Zeulenroda-Triebes: Im Mittelpunkt steht immer die Gruppe, auch bei Suchtproblemen

Zeulenroda-Triebes.  „Kommt zu uns! Wir sind die Guten“, sagt Gerd Heinig über die Gruppe und lächelt.

Gerd Heinig ist einer der Leiter der Gruppe. Sie ist unabhängig, darf aber die Räume der Kirche in Zeulenroda nutzen.

Gerd Heinig ist einer der Leiter der Gruppe. Sie ist unabhängig, darf aber die Räume der Kirche in Zeulenroda nutzen.

Foto: Norman Börner

Wenn Menschen sagen, sie stehen nicht gerne im Mittelpunkt, kann das viele Ursachen haben. Manche fühlen sich vielleicht nicht wohl in ihrer Haut oder wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich lenken. Gerd Heinig sagt diesen Satz auch. „Im Mittelpunkt steht immer die Gruppe“, schiebt er hinterher und sofort ist klar, dass keiner der eben genannten Gründe zutrifft. Denn hinter Gerd Heinig steckt ein Mann, der wohl mehr als viele andere zu dem steht, was er ist: Ein ehemaliger Alkoholiker, der seiner Sucht seit mehr als zehn Jahren die Stirn bietet und anderen Menschen hilft, diesen Kampf ebenfalls erfolgreich zu bestreiten. Gerade wurde der 61-Jährige vom Freistaat mit dem Thüringer Ehrenamtszertifikat ausgezeichnet. Eine Auszeichnung für engagierte Menschen. Zusammen mit Dieter Pruschik, der die Auszeichnung im vergangenen Jahr erhielt, leitet er die Selbsthilfegruppe Sucht.

Übergang zur Sucht schleichend

Einmal in der Woche trifft sich die Gruppe derzeit im großen Pfarrsaal in Zeulenroda-Triebes. „Die meisten kommen wegen Alkohol“, sagt Gerd Heinig. Aber auch Menschen mit Spiel- oder Drogensucht erscheinen zu den Treffen. In Thüringen liegt der Anteil der Risikokonsumenten bei den Männern, die wöchentlich Alkohol trinken, mit 22,7 Prozent an der bundesweiten Spitze. Gerd Heinig wundert das nicht. „Alkohol ist gesellschaftlich breit akzeptiert und der Übergang zur Sucht ist bei vielen schleichend“, sagt er. So wie bei ihm. Die Misere beginnt harmlos. Mit dem Bier zum Feierabend. Als es nach der Wende im Job schwierig wird, hilft der Alkohol, die Zukunftssorgen zu vergessen. Für einen beruflichen Neuanfang zieht er in den Westen. „Solange Kohle und Erfolg stimmen, wirst du von den Gesellschaft nicht angezählt“, sagt er. Aber dann der Knall. Weil er mit mehr als zwei Promille am Steuer erwischt wird, verliert er innerhalb weniger Tage Führerschein, Job und Betriebswohnung. Gerd Heinig versucht, sich das Leben zu nehmen. Er überlebt mit viel Glück. Es dauert ein paar Tage, bis es bei ihm endlich den entscheidenden Schalter umlegt. Er sucht sich Hilfe. Rehabilitation, Entgiftung und Therapie. Er kapiert: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. „Ich bin stolz darauf, mich selbst wieder rausgezogen zu haben. Aber ohne Hilfe wäre es nicht gegangen“, sagt er.

Rückkehr in Alltag erleichtern

Die Unterstützung findet er nach dem Austritt aus der behüteten „Glocke“ der Kliniken bei der Selbsthilfegruppe. Heute sei die Gruppe wie eine zweite Familie.

Ein Irrglaube sei es nebenbei, dass immer nur das Gespräch über die Sucht im Mittelpunkt sei. „Meist geht es um die Probleme des Alltags“, sagt er. Als ehemaliger Süchtiger weiß er, dass hinter jeder Sucht eine Überforderung mit dem Leben steht.

Rückschläge sind normal

Er engagiere sich in der Gruppe, weil er etwas zurückgeben will. „Mir wurde damals geholfen. Jetzt will ich, dass andere Menschen diese Unterstützung bekommen“, sagt er. Ihm sei bewusst, dass es in einer kleinen Stadt Vorbehalte gebe, sich so einer Gruppe anzuschließen. Immerhin kenne hier jeder jeden. „Dabei hätten es viele nötig. Oftmals die, die denken, sie hätten kein Problem. Denen kann ich nur sagen: Kommt zu uns! Wir sind die Guten“, sagt er und lächelt.