Als der FC Carl Zeiss Jena das letzte Mal auf dem Thron stand

Jena.  Wie der FC Carl Zeiss Jena vor 50 Jahren seinen dritten Meistertitel in der DDR-Fußball-Oberliga gewann.

Harald Irmscher mit einem Foto der FCC-Meistermannschaft von 1970.

Harald Irmscher mit einem Foto der FCC-Meistermannschaft von 1970.

Foto: Tino Zippel

Mit gemischten Gefühlen sieht Harald Irmscher auf das Meisterbild des FC Carl Zeiss Jena aus dem Jahr 1970. Die Erinnerungen werden wach an eine großartige Mannschaft, die ein letztes Mal in der Club-Geschichte den Titel in der DDR-Fußball-Oberliga gewann. „Wir waren eine Mischung aus Kämpfern und hervorragenden Technikern“, sagt der 74-Jährige.

Roland und Peter Ducke, Rainer Schlutter, Gerd Brunner, Michael Strempel, Dieter Scheitler, Wolfgang Blochwitz und, und, und – Irmscher hat seine Teamkollegen von damals nicht vergessen, steht mit vielen noch in Kontakt. „Das Traurige ist, dass von den 24 Personen auf dem Foto nur noch zwölf am Leben sind“, packt den Ex-Nationalspieler auch Wehmut. „Das waren nicht nur tolle Fußballer, sondern auch tolle Menschen, Kameraden und du denkst dir: Verdammt, wo ist die Zeit nur hin.“

Damals, vor 50 Jahren, standen alle auf dem Bild noch in vollem Saft und vielleicht sogar auf dem Höhepunkt ihres fußballerischen Schaffens. Am 30. Mai 1970 kam es im letzten Saisonspiel dieser 21. Auflage der höchsten Spielklasse der DDR zum Duell Zweiter gegen Erster: Vorwärts Berlin, bis dato erfolgreichster Club der DDR, gegen den Tabellenführer aus Jena. Der war zu dem Zeitpunkt aber längst Meister und fegte die Armeesportler mit 5:0 aus dem eigenen Stadion.

„Jena hat den erbarmungslosesten, totalsten Fußball gespielt“

Der bekannte und bereits verstorbene Thüringer Sportreporter Wolfgang Hempel sagte über die Mannschaft von 1970 einmal: Jena hat „den erbarmungslosesten, totalsten Fußball gespielt, der je in der Oberliga gespielt wurde“. Und Uwe Dern, heute Mannschaftsleiter der Zeiss-Kicker, erinnert sich: „Die Berliner Zeitungen überschlugen sich förmlich mit Lob für unsere Jenaer.“

Seinen persönlichen „Meistermoment“ erlebte der damals zehnjährige Uwe aber am 24. Mai 1970 – beim finalen Heimspiel der Mannschaft von Trainer Georg Buschner gegen Dynamo Dresden. Bereits eine Woche zuvor hatten die Thüringer mit einem 1:1 in Zwickau ihren dritten und letzten Meistertitel perfekt gemacht. Die Feierlichkeiten standen an. Als Zeiss-Nachwuchsspieler gehörte Uwe Dern zu jenen, die in blauen Hosen und weißen Trikots Spalier für die Stars bildeten und ihnen dann einen Blumenstrauß überreichten. „Jeder durfte sich einen Spieler aussuchen. Ich habe meinen Strauß Gerd Brunner gegeben. Und das Schöne ist, wir stehen noch in Kontakt“, erzählt die gute Seele des Vereins.

Dynamo Dresden mit 2:0 besiegt

Eindruck auf den damals zehnjährigen Bub hat auch die Meistertrophäe gemacht. „Eine große Figur, die schwer zu heben war.“ Die Jenaer besiegten Dynamo mit Hans-Jürgen Dörner und Klaus Sammer mit 2:0, nach Abpfiff stürmten die Zeiss-Fans den Platz. „So endete ein großer Fußballtag für den FC Carl Zeiss“, sagt Uwe Dern.

Maßgeblichen Anteil am Erfolg hatte sein Vater. Dr. Paul Dern war mit Dr. Manfred Dreßler für die Athletik zuständig. Und Paul Dern, einziger noch Lebender aus dem Trainerteam, mache heute noch regelmäßig seine Übungseinheiten. „Der will dem Coronavirus entgegentreten“, sagt Sohn Uwe und lacht.

„Der Paul ist 94 Jahre alt, das müssen sie sich mal vorstellen“, hat Irmscher seinen einstigen Schnelligkeitstrainer nicht vergessen. „Ich weiß noch, dass immer in der Zeitung stand, dass Jena das fitteste Team war, das es damals gab“, sagt der Alt-Internationale. Wenn mancher Trainer die Ausdauereinheiten in den Kernbergen als nicht mehr zeitgemäß abtut, bleibt Irmscher nur ein müdes Lächeln. „Bevor man Technik und Taktik lernt, steht an erster Stelle die Fitness.“

Seine Mitstreiter von 1969/1970 und er sind jedenfalls als die fitteste Jenaer Mannschaft, die es jemals gab, in die Geschichte eingegangen. Und als die bleiben sie unvergessen.