Solidarität und Corona: Gütterlitzer bietet Quarantäne-Hilfe an

Auma-Weidatal.  Ist die Corona-Krise nun ein Beispiel dafür, dass die Gesellschaft solidarisch ist oder der Gegenbeweis?

Mario Forchhammer verteilt am Mittwoch Handzettel an den Infokästen in Auma-Weidatal und den Ortschaften.

Mario Forchhammer verteilt am Mittwoch Handzettel an den Infokästen in Auma-Weidatal und den Ortschaften.

Foto: Norman Börner

Mario Forchhammer hat einen langen Tag hinter sich. Trotzdem setzt er sich nach Feierabend noch einmal ins Auto und hängt selbst gedruckte Handzettel auf. In Infokästen in den Ortsteilen der Landgemeinde Auma-Weidatal. Es ist ein Angebot für all jene, die, aufgrund von Quarantäne oder weil sie zur Risikogruppe gehören, nicht wissen, wie sie Lebensmittel beschaffen, Apotheken erreichen

oder tägliche Wege erledigen sollen.

Solidarität steht auf den Zetteln in weißen Buchstaben auf rotem Grund. Ein großes Wort. Nun wirkt Forchhammer nicht wie jemand, der um so eine Aktion großes Aufsehen seiner selbst Willen machen würde, aber letztlich sei es doch wichtig, möglichst viele Menschen zu erreichen. „Warum ich das tue? Ich muss mich einfach nur selbst in die Lage versetzen. Also ich habe keine Lebensmittel für zehn Tage im Haus. Ich wäre im Quarantänefall auch auf solidarische Hilfe angewiesen“, sagt er.

Da ist es wieder. Dieses Wort. Solidarität. Was ist das überhaupt? Und ist die Corona-Krise nun ein Beispiel dafür, dass die Gesellschaft solidarisch ist oder der genaue Gegenbeweis?

Mehr als 600 Personen in Quarantäne

Nach aktuellem Stand (11. November) befinden sich laut Landratsamt Greiz insgesamt 620 Personen im Landkreis in Quarantäne. Das können selbst an Covid-19 erkrankte Personen sein oder welche, die Kontakt mit positiv getesteten Menschen hatten. Die Vorgabe für die Quarantänezeit ist gleich: Es sind immer 14 Tage, egal ob erkrankt oder nicht. Problematisch wird dies vor allem für alleinstehende Personen, bei denen Familie oder Freunde nicht helfen können.

Wie organisieren sie in dieser Zeit Einkäufe oder andere Wege? Im Landratsamt selbst würden sich aktuell nur vereinzelt Bürger und Unternehmen melden, die ehrenamtliche oder sachliche Hilfe für Menschen in Isolation anbieten oder daran Bedarf anzeigen.

Auch Mario Forchhammer rechne nicht damit, dass sein Telefon jetzt ununterbrochen klingelt. Schon im

Frühjahr sei er bestimmt nicht von früh bis spät unterwegs gewesen. Es seien vor allem ältere Leute gewesen, die seine Hilfe in Anspruch genommen hätten. Eine positiv getestete Person in Quarantäne sei darunter gewesen. „Der Aufwand hielt sich in Grenzen. Aber die Dankbarkeit, die von den Menschen zurückkam, war enorm“, sagt er. Sie kontaktierten ihn über Telefon oder Messenger. Auf kurzem Weg wurde geklärt, was benötigt wird.

Er stand dann kurzfristig mit den Waren vor der Tür. „Keine große Sache. Ich habe als Kind beigebracht bekommen, dass man anderen Menschen helfen sollte.“ Ist es so einfach?

Eingeschränkte Solidarität

Aus soziologischer Sicht ist mit Solidarität eine bestimmte Vorstellung davon gemeint, was wir uns gegenseitig an Unterstützung schuldig sind. Wichtig: Für solidarisches Handeln sollte der erwartete Nutzen keine Rolle spielen. Solidarisches Handeln, das eigene Vorteile hinten anstellt, basiert aber auf Vertrauen – dem Vertrauen auf Wechselseitigkeit. Oft wird diese Solidarität aber nicht einer ganzen Gesellschaft oder allen Menschen gleichzeitig gewährt.

Wir neigen dazu, Solidarität nur auf die eigene Gruppe, wie auch immer sie verstanden wird, anzuwenden. Das kann die eigene Familie, das Volk eines Staates oder die heimische Stadt sein. Auch in der Corona-Krise ist so eine Regionalisierung der Solidarität zu beobachten. Vor allem in Hotspot-Regionen, wo es größere Ausbrüche gab, wie im Kreis Gütersloh, wo zahlreiche Mitarbeiter der Fleischfabrik Tönnies leben, gibt oder gab es oft temporär viele solidarische Angebote.

Schlafschafe gegen Covidioten

Auf das gesamte Land – oder noch viel mehr auf andere Länder oder Asylsuchende bezogen – bröckelt diese Solidarität oft. Eine Beobachtung, die auch Mario Forchhammer macht. „Echte Solidarität ist schwer zu finden. Oft ist sie auch geheuchelt“, sagt er. Dies sei zum Beispiel der Fall, wenn sich Menschen gegenüberstehen, die die Corona-Krise leugnen und eine Verschwörung herbeifantasieren sowie Maskenträger als Schlafschafe bezeichnen.

Aber diese geheuchelte Solidarität gebe es eben auch auf der anderen Seite, wenn Menschen, die Kritik an den Corona-Maßnahmen äußern, sofort als Covidioten beschimpft werden. „Beide Gruppen glauben ja Gutes für die Gesellschaft zu wollen, aber im Grund geht es meist nur um die Stärkung der eigenen Position und Meinung“, so Forchhammer.

Er gehe nicht davon aus, dass die Corona-Krise den Wert Solidarität allgemein stärken werde. Dennoch seien kleine solidarische Aktionen nicht umsonst. „Ich werde nicht für ganz Deutschland einkaufen gehen“, sagt er. Im Grunde lasse sich die Gesellschaft nur durch kleine Taten verändern. Wer Solidarität erfährt, werde vielleicht selbst solidarischer handeln. Wünschenswert wäre es.

Wer in Quarantäne ist oder zur Risikogruppe gehört, kann sich telefonisch oder per WhatsApp unter (0163) 2208822 bei Mario Forchhammer melden.