Jenaer hat dank Knochenmarkspende vor 40 Jahren zwei Geburtstage jährlich

Jena.  Jenaer Kinderarzt Felix Zintl führte 1980 erste Knochenmark-Transplantation in der DDR an einem Kind durch

Zum gemeinsamen Abendessen im "Schwarzen Bären" in Jena hatte Jörg Peuckert (Mitte) mit seiner Frau Antje (rechts) und Tochter Josefine seinen Retter von 1980, den Kinderarzt Felix Zintl und dessen Frau Elga, eingeladen.

Zum gemeinsamen Abendessen im "Schwarzen Bären" in Jena hatte Jörg Peuckert (Mitte) mit seiner Frau Antje (rechts) und Tochter Josefine seinen Retter von 1980, den Kinderarzt Felix Zintl und dessen Frau Elga, eingeladen.

Foto: Michael Groß

Wohl auf immer und ewig bleibt der 1. Oktober für Jörg Peuckert sein zweiter Geburtstag im Jahr. An jenem 1. Oktober des Jahres 1980 habe er so etwas wie eine Wiedergeburt erleben dürfen. Damals erhielt der 13-Jährige aus dem sächsischen Marbach eine Knochenmark-Transplantation an der Jenaer Universitäts-Kinderklinik, die ihm sein nur noch am dünnen Faden hängendes Leben rettete. Es war seine letzte Chance, nachdem er lange wegen eines Versagens seines Knochenmarks erfolglos behandelt worden und sein Zustand höchst dramatisch geworden war. Eine Oberärztin am Krankenhaus in Chemnitz handelte schließlich und überwies den Jungen nach Jena.

Dort war alles schon vorbereitet für geradezu Revolutionäres. Denn erstmals sollte in der damaligen DDR eine Knochenmark-Transplantation durchgeführt werden. Ärzte im Westen hatten zu jener Zeit schon seit einem Jahrzehnt gute Erfahrungen damit gemacht.

Der Kinderarzt und Onkologe Felix Zintl war nun der Initiator dieses Vorhabens in Jena. Doch er hatte es nicht leicht, allein und mit wenig offizieller Unterstützung in der Mangelwirtschaft des Ostens alles zusammenzubekommen, um die Transplantation überhaupt durchführen zu können.

Es fehlte an vielem, zum Beispiel an Kathetern, also Schläuchen, die den kranken Kindern in die Organe eingeführt werden und dort auch längere Zeit verbleiben müssen. Dafür organisierte Zintl nach langem Suchen gummiartiges Material vom seinerzeitigen VEB Pneumant. Und die beiden nötigen Steril-Einheiten baute er gemeinsam mit pfiffigen Zeissianern, die das im zweiten Arbeitsverhältnis übernommen hatten. Für das Reinraum-Klima in den Steril-Einheiten fand Zintl einen Dresdner Betrieb, dessen Technik eigentlich für die Reinraum-Bedingungen in der Elektronikindustrie bestimmt war.

Dann kam schließlich jener 1. Oktober 1980, an dem die erste Knochenmark-Transplantation für ein Kind in der DDR erfolgen sollte. Der Tag begann damit, dass Jörgs drei Jahre älterem Bruder, dessen Blutwerte mit denen von Jörg übereinstimmten, Knochenmark entnommen wurde. Das wurde dann ab dem Nachmittag an Jörg per Transfusion weitergegeben. Ein Transplantationsprozess, der gut eine Woche dauerte.

„Vorher musste ihm sein bisheriges Knochenmark vollständig zerstört werden. Ansonsten wäre das neu zugeführte Knochenmark als fremdes Organ abgestoßen worden", sagt Felix Zintl, der sich noch gut an seinen ersten Transplantations-Patienten erinnert und mit ihm bis heute Kontakt pflegt. Die Vernichtung des alten Knochenmarks sei über Medikamente und Teilbestrahlung erfolgt.

Ein Wagnis, weil der Junge zu diesem Zeitpunkt schon extrem geschwächt war. Doch es gab keine Alternative. „Wenn man gar keine Chance mehr hat, dann ergreift man auch den letzten Anker", erinnert sich Peuckert an jenen damals von ihm mit so viel Hoffnung verbundenen Eingriff, dem dann Wochen des Bangens folgten. Doch es ging ihm immer besser. Trotz mancher Schwankungen, wie zum Beispiel plötzlichem Fieber, erholte sich der Patient. Das neue Knochenmark wuchs erfolgreich an. Und zum 1. Advent konnte der junge Patient erstmals wieder nach Hause.

Die Rückkehr in die Schule war natürlich nicht so leicht, denn es fehlten ihm einige Monate. Doch er schaffte den Schulabschluss und lernte den Beruf eines Rundfunkmechanikers. Heute arbeitet er im Dresdner High-Tech-Unternehmen Infinion. Auch privat wurde alles gut für Jörg Peuckert, der sich blendend fühlt. So lebt er seit 29 Jahren mit seiner Frau Antje zusammen und hat auch eine Tochter. Ein Familienzuwachs, der möglich war, weil Peuckert damals nur eine punktuelle Bestrahlung der Lymphknoten-Region und der Milz erhalten hatte und nicht eine Ganzkörper-Bestrahlung.

Mit Frau und Tochter reiste er nun am Wochenende nach Jena, um seinen Retter, den emeritierten Professor Felix Zintl, zu treffen. Viel hatten sich beide zu erzählen, von all den Geschehnissen vor 40 Jahren und dem langen Weg bis heute, auf dem der Jenaer Kinderarzt seinen Patienten ein gutes Stück nach der Transplantation weiter begleitet hatte.

Doch längst gilt Peuckert als komplett gesund und braucht sich nicht mehr den Ärzten vorzustellen. Eine 40-jährige Geschichte, die ein Erfolg war und ist. Heute sind Knochenmark-Transplantationen auch in Jena zum klinischen Alltag geworden.