„Guck‘ mal, wie schön grün der Baum ist ...“

Jena/Schmiedefeld  Interview der Woche Ob Restaurantchef Andreas Jahn, Steuerberater Lutz Scherf oder Unternehmer Michael Schröter – diese und andere Jenaer kamen beim Rennsteiglauf ins Ziel. Aber warum läuft der Mensch eigentlich? Wir sprachen mit dem Lauftrainer Jörg Valentin.

Jörg Valentin (2.v.r.) und seine Schützlinge beim Rennsteiglauf. Der Lauf-Experte sprach mit unserem Reporter Michael Ulbrich (links) direkt im Ziel über die Faszination Laufen.

Jörg Valentin (2.v.r.) und seine Schützlinge beim Rennsteiglauf. Der Lauf-Experte sprach mit unserem Reporter Michael Ulbrich (links) direkt im Ziel über die Faszination Laufen.

Foto: zgt

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Wenn sich Tausende Menschen auf den Weg machen, um im Thüringer Wald das Örtchen Schmiedefeld zu suchen, dann ist Rennsteiglauf. Vor zehn Tagen stieg die 47. Auflage – und es waren wieder hunderte Jenaer dabei. Darunter: Jörg Valentin, Lauftrainer. Der Experte war als Nordic-Walker unterwegs – und traf im Ziel auf unseren Reporter Michael Ulbrich ...

Warum läuft der Mensch?

Weil er daraus erwachsen ist. Zu jeder Zeit sind die Menschen gelaufen. Das ist ein Gut, was uns mitgegeben wird, was wir aber in unserer modernen Gesellschaft verloren haben.

Aber es laufen doch allein beim traditionsreichen Rennsteiglauf Tausende ...

Das ist alles eine Sache des Blickwinkels. Wenn ich mit meinen Athleten im Paradies bin, dann sehe ich auch jede Menge Jogger. Nur einige meiner Klienten sind beispielsweise Ärzte. Und die berichten mir das Gegenteil. Das ist alles eine Frage der Sensibilisierung. Ich sehe die, die aktiv sind – sie Ärzte die, die Herzkreislaufprobleme haben und wenig tun. Unter dem Strich sind die Leute weniger aktiv, mehr passiv. Dadurch entstehen die Gesellschaftskrankheiten.

Aber warum laufen die Menschen nicht, wenn es Ihnen doch gut tut? Fehlt die Motivation? Ist es die Abgespanntheit vom Job, die einen auf die Couch treibt?

Wir sind alle so eingebunden in Beruf und Familie, dass kaum Motivation da ist, sich in Bewegung zu setzen. Da muss man ansetzen mit Herzkreislauftraining, Kräftigung und Beweglichkeit.

Wie motivieren Sie dazu?

Sportliche Aktivität gehört zu einem Menschenleben dazu. Der Körper muss bewegt werden – tut man es, entsteht ein komplett neues Lebensgefühl. Man kann die neue Qualität spüren und ist weniger anfällig für Krankheiten aller Art. Das allein sollte motivieren.

Gibt‘s schwierige Fälle?

Definitiv. Es gibt die Menschen, die sind hochgradig darauf sensibilisiert, unter hohem Leistungsanspruch und hohem Leistungsdruck zu arbeiten. Die muss man erst einmal regulieren. Denn die streben auch bei der sportlichen Aktivität sofort das Maximale an und geraten in einen negativen Zyklus. Mit denen muss man zuerst in die Natur und sagen: ‚Guck‘ mal, wie schön grün der Baum ist. Oder hast du den Vogel wahrgenommen, wie wunderbar der gesungen hat.‘ Es gibt diejenigen, die haben den Blick dafür komplett verloren.

Also ich laufe liebend gern am Ende des Feldes – da kommt man prima mit den Läufern ins Gespräch. Und ob ich nun in 1:59 Stunden 1412. werde oder eine Stunde länger brauche und 4556. macht doch sportlich keinen Unterschied ...

