Jenaer Trainer Petrik Sander wünscht sich vier Spieler

Wie Petrik Sander die Lage beim Fußball-Drittligisten FC Carl Zeiss Jena einschätzt: Ein Gespräch über ungekannte Gefühlsausbrüche, den personellen Umbau der Mannschaft und die Hausaufgaben für die Spieler über das Weihnachtsfest.

Die Trainer begrüßen sich beim Thüringenderby: Stefan Emmerling (FC Rot-Weiß Erfurt, links) und Petrik Sander (FC Carl Zeiss Jena). Foto: Tino Zippel

Die Trainer begrüßen sich beim Thüringenderby: Stefan Emmerling (FC Rot-Weiß Erfurt, links) und Petrik Sander (FC Carl Zeiss Jena). Foto: Tino Zippel

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Herr Sander, kennen Sie den Mann, der am Samstag nach dem Führungstor im Derby jubelnd über den Platz sprang?

Das passiert halt so. Es muss raus, aber ich bekomme mich schnell wieder ein. Man kann mir nicht vorwerfen, ich bin emotionslos. Ich habe mich für die Mannschaft gefreut.

Zeigt der erleichterte Jubel, unter welchem Druck Sie stehen?

Ich lege mir keinen besonderen Druck auf. Ich weiß, dass es eine schwierige Aufgabe ist und viele Kollegen mit dem Kopf geschüttelt haben. Ich weiß, was ich kann und wie man aus einer solchen Situation rauskommt. Es gehört eine gehörige Portion Glück dazu.

Wie schätzen Sie die Situation heute ein?

Wir haben das erhoffte Lebenszeichen von uns gegeben und das Prinzip Hoffnung am Leben gehalten. Ich habe eine Mannschaft hinter mir, die weiß, dass es weiter weh tun wird, aber es sich lohnt, in die Sache zu investieren. Die Richtung stimmt.

Wieviele Punkte brauchen Sie für den Klassenerhalt?

Das ergibt sich. Woher weiß ich heute, dass 42 Punkte für den Klassenerhalt reichen? Wir betrachten jedes Spiel als Endspiel. Eines davon gegen Erfurt haben wir gewonnen. Mit dieser Leistung müssen wir uns hinter keinem in der Liga verstecken.

Braucht der FC Carl Zeiss überhaupt neue Spieler?

Die Zusammenstellung der Mannschaft stimmt nicht. Wenn Spieler mit hoher Qualität nur die selbe Position spielen, ist das brachliegende Qualität, die mir nichts nutzt.

Was folgern Sie daraus?

Wir müssen sehen, wie wir die Mannschaft ergänzen, wollen nicht in die Wundertüte greifen. Vielleicht gelingt es, durch das Verschieben der einen oder anderen Personalie noch ein bisschen Budget freizubekommen.

Wenn Sie drei Spieler holen dürften, welche Positionen würden Sie besetzen?

Dass wir ein Problem mit der Rechtsverteidigerposition haben, ist bekannt. Gern würde ich einen Innenverteidiger und einen Spieler fürs defensive Mittelfeld holen. Und einen Stürmer. Das wären dann aber vier.

Sie testen derzeit Marko Kopilas und Danko Boskovic. Beide haben seit einem halben Jahr kein Punktspiel gemacht.

Zumindest konditionell kann ich keine Defizite ausmachen.

Warum sind beide bislang nicht untergekommen?

Es ist für Spieler nicht mehr so leicht: Christian Pospischil, der Zweitligaerfahrung hat, geht in die Regionalliga zu Fortuna Köln. Manchmal passt Angebot und Nachfrage nicht.

Welche Spieler wollen Sie abgeben?

Die Gespräche laufen im Hintergrund über die Berater. Wir wollen uns vom einen oder anderen trennen. Manche Spieler sind zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.

Stichwort Björn Lindemann.

Es gab ein klares Gespräch unter Männern. Es tut mir schon Leid um ihn, weil ich weiß, welches Potenzial er hat.

Spielt Alexander Maul in der Rückrunde noch in Jena?

Er hat noch anderthalb Jahre Vertrag.

