Fläche teils Ende Mai und teils Ende Juli mähen als alles gleichzeitig im Juni.“

Das Einsäen von Mischungen sei nicht notwendig, man müsse nur das vorhandene Potential entwickeln. Es gebe käufliche Samenmischungen, in denen sogar Zackenschoten enthalten seien. „Grauslich.“

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