HSG-Trainerin Bettina Huppert-Hingst im Interview der Woche

Krölpa  „Der Abstand zwischen Männern und Frauen wird immer bleiben“, sagt Handball-Trainerin Bettina Huppert-Hingst, hat aber zugleich das passende „Aber“ parat. Nicht nur der Herrensport verdient Aufmerksamkeit.

Bettina Huppert-Hingst ist nicht nur Torfrau und Trainerin der Damenmannschaft, sondern auch HSG-Leiterin.

Foto: Alexander Hebenstreit

Während die Herren der HSG Oppurg/Krölpa mit dem letzten Spiel noch die rote Laterne abgaben, bewegen sich die Frauen der Handballspielgemeinschaft tabellarisch in ganz anderen Sphären und können sich am Sonnabend sogar zum Meister krönen. Aufsteigen will man aber (noch) nicht.

Im Interview mit OTZ-Sportreporter Alexander Hebenstreit erklärt Bettina Huppert-Hingst, warum es sinnvoller ist, erst nächstes Jahr aufzusteigen. Zudem spricht die Trainerin des Frauenteams, die auch HSG-Leiterin ist, über die unterschiedliche Wahrnehmung von Männer- und Frauensport sowie die Titelaussichten Ihres Teams.

Frau Huppert-Hingst, als ich letztens zu einem Spiel der HSG-Herren kam, durfte ich mir einiges von ihren Spielerinnen anhören, dass immer nur die Männer groß in der Zeitung stehen, die Frauen aber nie . Zu Recht?

Schon. Ich denke, dass der Handball bei uns nicht nur aus der ersten Männermannschaft besteht. Die Frauenmannschaft spielt seit Jahren konstant im oberen Tabellenbereich der Verbandsliga und das ist es auf alle Fälle wert, erwähnt zu werden. Ich glaube, dass es in einem Verein nicht nur das eine Aushängeschildgeben darf. Das ist eine Gefahr, weil sich die anderen Mannschaften ein Stück zurückgesetzt fühlen.

Ist es denn ein generelles Problem, dass der Frauensport weniger wahrgenommen wird, als der Männersport?

In Bezug auf den Handball würde ich das schon so sagen – leider. Es gibt aber natürlich auch Anzeichen dafür, dass der Männerhandball insgesamt attraktiver ist. Er ist athletischer, schneller, körperbetonter. Jetzt kommt das große Aber: Ich glaube die Frauen haben in den letzten Jahren extrem aufgeholt. Das fängt in der Nationalmannschaft an und zieht sich eigentlich durch alle Ligen durch. Der Abstand zwischen Männern und Frauen wird immer bleiben, aber die Frauen holen auf. Ganz plastisch gesprochen: Wenn man sich heute ein Frauenspiel anschaut und ein WM-Finale der Männer aus den 1970-er Jahren zum Vergleich nimmt, sind die Frauen heute wesentlich weiter.

Die Zuschauerzahlen sprechen in der Regel dafür, dass das öffentliche Interesse bei den Männern höher ist. Ist deren Sport einfach attraktiver?

Ich glaube schon, dass der Männerhandball insgesamt attraktiver ist, aber es hängt auch mit den Traditionen zusammen. Oppurg hatte schon immer eine Männermannschaft, Krölpa hatte schon immer eine Männermannschaft. Seit zehn, elf Jahren gibt es in Oppurg eine Frauenmannschaft, seit drei Jahren in der HSG. Da ist es normal, dass in erster Linie der Männerhandball wahrgenommen wird. Aber es ist auch eine Frage des medialen Auftritts, zu zeigen: Hier gibt es auch ein Frauenteam, das erfolgreich spielt. Das ist aber nicht nur hier ein Problem, sondern thüringenweit.

Ein lösbares Problem?

Der Thüringer Handballverband hat zwei Projekte auf den Weg gebracht, die sich speziell dem Mädchen- und Frauenhandball widmen. Es soll den Vereinen vor Ort geholfen werden, um mehr Mädchen an den Handball heranzuführen. In Thüringen haben wir gut 30 Frauenmannschaften. Das ist viel zu wenig für ein Bundesland, das ja immerhin den deutschen Meister stellt.

Wie ist denn in der HSG das Verhältnis zwischen Frauen und Männern?

Das würde ich als sehr gut beschreiben. Wir unternehmen viel zusammen, trainieren mitunter gemeinsam, die Saisonvorbereitung läuft zusammen. Das war von Beginn an in Oppurg schon Tradition. Die ersten Trainer der Frauen kamen aus der Männermannschaft und daraus hat sich das entwickelt. Es ist kein Männer gegen Frauen, sondern Männer mit Frauen.

Während die erste Männermannschaft die komplette Saison im Tabellenkeller verbrachte, gehört Ihr Team in der Verbandsliga zur Spitzengruppe. Wie zufrieden sind sie mit dem Saisonverlauf?

Wir stehen nicht umsonst da oben und haben noch immer die Chance auf den Meistertitel, den wir auch holen wollen. Wir haben gemerkt, dass wir gegen starke Mannschaften unsere besten Spiele machen, uns gegen vermeintlich schwächere Mannschaften immer schwer tun. Das ärgert mich zwar ein Bisschen, weil wir mehr können, aber mit dem Verlauf der Saison bin ich sehr zufrieden. Wir spielen seit Jahren in der Spitze mit, egal in welcher Staffel der Verbandsliga wir spielen. Einmal haben wir es auf Platz eins geschafft, nun könnte es das zweite Mal folgen.

