Der Koloss von Aschersleben: HBV Jena unterliegt dem HC Aschersleben

Jena.  Handball, Mitteldeutsche Oberliga: Der HBV Jena 90 unterliegt dem HC Aschersleben mit 24:26 (12:9)

Torhüter Sven Mevissen war auch für Vincent Neudeck schwer zu überwinden.

Torhüter Sven Mevissen war auch für Vincent Neudeck schwer zu überwinden.

Foto: Foto: Peter PoseR/OTZ

Die Frau schrie. Doch nicht aus Frust oder gar Zorn. Ihr Aufschrei klang eher nach purem Entsetzen. Entsetzen, das mit dem Spielgeschehen in der großen Halle im Sportkomplex Lobeda-West am Sonnabend einherging, ja mit einer einzigen Aktion.

Denn als Jenas Daniel Kyvala in der 51. Minute während der Vorwärtsbewegung ein Abspielfehler unterlief, der Ball umgehend in den Händen eines gegnerischen Spielers landete, schrie die besagte Frau, die zum Umfeld des HBV Jena 90 gehört, geradezu reflexartig auf. Sie fieberte zweifelsohne da auf der Tribüne mit. Nur ein paar flüchtige Augenblicke später musste sie dann mit ansehen, wie Andrej Filippov für die Gäste aus Aschersleben zum 20:19 traf. Nach dem Tor blickte die Frau auf den Boden, schüttelte mit dem Kopf und ahnte wohl, dass alles, was sich die „Gang von der Saale“ bis zu eben jener 51. Minute erarbeitet hatte, nun dazu verdammt war, unterzugehen. Es war zweifelsohne ein Schlüsselmoment der Begegnung, denn von da an standen die Handballer aus der Universitätsstadt ungemein unter Zugzwang.

In den noch ausstehenden neun Minuten bäumten sich die Mannen von Svajunas Kairis gegen dich sich anbahnende Niederlage auf. Und es war Vincent Neudeck, der in der 55. Minute noch einmal die HBV-Fans hoffen ließ, als er den Rückstand auf das Minimum (20:21) reduzieren konnte. Doch die Handballer vom Nordostrand des Harzes konnten in den folgenden zwei Minuten ihre Führung auf vier Tore (24:20/57.) wieder ausbauen.

War es das gewesen? Ein Doppelschlag von Daniel Kyvala binnen 25 Sekunden, der den Rückstand der Hausherren auf zwei Tore (22:24/58.) reduzierte, schürte erneut die Hoffnung auf den Rängen. Doch das Team von Gäste-Coach Dimitri Filippov antwortete umgehend. Ja, es war in der Tat spannend. Und besagte Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als sich Jenas Richard Vagner kurz vor dem Anbruch der allerletzten Spielminute zum Siebenmeter-Punkt begab – und traf: 23:25. „Los HBV Jena! Da geht noch was!“, verkündete Hallensprecher Lars Wolf indes in seiner Kabine.

Doch auch dem eloquenten Conférencier, der die seltene Gabe besitzt, dem Sport auch ein paar komische Aspekte abzugewinnen, verschlug es exakt 43 Sekunden vor dem Abpfiff die Sprache, als denn Alexander Weber zum 26:23 für Aschersleben traf. Das war`s, Lars. Das Tor von Jan Minas war am Ende nur noch etwas für Statistik-Fanatiker.

Das Gefühl, das sich nach dem Abpfiff in der Halle ausbreitete, konnte man getrost als Niedergeschlagenheit charakterisieren. Es war Lichtjahre von jenem euphorischen Zustand entfernt, den die Fans ein paar Minuten nach dem Wiederanpfiff für sich beanspruchen durften. Denn da lag der HBV Jena mit fünf Toren (14:9/32.) in Führung. Ein Hauch von Dialektik.

Nach einem holprigen Start samt einem Rückstand von vier Toren (2:6/10.) gelang es den Mannen von Svajunas Kairis, den Rückstand sukzessiv zu reduzieren. Richard Vagner, Jan Minas und insbesondere Daniel Kyvala, der in jener Phase drei Tore erzielte, hatten einen Anteil daran, dass die Anzeigetafel in der 18. Minute einen Spielstand von 7:7 verkündete.

Es war Kapitän Kevin Elsässer-Pech, der in seiner unendlich agilen Art in der 24. Minute am eigenen Kreis den Ball eroberte und seinen Sololauf mit einem Tor krönte, das dem HBV Jena erstmals die Führung (10:9) bescherte. Kurz vor dem Pausenpfiff handhabte er es noch einmal so. Zweikampf, Sololauf – und Tor (12:9). Ja, es sah recht vielversprechend aus. Auch nach der Pause.

Doch nachdem die Hausherren ihren Zenit in Sachen Vorsprung in der 32. Minute erreicht hatten, begannen sie damit, sich das Leben selbst zu erschweren: Sie nutzen ihre zahlreichen Chancen nicht. Je länger sich die Partie zog, umso mehr Fehlwürfe erlaubten sie sich. Der mollige Vorsprung schwand dahin.

Aschersleben wiederum war nicht zwingend besser, doch sie nutzten ihre Torwürfe und präsentierten mit Sven Mevissen auch noch eine Urgewalt von Torhüter, der alle anderen Anwesenden auf dem Feld zu Zwergen degradierte. Mit unplatzierten Würfen konnte man gegen ihn nichts ausrichten. Am Koloss von Aschersleben und an der eigenen Ungenauigkeit scheiterten die Protagonisten von der „Gang von der Saale“ am Ende.

Erschwerend kam noch hinzu, dass sich gen Ende der ersten Halbzeit Rückraumakteur Nils Nasgowitz verletzt hatte und nicht mehr in das Geschehen eingreifen konnte. Außerdem musste der HBV an diesem Spieltag auf die Fähigkeiten von Max Schelenz verzichten.

„Das war kein schlechtes Spiel von uns, doch was nützt uns das, wenn wir am Ende ohne Punkte dastehen. Von mir aus sollen sie schlecht spielen, dafür aber gewinnen – und nicht andersherum“, monierte Manager Sergio Casanova, der auch noch einmal auf die mangelnde Torausbeute seines Team zu sprechen kam. „Ich vermisse manchmal die Konzentration, gerade in den entscheidenden Momenten jenen Momenten“, so Casanova, der damit auch auf den Fehlpass von Daniel Kyvala verwies. Er habe zweifelsohne gute Momente gehabt, habe Akzente gesetzt und auch neun Tore erzielt, lobte Casanova den Rückraumakteur aus Tschechien – zum einen. Zum anderen haderte der Manager jedoch mit der Konstanz des 22-Jährigen. Er erlaube sich immer noch zu viele Patzer. Ja, in gewisser Weise fiel die gesamte Tragik der Partie in der Person von Daniel Kyvala zusammen. Auf der einen Seite viele Tore erzielt, auf der anderen zu unbeständig und zu viele Patzer.

„Verdammt. Wir hätten das Spiel einfach gewinnen müssen“, resümierte indes Trainer Svajunas Kairis.

Ach ja, das Defizit in Sachen Abschluss brachte einen HBV-Fan, der in der Nähe der besagten Frau saß, an den Rand des Wahnsinns. Hinter seiner Maske machte er aus seinem Unmut keine Mördergrube, saß unruhig auf seinem Platz und drehte sich permanent um, um Bestätigung für seine harsche Kritik bei der Anhängerschaft der Jenaer zu bekommen. Die Leiden eines HBV-Fans eben.