Der Herr der Gürtel: Harpersdorfer Großmeister feiert Jubiläum

Harpersdorf  Volkmar Schaller aus Harpersdorf begann am 1. November 1968 mit dem Judo. Bis heute ist der Großmeister Prüfungsreferent in Thüringen

Judo-Großmeister Volkmar Schaller

Judo-Großmeister Volkmar Schaller

Foto: Axel Ukena

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In seinem kleinen Reich in der Sporthalle Harpersdorf stapeln sich Pokale und Bücher und jede Menge Schriftverkehr. Es hat sich einiges angestaut, als Volkmar Schaller wegen Krankheit das Bett hüten musste. Jetzt kann er aber wieder voll loslegen.

„Ich muss zehn Zimmer in Wiesbaden buchen. Deswegen bin ich jetzt eine Minute zu spät gekommen. Dort finden die Deutschen Meisterschaften statt, und ich habe ein ehrgeiziges Ziel: Wir wollen dort mit zwanzig Mann vertreten sein.“

So telefoniert er in diesen Tagen fleißig und spricht mit Interessenten, auch mit dem Geraer Judoka Frank Schneider.

Eigentlich ist Volkmar Schaller der Herr der Gürtel. Seit 2000 hat er die Funktion als Prüfungsreferent im Thüringer Judoverband inne, doch die erste Graduierungen hat er 1974 mit 19 Jahren vollzogen.

„Damals war ich der jüngste Prüfungsberechtigte in der DDR.“ Bis Ende 2017 hat er nun stattliche 5433 Gürtelprüfungen, darunter ab 2000 245 Dan-Prüfungen, abgenommen.

Zum Judo fand Volkmar Schaller eigentlich zufällig – damals noch in Hermsdorf. Fußball konnte der Steppke wegen Knieproblemen nicht mehr spielen, „und Handball in so einer aufgeblasenen Halle auf Asphalt hat mir nicht gefallen, da war auch ein komischer Trainer“.

Da stellte Volkmar im Rathaus lieber Kegel auf. „Dafür gab‘s glaube ich acht, neun Mark in der Woche. Und immer wenn ich ganz hinten stand, hörte ich ein ‚Rum, rum‘. Da lagen im Nachbarraum Matten von der Armee, wo die Anfängerkurse trainierten. Da hab ich gefragt, ob ich mitmachen kann.“

Judo steckte damals noch etwas in den Kinderschuhen. Aber Heinrich Grommas, er wurde am 15. Januar achtzig, war damals 1968 schon ein Begriff und sein erster Übungsleiter.

Seitdem hat Volkmar Schaller das Kampfsportfieber gepackt, mit allen Facetten, ununterbrochen bis heute, fünfzig Jahre lang. Und Volkmar wurde ins kalte Wasser geworfen, als die BSG-Sektion plötzlich ohne Trainer da stand. „Heinrich Grommas hatte nach einem Streit alles hingeschmissen, und Abteilungsleiter Förste übernahm in den Keramischen Werken eine andere Funktion. So stand ich mit 16 Jahren vor der Aufgabe, das Training zu übernehmen. Ingo Däumer hatte dann die Sektion übernommen. „Das musste ja jemand aus den Keramischen Werken machen.“

Vom Rathaus zogen die Judoka erst einmal in die Hermsdorfer Friedensschule, ehe dann in der neuen Werner-Seelenbinder-Halle ein Raum bezogen wurde, wo heute noch Jui-Jitsu und Karate als Kampfsport gepflegt werden. Judo hingegen hat sich in Hermsdorf nach der Wende verabschiedet. Volkmar war inzwischen im Ingenieurhochbau tätig, war auch mal Betriebsrat und ist inzwischen Berufsschullehrer für Maurer und Tischler in Hermsdorf.

Sportlich wurden neue Wurzeln geschlagen. In Harpersdorf, nur wenige Kilometer weg von Hermsdorf, gründete er 1991 einen Verein, der dem Judo neuen Aufschwung verlieh. „Ich hatte immer die Kinder bei uns im Dorf auf der Straße gesehen. Die rammelten dort alle rum, wenn ich heimkam, und wussten oft nichts mit sich anzufangen. Mein Junge war da auch dabei. Da hab ich gesagt, wir gründen jetzt einen Sportverein. Und so kam‘s. Und wir hatten in Baunatal gleich erste Erfolge.“

Erst mit der Schule, später 1994 dank der neu erbauten Turnhalle wuchs bis heute ein leistungsstarker Verein heran, scharte Volkmar Schaller weitere Übungsleiter um sich, die heute den Nachwuchs betreuen. „Ich habe drei Übungsleiter, ich lass sie machen, sie haben alle ihre Ausbildung.“ Und der SV Harpersdorf ist der einzige Verein der Region, der Judo auch im Erwachsensport anbietet. Seither finden hier auch regelmäßig die Landesmeisterschaften der Männer und Frauen statt, selbst Mitteldeutsche Meister ließen sich in Harpersdorf küren.