Es ist doch beides positiv. Denn jeder hat seinen persönlichen Ansporn. Es gibt die, die relaxen, soziale Kontakte knüpfen, kommunzieren wollen. Aber es gibt eben auch die, die den sportlichen Anspruch an sich selbst gerecht werden wollen. Das liegt doch im Wesen des Menschen.

Welche Ziele setzen Sie sich mit ihren Schützlingen?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Die einen wollen reflektieren, sich verändern, stellen die Gesundheit in den Mittelpunkt. Andere, wie Florian Lecht oder Robert Beier, bringen den Leistungsgedanken mit. Da muss man mit anderen Maßstäben arbeiten.

Nehmen wir an, ich sei Grobmotoriker und möchte einen Halbmarathon laufen. Wie helfen Sie mir?

(Lacht.) Es gibt sie tatsächlich, diejenigen, die kommen und bei denen man schnell merkt, dass sie läuferisch unbegabt sind. Da geht es erst einmal darum, Laufstil zu verändern, die Muskeln zu kräftigen. Zum gesunden Laufen braucht es einen gesunden Körper.

Wie läuft man richtig?

Da streiten sich alle. Ich bin auf dem Standpunkt, dass man es über den Mittelfuß machen sollte. Das entspricht am meistem dem Naturell. Das benötigt einen sehr kräftigen Fuß, eine stabile Gesäßmuskulatur, Hüfte und Bauch. So knickt man nicht um, hat einen gesunden Rücken. Es gibt aber auch andere Stimmen, die den Fersenlauf als besser betrachten. Aber das ist für mich nicht locker genug.

Reden wir muskuläre Defizite. Über feste Waden und Oberschenkel.

Regelmäßig trainieren hilft dagegen. Vor allem das Fußgelenk muss kräftig sein, damit man sich auch strecken kann. Die Streckung eines Körpers geht immer aus dem Fuß heraus.

Braucht das Laufen Talent?

Es ist in jeder Sportart so, dass es Athleten mit Talent gibt und welche, die sich alles erarbeiten müssen. Auch im Laufen. Wenn es im Bereich der Top-Leistungen geht, braucht es auch das Talent. Nur Laufen kann jeder. Die Frage ist nur wie.

Die Frage ist nur, ob man hinterher die Treppen rückwärts runter läuft.

Das ist eine Frage der Anpassung, eine Frage des Trainingszyklus‘, des körperlichen Aufbaus. Dazu gehört für mich auch die Beweglichkeit. Viele sind ja stocksteif. Da spielt dann auch die Regeneration eine Rolle. Im Volkslaufbereich wird das zu oft missachtet.

Also meine Erholung im Ziel nach einem Halbmarathon ist grundsätzlich ein Weißbier.

(Lacht.) Aber damit erholen sich ihre Muskulatur und ihr Stützapparat nicht. Die Frage ist doch: Wie kann ich aktiv regenerieren, damit die Muskeln wieder schön geschmeidig sind, damit man wieder locker laufen kann. Denn erst ab diesem Punkt macht es Spaß. Laufen soll Freude bereiten, Glückshormone ausschütten. Sinn und Zweck ist es nicht, hinterher die benannten Treppen rückwärts runter zu laufen.

Wie geht es Ihnen denn nach dem Nordic-Walking?

Ich musste ganz schön arbeiten und habe entsprechend zu tun mit dem Muskelkater. Aber wenn du vorne mitgehen willst, musst du die Beine in die Hand nehmen.

Wie motivieren Sie unsere Leser, die jetzt gerade auf der Couch das Interview lesen, gleich rauszugehen und ,loszulaufen?

Setzen Sie sich ein klares Ziel, genießen Sie das Leben gesund und warten nicht darauf, dass erst etwas schlimmes passiert. Raus aus der Mühle!

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