Erfurter Doping-Skandal: „Die Zentrale ist in Deutschland“

Erfurt  Nur als Spitze des Eisbergs sieht der ehemalige deutsche Rennrodler Andi Langenhan die Dopingrazzien bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld (Österreich) und in Erfurt.

Der Langläufer Karel Tammjarv aus Estland.

Der Langläufer Karel Tammjarv aus Estland.

Foto: imago

Nur als Spitze des Eisbergs sieht der ehemalige deutsche Rennrodler Andi Langenhan die Dopingrazzien bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld (Österreich) und in Erfurt. Der 34 Jahre alte Thüringer hofft, dass im Zuge der Ermittlungen um die offensichtlich in einer Erfurter Arztpraxis zusammenlaufenden Fäden endlich „das große Ganze“ aufgeklärt wird. „Ich hätte nicht gedacht, dass das auf so hohem Niveau über solch einen langen Zeitraum möglich ist“, sagte Langenhan dieser Zeitung.

Derweil liegen die im Zuge der Razzia konfiszierten 40 Blutbeutel bei den Ermittlern der Münchner Staatsanwaltschaft auf dem Tisch. Doch die Zahl der in den Fall verstrickten Athleten dürfte nach Angaben der Ermittler noch viel größer sein. Vom mindestens 100 ist die Rede. Und man geht längst davon aus, dass nicht nur ausländische Sportler zu den Kunden der Erfurter Praxis zählten.

Noch sind den Blutbeuteln keine Namen zugeordnet, allerdings arbeiten die Ermittler mit Hochdruck daran. Gut möglich, dass der festgenommene Dr. Mark Schmidt die Namen im Zuge der Vernehmungen nennt. „Man wolle umfassend aussagen und kooperativ sein“, erklärte der Erfurter Anwalt Andreas Kreysa, der Schmidt vertritt, im MDR-Fernsehen. Sein Mandant setze darauf, dass der Haftbefehl alsbald aufgehoben oder außer Vollzug gesetzt wird, so Kreysa, der gestern für eine weitere Stellungnahme nicht erreichbar war. Ein Geständnis könnte Schmidt, der mit einem Komplizen in München-Stadelheim in Untersuchungshaft sitzt und dem bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe drohen, Strafmilderung bringen.

Auch die beiden am Rande der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld festgenommenen Komplizen, darun­ter der Vater des Hauptbeschuldigten, bleiben zunächst in Innsbruck in Haft. Über ihre Auslieferung nach Deutschland entscheidet das dortige Landgericht. Die Staatsanwaltschaft München I will „in Kürze“ ein entsprechendes Auslieferungsersuchen stellen.

Die fünf in Seefeld verhafteten Ski-Langläufer sind dagegen seit gestern früh wieder auf freiem Fuß, nachdem sie umfangreiche Geständnisse abgelegt haben. „Die Sportler haben das Eigenblutdoping gestanden und umfangreiche Angaben gemacht“, teilte die Staatsanwaltschaft Innsbruck mit. Den beiden Österreichern drohen dennoch bis zu drei Jahren Haft, hieß es.

Der estnische Langläufer Karel Tammjärv hat während der Vernehmungen seine Verbindungen nach Deutschland betont, berichten estnische Medien. Laut Aussage des Sportlers fanden die Blutentnahmen und -injektionen in Frankfurt und Berlin statt. Der estnische Trainer Mati Alaver räumte ein, den Kontakt zum Dopingarzt vermittelt zu haben und nannte dies „den größten Fehler“ seines Lebens, den er aufrichtig bereue.

Demnach soll Tammjärv zum ersten Mal im Sommer 2016 Eigenblut abgenommen und im Winter bei der Weltmeisterschaft in Lahti wieder injiziert worden sein. In der Saison darauf seien dann mehrere Blutbeutel zum Eigenblutdoping vorbereitet worden. Eine Praxis, nach der bis zur jetzigen Razzia verfahren worden sei.

Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, wiederholte derweil in Seefeld seine Auffassung, wonach keine deutschen Sportler in den Skandal verwickelt sind. Österreichs nicht unumstrittener Ski-Präsident Peter Schröcksnadel, der einerseits die Einzeltäter-Theorie vertritt, andererseits den kompletten Langlauf aus seinem Verband drängen will, zeigte jedoch mit dem Finger zurück: „Die Zentrale ist schon in Deutschland.“

Systematisches Doping in Deutschland hält Ex-Rennrodler Langenhan wiederum für nahezu unmöglich, weil die Kontrollen der nationalen Anti-Doping-Agentur Nada viel zu eng getaktet seien. Der zweimalige Vize-Weltmeister ist zu seiner aktiven Zeit während einer Saison bis zu zehnmal kontrolliert worden. Er sprach sich für ähnlich strenge Kontrollen auch in anderen Ländern aus, wo die Ermittlungen bislang allzu oft ins Leere laufen würden.

Dass der Österreicher Max Hauke in Seefeld von den Fahndern mit einer Kanüle im Arm erwischt worden sei, zeige, „wie wenig Unrechtsbewusstsein“ die mutmaßlichen Täter an den Tag legten. „Und das nicht erst seit gestern“, so Langenhan, der seit seinem Karriereende als Anti-Doping-Beauftragter im Bob- und Schlittensportverband für Deutschland fungiert.

Ein Polizeivideo von der Verhaftung Haukes, das den Sportler während der betrügerischen Bluttransfusion zeigt und das über soziale Medien an die Öffentlichkeit geraten war, sorgt inzwischen für zusätzliche Ermittlungen. Der Beamte, der das Video in einen Internetdienst eingespielt hat, ist mit sofortiger Wirkung vom Einsatz abgezogen worden. Auch ihn erwartet ein strafrechtliches Verfahren.