Lieblingskollege Katze

Zeulenroda-Triebes.  Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um?

Mein neues Büro teile ich mir mit einer Katze.

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Foto: Norman Börner

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Es beginnt Freitag vor zehn Tagen. Dieses Kratzen im Hals, welches sich zu einem schlafstehlenden Reizhusten ausweitet. Eigentlich nicht weiter wild. Ein harmloser Infekt, der bald wieder verschwindet, denke ich mir. Ein paar Tage Tee und rezeptfreie Medizin aus der Apotheke, die angeblich schnell wirken und nach Kirsche schmecken soll. Beides gelogen. In diesen Tagen liegt natürlich auch ein anderer Verdacht nahe: Corona. Dauert der Husten jetzt nicht doch schon etwas lange? Bin ich schneller aus Atem als sonst? Und habe ich vielleicht doch Fieber? Das Gedankenkarussell beginnt zu kreisen.

Am Montag kommt die Anweisung vom Chef. In der Redaktion hält eine Person die Stellung. Die anderen wechseln sofort ins Home-Office. Kommt mir gelegen. So kann ich wenigstens niemanden anstecken – falls ich mir den neuartigen Virus eingefangen habe. Ob ich ihn habe, weiß ich nicht. Denn meine Symptome reichen nicht aus für einen Test. Denn um getestet zu werden, muss ich mich die letzten 14 Tage in einem Risikogebiet aufgehalten haben. Das ist bei mir nicht der Fall.

Also bleibt mir nur die selbst gewählte Quarantäne und die Arbeit von Zuhause. Seit zehn Tagen geht das so und wird auch vorerst bis Ende der Woche andauern. Viel Zeit also, sich Gedanken zu machen – über die Schwierigkeiten, diesen Virus einzudämmen, die Arbeit von Zuhause und das Selbstverständnis der eigenen Arbeit.

Für flächendeckende Tests fehlen die Ressourcen

Letztlich ist es völlig nachvollziehbar, dass nicht jeder mit Symptomen getestet werden kann. Aber es zeigt auch, dass wir auf diese Art von Virus nicht vorbereitet sind. Am Montag nachdem ich die Symptome bemerke, rufe ich bei meiner Hausärztin an. „Waren Sie in einem Risikogebiet? Nein? Dann kommen Sie morgen früh vorbei“, sagt die Empfangsdame am Telefon. Sollte das nicht eigentlich vermieden werden?

Am nächsten Tag schaut mir die Ärztin in den Hals und horcht meine Lunge ab. Hals stark gerötet. Ich solle zuhause bleiben und abwarten. Das war bevor der Virus in den kommenden Tagen, wie eine Welle auf uns alle hereinbrach. Ich male mir aus, wie viele Menschen ich bis hier hin schon angesteckt haben könnte. Im Wartezimmer, beim Ummelden auf dem Bürgeramt oder beim Baumarktbesuch. Der Virus wäre einfacher zu kontrollieren, wenn wir die Ressourcen hätten, flächendeckend zu testen. So könnte, die infizierten Menschen, gezielt isoliert werden. So gleicht es dem Kampf gegen einen verdammt gut getarnten Feind. Rückblickend sind die harten Maßnahmen, die jetzt in Kraft treten, vielleicht sogar zu spät gekommen.

Journalismus ohne Menschen zu treffen, fühlt sich falsch an

Die Arbeit von Zuhause gestaltet sich vorerst leichter als gedacht. Weil der Virus so viele Akteure der Gesellschaft trifft, liegen die Artikelthemen quasi nach dem Aufstehen im Kopf und auf dem Schreibtisch. Landwirte, Verkäuferinnen, Blutspendedienste, Pflegedienste und Kirche – sie alle stellt der Virus vor Herausforderungen. Aber die Recherche fühlt sich distanziert an. Als Journalist muss ich nämlich eigentlich nah dran an den Menschen sein. Es reicht nicht, die Verkäuferinnen anzurufen. Ich muss vor Ort sein. Die Situation und die Menschen erleben. Aber gerade ist nun mal vieles anders als sonst.

Ein Hoch auf die Katze und die Digitalisierung

Anderseits hat die Arbeit im Home-Office natürlich auch ihre Vorteile. Der Tag hat gefühlt gleich mehrere Stunden mehr, seitdem der Weg zur Arbeit und das Anziehen der Hose wegfällt. Das Verschmelzen von Arbeit und Privatleben empfinde ich zumindest in der ersten Woche sogar als angenehm. Der Kaffee mit den WG-Mitbewohner zur Mittagspause, das Strategie-Meeting mit der Katze, wenn mir die richtigen Wort fehlen. „Miau? – Das ist natürlich ein überzeugendes Argument!“. Die Arbeit über unser System verläuft aus der Ferne reibungslos. Ohnehin erweist sich die Digitalisierung in diesen Tagen als Glücksfall – auch jene im sozialen Bereich. Allen Unkenrufen zum Trotz werden Facebook und Co nun tatsächlich ihrem PR-Slogan Menschen zu verbinden gerecht. Es macht das Kontaktverbot ein wenig erträglicher.

Was genau die Einschränkungen des öffentlichen Lebens mit uns machen werden, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen. Gerne wollen wir dazu Ihre Geschichten hören. Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um? Gibt es sogar positive Beobachtungen, die Sie feststellen? Welche Ängste und Gedanken treiben Sie um? Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften unter greiz@otz.de.

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