Als Ballack im Zeulenrodaer Waldstadion jubelte

Gera.  Fußball-Torwart Jörg Reichenbach erinnert sich an seine Zeit beim FV Zeulenroda in den 1990er Jahren.

Der 52-jährige Jörg Reichenbach – einst Torhüter beim FV Zeulenroda – erinnert sich an das Gastspiel von Michael Ballack im Waldstadion.

Der 52-jährige Jörg Reichenbach – einst Torhüter beim FV Zeulenroda – erinnert sich an das Gastspiel von Michael Ballack im Waldstadion.

Foto: Jens Lohse

„Wir waren sicherlich nicht die besten Fußballer. Aber in der Mannschaft herrschte ein überragender Zusammenhalt. Das habe ich sonst nirgendwo erlebt. Selbst als ab 1996 kein Geld mehr gezahlt wurde, haben wir noch zwei Spielzeiten auf diesem Niveau durchgehalten“, sagt der heute 52-jährige Jörg Reichenbach über seine Zeit als Torwart beim FV Zeulenroda in der 1990er Jahren.

Damals erlebte der Fußball in Zeulenroda einen Aufschwung zuvor nicht für möglich gehaltenen Ausmaßes. Zwischen 1991 und 1998 spielte das Team in der Oberliga, die bis 1994 noch die dritthöchste Spielklasse war. Besonders erinnert sich der Schlussmann an eine Partie. „An meinem 27. Geburtstag trafen wir im heimischen Waldstadion auf die Amateure des Chemnitzer FC. Lange führten wir mit 1:0, ehe sich zwei Minuten vor Schluss ein Gäste-Kicker im Strafraum fallen ließ und dann den folgenden Elfmeter zum 1:1-Endstand verwandelte. Das war Michael Ballack, der zwei Jahre später zum 1. FC Kaiserslautern ging und damit eine große Karriere einläutete“, erinnert sich Jörg Reichenbach noch genau.

Der Schlussmann durchlief die komplette Nachwuchsabteilung der SG Dynamo Gera. „Anfangs spielte ich im Feld. Irgendwann fehlte der Torwart und da habe ich mir die Handschuhe übergestreift und sie nicht mehr ausgezogen. Bis in die Geraer Bezirksauswahl habe ich es geschafft, hätte nach bestandener KJS-Überprüfung auch zum BFC Dynamo gehen können. Doch fanden die Ärzte dort heraus, dass ich nur 1,78 m groß werden würde. Denen war das zu klein für einen Fußball-Torwart. In der Sache sollten die Mediziner recht behalten“, weiß Reichenbach noch genau. Dadurch war seine leistungssportliche Laufbahn aber praktisch schon beendet. Mit 17 Jahren bestritt der Keeper für Dynamo Gera sein erstes Bezirksliga-Spiel. Als man im Frühjahr 1990 in Zeulenroda zu Gast war, wurde sein Wechsel angekurbelt.

Nach dem Wechsel sofort Thüringenmeister

Im nächsten Sommer wechselte der Schlussmann zu den Rot-Weißen, die mit Glaswerk Jena und dem FC Blau-Weiss Gera in die neu gebildete Thüringenliga aufgestiegen waren. „Wir haben gleich eine überragende Saison gespielt, sind ungeschlagen Thüringenmeister geworden“, weiß er noch. Den Titel sicherte man sich bereits am vorletzten Spieltag durch einen 5:0-Kantersieg daheim gegen Blau Weiss Gera, dem 2300 Zuschauer beiwohnten. Lediglich in den Pokal-Wettbewerben gab es zwei Niederlagen“, so Reichenbach.

Im FDGB-Pokal unterlagen die Zeulenrodaer dem FC Sachen Leipzig mit Trainer Jimmy Hartwig und René Müller im Tor durch zwei späte Gegentore (70., 87.) mit 0:2. Im folgenden Mai ging das erste TFV-Pokalfinale in Gera-Zwötzen gegen den SV 1910 Kahla im Elfmeterschießen mit 3:4 verloren. „Damals mussten wir auf die gesperrten Boucherifi und Effenberger verzichten. Das konnten wir nicht gut kompensieren“, blickt der Schlussmann zurück, der in der nächsten Saison der Oberliga Nordost schnell zum Stammtorwart avancierte.

In der damals dritthöchsten DFB-Spielklasse tummelten sich Vereine und Spieler mit großen Namen. Beim 1. FC Markkleeberg stand der spätere Bremer Keeper Frank Rost zwischen den Pfosten. Nach einem 4:3-Erfolg am drittletzten Spieltag im Nachholspiel gegen den FSV Wismut Gera vor 1200 Zuschauern sicherten sich die Zeulenrodaer mit einem 3:0-Heimsieg gegen den FC Meißen in letzter Sekunde den Klassenerhalt.

Spiel unter Flutlicht im Erzgebirgsstadion bleibt unvergessen

Für Jörg Reichenbach war es nicht immer leicht, nach acht Stunden körperlicher Arbeit zum Training nach Zeulenroda zu fahren. Mit seinem Torhüter-Pendant Tino Focke hatte er ein gutes Verhältnis. „Ich habe in all den Jahren auch Streit zwischen Schlussmännern erlebt. Mit Tino Focke war das anders. Ich habe ihn dafür bewundert, wie er sich durchgekämpft hat, wie er die Geduld hatte, über Jahre auf seine Chance zu warten“, so Jörg Reichenbach, dessen persönlich beste Saison wohl die 1992/93 war. In Erinnerung geblieben ist das Gastspiel im Auer Erzgebirgsstadion an einem Mittwochabend unter Flutlicht, das 0:2 verloren ging, oder die Begegnungen gegen Rot-Weiß Erfurt mit Marco Weißhaupt und Daniel Bärwolf.

Den achten Spieltag der Saison 1995/96 hat Jörg Reichenbach auch nicht vergessen. Zeulenroda gastierte beim SV 1899 Merseburg, wo in den Vorjahren nie etwas zu holen. Trainer Steffen Baumann hatte sich zu einer Wette hinreißen lassen. Verliert die Mannschaft, läuft sie nach Hause, gewinnt sie, läuft der Trainer nach Zeulenroda zurück. Man gewann 2:0. Steffen Baumann löste seine Schulden ein, absolvierte die 92 Kilometer zurück zu Fuß an zwei Tagen.

Während der FV Zeulenroda 1999 in Insolvenz ging, setzte Jörg Reichenbach seine Laufbahn beim TSV 1880 Zwötzen, 1. FC Gera 03 und den Sportfreunden Gera fort. „Ich möchte die damalige Zeit nicht missen, Ich würde es immer wieder so machen. Die Menschen in Zeulenroda, die Fans haben mich geprägt“, so der ehemalige Keeper.