Ab jetzt gibt es nur noch Äpfel von nebenan

Zeulenroda-Triebes.  Viele Menschen wollen im neuen Jahr umweltbewusster Leben. Das geht zum Beispiel beim Einkaufen. Fällt es leicht auf Bio und Regional zu achten?

Das Biosiegel gibt grundsätzlich noch keine Auskunft, über die Treibhausgasbilanz eines Produktes. Doch meist sind ökologisch produzierte Waren auch klimafreundlicher.

Das Biosiegel gibt grundsätzlich noch keine Auskunft, über die Treibhausgasbilanz eines Produktes. Doch meist sind ökologisch produzierte Waren auch klimafreundlicher.

Foto: David-Wolfgang Ebener / dpa

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Den ersten Fehler begehe ich, bevor ich überhaupt nur ein Produkt im Einkaufskorb habe. Weil der Freitag bei uns in der Redaktion meist ein sehr stressiger Tag ist, fahre ich die Strecke zu einem großen Supermarkt in Zeulenroda-Triebes mit dem Auto. Weniger als 500 Meter. Schande auf mein Haupt. „Wer beim Einkaufen auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit achten will, sollte sich Gedanken darüber machen, wie er zum Markt gelangt. Besser wäre es, das Fahrrad zu nehmen oder zu Fuß zu gehen“, sagt Luise Hoffmann, Fachberaterin für Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Thüringen.

Zweidrittel wollen im neuen Jahr umweltfreundlicher Leben

Im heutigen Teil der Serie „Gute Vorsätze auf dem Prüfstand“ soll es, um eines der beliebtesten Ziele für das Jahr 2020 gehen. Immerhin 64 Prozent der Befragten gaben in einer Umfrage der Krankenkasse DRK an, sich im neuen Jahr „umwelt- und klimafreundlicher zu verhalten“. Diesen Vorsatz möchte ich an der Supermarktkasse auf den Prüfstand stellen. Die wichtigsten Fragen: Wie kann ich in einem Supermarkt nachhaltiger einkaufen? Wie hoch ist der Mehraufwand? Und wie schaffe ich es, dieses Vorhaben auch einzuhalten?

„Gutes aus der Region“ steht auf einem Plakat am Eingang zum Supermarkt. Das passt doch, denke ich mir. So sieht der Vorsatz beim Einkauf heute aus: Regional, Bio, Saisonal und möglichst keine Plastikverpackung. Was ist eigentlich besser für die Umwelt? „Das lässt sich so leicht nicht sagen“, sagt Luise Hoffmann. Grundsätzlich lasse sich nachhaltiges Einkaufen in drei Dimensionen einteilen. So gilt es einerseits, auf die Treibhausgasbilanz eines Produktes zu achten. Daneben müsse aber auch der ganzheitliche Umweltaspekt stimmen. Welche Auswirkung hat die Produktion auf Pflanzen, Natur und Tiere. Es gibt auch einen sozialen Aspekt von Nachhaltigkeit. Ich muss mich fragen, unter welchen Arbeitsbedingungen wurde das Produkt hergestellt.

Fleischverzichtals beste Waffe

Eine weitere Hürde reiße ich vor dem Start ins Getümmel glücklicherweise nicht nicht. Denn auf meiner Einkaufsliste stehen heute nur Eier, Müsli, Obst, Gemüse, Käse und Brot. Der wirkmächtigste Vorsatz sei es nämlich Vorsatz, weniger oder gar kein Fleisch zu kaufen. „Es muss nicht jeder gleich Veganer werden. Aber weniger, wäre schon ein guter Ansatz“, sagt sie. Nahezu 70 Prozent der direkten Treibhausgasemissionen unserer Ernährung sind auf tierische Produkte zurückzuführen, auf pflanzliche Produkte dagegen nur knapp ein Drittel. 300 bis 600 Gramm Fleisch in der Woche wären völlig ausreichend.

Informationen über Anbauart fehlen

Vor jenen pflanzlichen Produkten stehe ich jetzt. Eine riesige Auswahl an Äpfeln, Tomaten und Möhren. Weil ich bei meinem Einkauf auf saisonales Obst und Gemüse achten will, bleibt mir nicht viel Auswahl. Auf Tomaten muss ich im Winter verzichten. Trotzdem werfe ich einen Blick darauf und entdecke Tomaten aus Deutschland und Bio-Tomaten aus Spanien. Welche sind nun besser fürs Klima?

„Das ist nur schwer festzustellen, weil es keine Informationen über die Anbauart gibt“, sagt Luise Hoffmann. Wenn sie in Deutschland in einem Gewächshaus gezüchtet wurden, dann verbrauchen sie sehr viel CO2. Sie hätten dann eine schlechtere Bilanz als beispielsweise Freilandtomaten aus Spanien. Obwohl diese importiert werden müssen. Anderseits gibt es inzwischen auch Gewächshäuser, die mit Biogas beheizt werden, was diese Anbauart wieder klimafreundlicher macht. „Es ist ärgerlich, dass der Kunde keine Infos über die Anbauart bekommt“, sagt Luise Hoffmann. Obwohl die Tomaten in meinem Fall aus dem nur 80 Kilometer entfernten Zorbau in Sachsen-Anhalt kommen, lasse ich sie liegen.

Regional oder Bio?

Es wird nicht weniger verwirrend. Die als regional beworbenen Äpfel kommen aus Dohna in Sachsen. Allerdings sind sie im Gegensatz zu ihren Kollegen aus Spanien in Plastik verpackt. Birnen aus Italien liegen direkt unter jenen aus Italien. Sie kosten auch dasselbe. Grundsätzlich macht es nicht den Eindruck, dass die regionale Ware hier herausgestellt wird. Der Kunde greift wohl einfach zu. Schon in der Obst- und Gemüseabteilung merke ich, dass bewusstes Einkaufen länger dauert. Ich studiere die Preisschilder, durchsuche die Etiketten nach den Ursprungsorten und werfe immer wieder einen Blick in den Saisonkalender. Ob das etwas für jeden Tag ist?

Die nächste Zwickmühle offenbart sich beim Eierkauf. Es gibt Eier aus Bodenhaltung aus Reichenbach im Vogtland. Gut 30 Kilometer Transportweg. Sie kosten dasselbe wie Bio-Eier aus Freilandhaltung, die fast dreimal so weit reisen mussten. „Es muss jeder selbst wissen, was ihm wichtig ist. Grundsätzlich ist das Bio-Siegel aber schon ein ganz guter Anhaltspunkt für Umweltbewusstsein“, sagt Hoffmann. Biologische Landwirtschaft und Tierzucht sei zum einen ressourcenschonender und berücksichtige eben auch Werte wie Tierwohl, Artenschutz und Artenvielfalt.

Einkauf kostet etwasmehr Geld und sehr viel mehr Zeit

Das Brot kaufe ich beim Bäcker und verzichte auf die Verpackung. Am Ende hat es leider nicht geklappt auf Plastik zu verzichten. Möhren und Äpfel aus der Region gab es nur eingeschweißt. Das Studieren der Herkunftsorte hat viel Zeit gekostet. Dennoch bin ich mit meinem Einkauf zufrieden. Er ist nicht viel teurer als sonst. „Wer sich vorgenommen hat, nachhaltiger Einzukaufen sollte nicht so streng mit sich sein. Es geht erstmal darum, wieder ein Bewusstsein für Lebensmittel, und ihren Wert zu entwickeln. Man darf auch mal aus der Reihe tanzen“, sagt Luise Hoffmann.

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