Neuärgerniß: Wo Größe und Glück relativ sind

Norman Börner
| Lesedauer: 4 Minuten
Vor gut einem Jahr zogen Leonie (links) und Wilhelmine in das alte Forsthaus in Neuärgniß, um dort einen Freiraum zum Leben und Arbeiten zu schaffen.

Vor gut einem Jahr zogen Leonie (links) und Wilhelmine in das alte Forsthaus in Neuärgniß, um dort einen Freiraum zum Leben und Arbeiten zu schaffen.

Foto: Norman Börner

Neuärgerniß.  Wie läuft es bei den Neu-Neuärgnißerinnen nach einem Jahr?

Größe ist ja wie vieles im Leben relativ. So wirkt der kleine Wohnwagen aus Holz im weitläufigen Innenhof des Forsthauses in Neuärgerniß noch ein wenig winziger als er ohnehin schon ist. Kaum zehn Quadratmeter Platz bietet der Innenraum des Wagens aus Eichen-, Kiefern- und Lärchenholz,

der auf einem Bauwagengestell steht. Wer aber weiß, dass hier das Kinderzimmer für den Garten einer Familie in Niederböhmerdorf entsteht, der kann sich vorstellen, dass das Spielparadies im Grünen für die Kinder wohl das Allergrößte ist. „Zum Wohnen wäre es wahrscheinlich wirklich etwas zu klein, oder?“, ruft Leonie zu Wilhelmine, die auf dem Dach des baumhohen Gefährts gerade an der Regenrinne arbeitet.

Angekommen auf dem Land

Sie bewegt den Kopf abwägend hin und her. Denkbar ist schließlich vieles. Denn die beiden Mädels bauen sogenannte Tiny Houses – aus dem Englischen übersetzt sind das „winzige Häuser” – auf Fahrgestelle von alten Bauwagen. Mobiles Wohnen auf kleinsten Raum. Sie erinnern sich? Leonie und Wilhelmine sind die jungen Frauen, die vor gut einem Jahr aus Leipzig in den alten Hof in der Provinz einzogen. „Die Menschen im Ort haben uns super aufgenommen“, sagt Leonie. Und auch das Geschäft scheint ganz gut zu laufen. Etwas weiter hinten im Hof steht noch ein riesiges Holzgefährt mit zehn Metern Länge. „Der bekommt sogar zwei ausziehbare Erker“, sagt Wilhelmine stolz. Eine Schaustellerin will hiermit auf Tour gehen.

Kleiner Wohnraum liegt im Trend

Die gelernten Tischlerinnen verstehen ihr Handwerk. Das hat sich nicht nur in der Gegend rumgesprochen.

„Wir bekommen ganz unterschiedliche Anfragen“, sagt Leonie. Oft seien es junge Familien oder alleinstehende Frauen, die sich für ein Tiny House interessieren. Eine Studie, in Kooperation mit dem Tiny House Verband, kommt zu dem Schluss, dass von den deutschen Singlehaushalten, die bis 2022 ein Bauvorhaben planen, sich 80 Prozent für alternative Wohnformen interessieren. Davon können sich 13 Prozent vorstellen, in einem Tiny House zu leben. Und der Markt wächst. Minimalismus, Bezahlbarkeit und Nachhaltigkeit stehen dabei ganz oben auf der Motivationsliste der befragten Interessenten.

Nachhaltigkeit an oberster Stelle

Die Forsthausbewohnerinnen schreiben die Nachhaltigkeit bei der Produktion groß. „Das Ziel ist es, soweit wie möglich, auf Plastik zu verzichten“, sagt Wilhelmine. Bis auf das metallene Gestell ist nahezu alles aus Holz. Ein Ständerwerk stellt das Skelett des Hauses. Über eine traditionelle Schlitzzapfenverbindung werden die Elemente durch Kleben verbunden. Zur Dämmung werden Hanf und Schafwolle verwendet.

Eine Dämmung ist nebenbei durch das deutsche Baurecht vorgegeben. Denn wer sein Tiny House als Hauptwohnsitz beziehen will, der muss auch dieselben Bedingungen wie ein Neubau erfüllen. Das bedeutet natürlich auch, dass so ein kleines Haus eben nicht beliebig überall aufgestellt werden darf. „Das ist grundsätzlich schon gut, aber das für uns dieselben Anforderungen wie für einen Neubau gelten, ist etwas zu viel des Guten“, sagt Leonie. Zudem muss in Deutschland immer eine Meldeadresse existieren.

Die dauerhafte Mobilität scheint aber ohnehin nicht der erste Wunsch vieler Tiny-House-Interessenten zu sein. Aus diesem Grund werden die Fahrgestelle meist auf eine Breite von drei Metern erweitert. Dann fällt zwar die Straßenzulassung weg, aber der Wohnkomfort steigt. Die Häuser werden dann mit der Spedition zum Grundstück, Wagenplatz oder Garten gebracht. Die Standardgröße eines rollenden Hauses beträgt bei Leonie und Wilhelmine 33 Quadratmeter. „Bis 50 Quadratmeter ist aber alles drin“, sagt Leonie. Genug Platz für ein kleines – oder relativ großes – Wohnglück.

Homepage der Tiny-House-Bauerinnen: https://www.leoniewuerl.de/