Die Entscheidung fällt am Sonnabend zum Saisonfinale beim HBV Jena II. Nachdem ihr Team die Hausaufgaben gegen den Sonneberger HV erfüllte, heißt es dann Erster gegen Zweiter, der Sieger wird Meister. Schöner geht es nicht, oder?

Genauso ist es. Wir wissen wie stark Jena ist, aber wir wissen auch wie stark wir sind – wenn wir einen guten Tag erwischen. Gegen Sonneberg hat das leider nicht wie erhofft geklappt. Wir haben zwar deutlich gewonnen, aber unser Potenzial erst in der zweiten Halbzeit abgerufen. Wir brauchten erst ein Stück, um warm zu werden und das ist auch so eine Sache, an der wir in den nächsten Jahren arbeiten müssen.

Wie stehen die Chancen der HSG in Jena?

Wenn wir uns das Hinspiel noch einmal vor Augen führen, lag Jena lange in Führung, teilweise sogar mit sieben Toren. Diesen Rückstand haben wir noch aufgeholt und das Spiel zu unseren Gunsten gedreht. Dass uns das gelungen ist, zeigt unser großes Leistungsvermögen. Natürlich hoffe ich, dass wir dieses Mal nicht wieder so deutlich in Rückstand geraten, sondern von Anfang an mithalten. Es wird ein spannendes Spiel und ich denke, dass der Ausgang wirklich völlig offen ist.

Im Idealfall winkt der Titel. Damit einhergehend auch der Aufstieg?

Nein. Wir haben uns am Wochenende innerhalb der Mannschaft über das Thema unterhalten und hatten lange genug Bedenkzeit. Es waren alle Spielerinnen beteiligt und alle haben ihre Argumente angebracht. Es gibt ganz viele Dinge, die dafür sprechen, den Gang genau jetzt nach oben zu wagen. Der Zeitpunkt ist günstig, vielleicht kommt er so nie wieder. Aber es gibt eben ebenso viele Sachen, die dagegen sprechen.

Welche denn?

Die wichtigsten Punkte dagegen sind die Leistungskonstanz und – das würde ich noch viel höher bewerten – dass wir die Jugend noch auf das Leistungsniveau der anderen Spielerinnen bringen müssen. Das können wir nur, indem wir ihnen entsprechende Spielanteile geben, und das wird in einer höheren Liga so nicht möglich sein.

Und nach dem einen Jahr sind dann alle auf dem Level?

Es werden vielleicht nicht alle in einem Jahr auf das Niveau unserer Spitzenspielerinnen schaffen, aber wir haben ein Stück weit Karenzzeit, in der die Chance besteht. Wir wollen in der Verbandsliga angreifen und da wurde schon jetzt das klare Ziel ausgegeben, in der nächsten Saison Meister zu werden. Wir wollen im nächsten Jahr Platz eins und den Aufstieg, über den dann auch nicht mehr diskutiert wird.

Warum dann nicht gleich?

Wir brauchen die Jugend. Um eine Saison in der Landesliga durchzustehen, braucht man einen breiten Kader, der möglichst kein großes Leistungsgefälle hat. Das haben wir aber leider noch. Wir haben drei Spitzenspielerinnen, mit denen wir sofort in die Thüringenliga gehen könnten. Es folgt eine Fraktion, die das Niveau noch nicht ganz hat, aber konstant gute Leistungen bringt und dann gibt es eben noch die ganze Jugendbrigade, die noch lange nicht an dem Niveau ist.

Wie soll es dann nächste Saison laufen? Gegen die Topteams spielt das Spitzenpersonal und gegen den schwächeren Gegner der Nachwuchs?

Der Nachwuchs wird ganz viele Spielanteile kriegen, auch gegen die Spitzenmannschaften. Nur so können sie sich an das Niveau herantasten. Für meine Begriffe sind die Topteams der Verbandsliga alle in der Lage, gegen die unteren Teams der Landesliga mitzuhalten.

Dann könnte man doch auch jetzt aufsteigen und die Saison im unteren Mittelfeld beenden.

Ein Spiel kann eben auch leicht kippen. Wenn wir jetzt in die Landesliga gehen würden, wäre es so, dass nur die Spitzenspielerinnen spielen würden und die Jugend zum Zuschauen auf der Bank sitzt. Zweieinhalb Stunden quer durchs Land zu fahren, um 60 Minuten zuzuschauen; ich weiß nicht, wie oft die Jugend das mitmachen würde. Nur mit sieben Spielerinnen kann man eine Saison nicht bestreiten. Es braucht die Breite im Kader.

Sind da die Männer das warnende Beispiel? Einen Großteil der Hinrunde fehlten mit Tim Bergmann und Patrick Escher zwei absolute Säulen und nicht ein Spiel wurde gewonnen.

Das ist bei uns ganz ähnlich. Wenn zwei unserer besten Spielerinnen fehlen, ist es ganz anders. Für uns Trainerinnen ist das mitunter unerklärlich. Das Potenzial ist da und wir sehen es auch im Training, aber im Spiel wird es regelmäßig nicht auf die Platte gebracht. Oft ist es Kopfsache. Es fehlt eine Spielerin, das System ist verschoben, viele Sachen werden sich nicht mehr getraut. Genau deswegen haben wir uns für ein weiteres Jahr Verbandsliga entschieden: Wir brauchen mehr Breite, damit es eben keine Rolle spielt, wer gerade fehlt.

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