Vielleicht ist das ja auch ein Grund, weshalb sich in der jüngeren Vergangenheit immer mehr einstige Mitstreiter aus der Region hier wieder eingefunden haben? Denn längst hat auch Volkmar Schaller das Wettkampffieber wieder gepackt. Ein gewisser Winfried Rex, „ein bäriger Kerl“ aus Gera hat Schuld, oder besser gesagt, eine Aktie daran. „Ich sollte ihn 2015 zur Weltmeisterschaft der Veteranen – das ist die der über 30-Jährigen bis über 80 Jahre – nach Amsterdam begleiten. Seit 2012 hatten daran schon Sportler von uns teilgenommen. Und da dachte ich, wenn du schon mit hierher fährst, dann machst du auch gleich mit. In „Rot“ und „Weiß“ – den Anzügen – wurde investiert, dann ging es los. „Ich hab mitgekämpft und gleich den dritten Platz gemacht.“ Und die Erfolge rissen nicht ab. Die nächsten nationalen Titelkämpfe bestritten schon neun „Harpersdorfer“. Hier wurde Volkmar Schaller 2016 Meister und bei der anschließenden Europameisterschaft in Porec (Kroatien) Zweiter. „Aber ich hatte gegen den Europameister gewonnen, der hat 145 Kilogramm gewogen“, musste er wegen einer Knieentzündung dann aufgeben. Und da war er wieder, der Winfried Rex, der in Miami zur Weltmeisterschaft den Deutschen die einzige Goldmedaille bescherte. Und auch Volkmars Bilanz von 2017 mit Bronze bei der Deutschen Meisterschaft und Platz vier bei der EM fügen sich nahtlos an. Eine Verletzung verhinderte aber den WM-Start auf Sardinien. Dort waren immerhin 1200 Männer und Frauen dabei. „Ich hab nur als Coach mitgemacht.“ Nicht nur Volkmar Schaller hat die alte Leidenschaft fest im Griff, viele weitere hat er motiviert. Und die kommen aus Harpersdorf, Hermsdorf, Bad Klosterlausnitz, Reichenbach, Gera . . . Manchmal sei es wie im Kindergarten, meint er augenzwinkernd, wenn es da ums Organisatorische gehe, „da musst du auf alles mit aufpassen“.

Auch ein gewisser Heini ist jetzt dabei. Heinrich Grommas, sein erster Trainer, hat vor zwei Jahren bei ihm wieder angefangen. „Er war nach 55 Jahren wieder bei einer Meisterschaft dabei, wurde als Ältester Fünfter und hat jetzt bei mir den braunen Gürtel abgelegt. Heinrich fährt jetzt wieder mit zu den Deutschen Meisterschaften.“

So treffen sich Volkmar und seine Mitstreiter regelmäßig zweimal in der Woche zum Training. Da wird gekickt, werden Würfe geprobt, um am 28. April mit der schlagkräftigsten Mannschaft bei den Deutschen Meisterschaften in Wiesbaden dabei zu sein. Und ehe es nach dem Training nach Hause geht, gibt es für jeden einen Schluck Sekt.

Meisterschaften rund um den Globus, der 63-Jährige Harpersdorfer ist in jüngster Zeit viel in der Welt herumgekommen, und das soll auch noch so bleiben. Dabei vergisst er keineswegs die Region, ob als Bundeskampfrichter, als Beisitzer, Landeslehrwart oder Vizepräsident des Thüringer Judoverbandes bis 2017, aber vor allem durch seine Prüftätigkeit. So ist er in Wintersdorf, Auma, Greiz, Gera und Stadtroda regelmäßiger Gast. Demnächst sind die angehenden Meister eingeladen, wenn am 5. Mai in Thüringen die Träger des schwarzen Gürtel ihre Graduierung ablegen. Volkmar selbst trägt einen rot-weißen Gürtel, einen Meistergrad ab 6. Dan, der ihm 2004 verliehen wurde. „Alles nimmt viel Zeit in Anspruch, viele Geburtstagsfeiern haben ohne mich stattgefunden“, weiß Volkmar um ausgefüllte Tage und Wochen. Er freut sich darauf, vor allem in seinem 50. Judojahr, wo in Glasgow am 14. Juni und in Mexiko im Herbst die Europa- und Weltmeisterschaften locken.

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