Wissenschaft vom Elfenbeinturm auf die Straße in Jena geholt

Jena  Serie Stumme Zeugen Hermann Schaeffer war ein Jenaer Original, Freund Ernst Abbes und genialer Naturwissenschaftler an der Jenaer Uni

Gleich gegenüber den Rosensälen steht das Denkmal für einen Professor, der seiner Zeit ein gutes Stück voraus war - Hermann Schaeffer.

Gleich gegenüber den Rosensälen steht das Denkmal für einen Professor, der seiner Zeit ein gutes Stück voraus war - Hermann Schaeffer.

Foto: Immanuel Voigt

Folgt man dem Fürstengraben vom Pulverturm in Richtung Innenstadt, dann findet sich gleich gegenüber den Rosensälen das Denkmal für einen Professor, der im wahrsten Sinne des Wortes Weitsicht bewies und in mancherlei Hinsicht seiner Zeit ein gutes Stück voraus war.

Die Rede ist von Hermann Schaeffer, der hier geehrt wird. Sein Gedenkstein bildet den oberen Abschluss der Jenenser „via triumphalis“ und ist recht schlicht gehalten. Ein spitzzulaufender Kalkstein, der ein wenig an eine Pyramide erinnert, bildet den Hauptteil des Denkmals. Auf ihn wurde eine Steinplatte mit dem Reliefbild Schaeffers aufgesetzt. Die Basis ist eine kleine Mauer aus Kalksteinen, an der sich eine weitere Tafel befindet die folgende Inschrift in goldenen Lettern trägt: „Hermann Schaeffer 1824-1900. / Lehren war seine Lust, Volkswohlfahrt seine Wonne.“ Trotz des Denkmals und der Schaefferstraße im Landgrafenviertel ist der Mann hinter dem Namen heute wohl nur noch wenigen bekannt und das obwohl der als sehr volksnah aber auch ein wenig schrullig bekannte Gelehrte vor über 100 Jahren zu den Jenaer Originalen gehörte.

Hermann Karl Julius Traugott Schaeffer wurde am 6. August 1824 als erstes Kind des Kommissionsraths Karl Schaeffer und dessen Frau Caroline in Weimar geboren. Gemeinsam mit seinen vier Geschwistern erzog der Vater Hermann in einem liberalen Geist und animierte sie bereits in frühester Kindheit selbständig Dinge zu erleben und auszuprobieren. Eine Erfahrung, die den jungen Hermann prägen sollte. Zunächst erhielt er noch Privatunterricht, besuchte dann aber das Gymnasium in Weimar und bestand dort 1844 sein Abitur. Im Anschluss studierte er in Jena, mit Zwischenstationen in Dresden, Berlin und Leipzig. Vor allem Physik und Mathematik hatten es ihm angetan.