Beim VfR Aalen haben Sie in der Winterpause einen großen Schnitt vollzogen, sich von zehn Spielern getrennt. Sehen Sie Parallelen zu Jena?

Das ist nicht zu vergleichen. Damals war in Aalen ein Stück weit Schlaraffenland. Man war unzufrieden mit der Situation, wollte oben mitspielen. Den faulen Apfel in der großen Kiste hat man zwar gefunden, war aber nicht bereit, ihn zu entfernen. Stattdessen hat man viele gute Äpfel oben draufgepackt, aber sich gewundert, dass es trotzdem weiter fault.

Gibt es in Jena einen faulen Apfel?

Wir haben keinen Stinkstiefel. Es gab noch keine Einheit, in der die Jungs nicht mitgezogen haben. Dass es Qualitätsschwankungen gibt, ist normal.

Warum trainieren Sie noch, obwohl die Punktspiele für 2011 abgeschlossen sind?

Wir arbeiten jetzt sehr hart im Grundlagenbereich. Einige Jungs sagen bereits, sie bräuchten keine Vorbereitung mehr nach den drei Tagen. Da sind sie nichts gewohnt.

Sind alle anwesend?

Mich stört, dass Spieler, von denen ich glaubte, dass sie das brauchen, aufgrund von Krankheiten oder Verletzungen fehlen, wie Jan Simak, Alexander Voigt oder Martin Ullmann. Ihnen würde es sehr, sehr gut tun. Denen kann ich nur ans Herz legen, die Trainingseinheiten, die ich ihnen mitgebe, zu machen. Ansonsten fallen sie am 2. Januar in ein Loch, aus dem sie sich nur schwerlich wieder rausarbeiten. Wir können dann nicht bei Null anfangen.

Welche Hausaufgaben geben Sie für die Weihnachtstage?

Der Plan wird so streng sein, wie es für eine Mannschaft im Profifußball notwendig ist.

Dürfen die Spieler Gans mit Klößen essen?

Das ist der Intelligenz jedes Spielers überlassen. Sie sollten nur aufpassen, dass die Waage im neuen Jahr nicht zu weit ausschlägt.

Was passiert, wenn sie zu weit ausschlägt?

Da kaufen wir bestimmt keine neue und probieren es mit der nochmal aus. Da haben die Jungs schon mit der einen oder anderen Konsequenz zu rechnen, die teuer wird.

Gehen Sie auch auf die Waage als gutes Vorbild?

In unserem Trainerteam werden wir das mit Sicherheit genauso praktizieren. Da geht es um andere Summen und andere Gewichte – aber das wird keiner erfahren. (lacht)

Ist nur ein Testspiel in der Vorbereitung nicht zu wenig?

Wir müssen erstmal unbeschadet durch vier Hallenturniere in einer Woche kommen. Möglicherweise vereinbaren wir kurzfristig weitere Tests.

Welche Tugenden braucht ein Trainer im Abstiegskampf?

Ruhe und Gelassenheit, keine Hektik. Er muss von seiner Linie überzeugt sein, sie durchziehen. Wankelmütigkeit oder ein Schlingerkurs führen nicht zum Ziel.

Sie haben schon mehrfach im Abstiegskampf gestanden.

In den ersten zweieinhalb Jahren habe ich so viel erlebt, wie mancher Trainer im ganzen Leben nicht. Wir haben in Cottbus den Klassenerhalt wegen eines Tores geschafft, sind im nächsten Jahr aufgestiegen und dann in der Bundesliga geblieben. Die Erfahrungen kann einem keiner nehmen. Gern würde ich mal ein Team trainieren, das internationale Ambitionen hat. Aber auch das ist eine Sache von Angebot und Nachfrage.

Bereuen Sie, den Job in Jena übernommen zu haben?

Wenn ich etwas mache, versuche ich es mit bestem Wissen und Gewissen richtig zu machen. Da nutzt es nichts, über solche Fragen nachzudenken. Ich will das nun durchziehen und bin überzeugt davon, dass wir das schaffen können. Ich will das Vertrauen der Jungs in ihr Können stärken. Für mich ist die Aufgabe eine Verpflichtung der Region gegenüber.

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