Experimente volksnah auf der Straße

1847 promovierte sich Schaeffer in Jena, drei Jahre später folgte die Habilitation. 1856 erhielt der Gelehrte dann eine außerordentliche Professur an der Universität Jena für Physik, Mathematik und Astronomie. Ein Jahr später wurde Schaeffer zum Mitglied der berühmten Leopoldina in Halle an der Saale ernannt. Es folgten viele rastlose und arbeitsreiche Jahre an der Saale, in denen sich Hermann Schaeffer das Herz der Bevölkerung eroberte. Zum einen lag dies daran, dass er entgegen des mitunter üblichen universitären Duktus keine elitäre Wissenschaft für Gelehrte betrieb, sondern vielmehr Volksnähe bewies. Dies gelang vor allem dadurch, weil Hermann Schaeffer öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen durchführte, in dem er Experimente sprichwörtlich auf der Straße durchführte, oder Dinge so erklärte, dass sie auch für weniger Gebildete verständlich wurden. Sein Ziel war dabei stets die Wissenschaft immer stärker transparent zu machen, um so die Volksbildung voranzubringen. Unter anderem legte der Professor deshalb eine Sammlung von einfachen physikalischen Apparaten und Gerätschaften an, die er „physica pauperum“ also „Physik der Armen“ nannte. Oftmals handelt es sich dabei um Versuchsmodelle die er selbst hergestellt oder nach seiner Anleitung hatte bauen lassen. Der Wissenschaftler ging dabei noch einen Schritt weiter, etwa wenn er in seinem Wohnhaus ein eigenes Spielzimmer für Kinder einrichtete, in dem die Kleinen physikalisch-mathematische Experimente selbst durchführen konnten. Auch unterrichtete er an der Stoyschen Knabenschule und war vielmals darum bemüht die frühkindliche Bildung voranzutreiben. Nicht zuletzt ging auf Schaeffers Initiative auch ein eigener Industriezweig zurück, der Glasapparatebau, der den Glashütten im Thüringer Wald für viele Jahre den Erwerb sicherte. Um seinen Unterricht anschaulicher und noch verständlicher zu gestalten entschloss sich Hermann Schaeffer Apparate aus Glas herstellen zu lassen, sodass man hinter die Kulisse sehen konnte. Zu diesem Zweck besuchte er während seiner zahlreichen Kuraufenthalte in Ilmenau immer wieder Glasbläser in der näheren Umgebung, um sie dahingehend anzuleiten, die Gerätschaften nach seinen Entwürfen herzustellen. Kein Wunder also, dass man ihn auch „Glasphysiker“ nannte. Über die Jahre erwarb sich der humorvolle Professor somit großes Ansehen in Jena. Politisch blieb er stets ein Altliberaler, der die Ideale der bürgerlichen Revolution von 1848 hochhielt und keinen Hehl daraus machte, dass er weder die Monarchie noch Reichskanzler Otto von Bismarck leiden konnte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts regte sich zunehmend Widerstand gegen die Lehrveranstaltungen des alt gewordenen Professors. Zum einen wurden sie als unzeitgemäß kritisiert, zum anderen kam die Forderung auf, Schaeffer solle endlich emeritieren. Nur widerwillig kam der 75-Jährige 1899 dieser Aufforderung nach und legte schließlich, auch wegen gesundheitlicher Probleme, sein Lehramt nieder. Wenig später starb das Jenaer Unikat am 3. Februar 1900 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Vergessen hatten ihn seine Schüler und Freunde jedoch nicht, denn wie einem Aufruf in der „Jenaischen Zeitung“ vom 2. Juni 1900 zu entnehmen ist, hatten sich in Jena und auch in Ilmenau mittlerweile Deputationen zusammengefunden, die dazu aufriefen Spenden für ein Denkmal für Hermann Schaeffer zu sammeln. An der Spitze der Jenenser Initiative stand Ernst Abbe, ein enger Freund Schaeffers, gefolgt von einer Reihe namhafter Persönlichkeiten der Stadt. Der Aufruf war von Erfolg gekrönt, denn ein gutes Jahr später wurde das Schaeffer-Denkmal am 9. Juni 1901 eingeweiht.

Zu diesem Anlass fanden sich etliche Freunde und ehemalige Schüler gegen 11 Uhr auf dem Bibliotheksplatz ein und liefen dann das kurze Stück zum Denkmal. Vor Ort spielte bei schönstem Sommerwetter eine Kapelle für die zahlreichen Besucher in und aus Jena. Die Weiherede hielt Professor Leo Sachse, der noch einmal das Verdienst Schaeffers würdigte und anschließend das Denkmal an den Oberbürgermeister Heinrich Singer und damit an die Stadt übergab. Dann fiel die Hülle des Denkmals und unter den Klängen des Liedes „Du mein Jena“ wurden zahlreiche Kränze niedergelegt. Danach zog die Festgemeinde zum „Weimarischen Hof“, wo man den Tag mit Konzertmusik ausklingen ließ.

Vor einigen Jahren fand sich noch ein weiteres Schaeffer-Denkmal mitten im Wald, genauer gesagt im Metztal oberhalb der Papiermühle. Wann und von wem es aufgestellt wurde, ist unklar. Wahrscheinlich stammt der schlichte Stein mit der Inschrift „Schaeffer“ aber auch von Verehrern des einstigen Professors.