Pippilotta Aschenputtel

Gera  Kea Hammerl verliert einen Schuh – und läuft weiter. Es ist nicht das einzige Malheur in ihrer Familie beim Geraer Triathlon

Der Schuh ist fort! Na, und? Kea Hammerl läuft eben so ins Ziel beim Geraer Triathlon und macht Mama Vanessa und Papa Hubert mächtig stolz (rechtes Bild). Bruder Jan (linkes Bild) komplettierte die tolle Familienausbeute an der Weißen Elster.Fotos: Hammerl, Privat

Der Schuh ist fort! Na, und? Kea Hammerl läuft eben so ins Ziel beim Geraer Triathlon und macht Mama Vanessa und Papa Hubert mächtig stolz (rechtes Bild). Bruder Jan (linkes Bild) komplettierte die tolle Familienausbeute an der Weißen Elster.Fotos: Hammerl, Privat

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Verkniffen ist der Blick auf den allerletzten Metern. Kea Hammerl, gerade acht Lenze jung, macht noch ein paar große Schritte, dann ist sie im Ziel beim Geraer Triathlon. Als Vierte unter 32 Mädchen ihrer Altersklasse. Der Rest der Familie wartet schon und nimmt ihre „Pippilotta“, wie es Mama Vanessa sagt, in den Arm. Eine Petitesse; und doch überaus bemerkenswert: Pippilotta huscht als Aschenputtel über die Linie – sie hat ihren Schuh verloren.

Passiert ist‘s direkt nach dem Radfahren, erzählt die Achtjährige. Das Dilemma beginnt nach dem Schwimmen. Nach 100 Metern im Wasser des Geraer Hofwiesenbades spurtet sie als Dritte Richtung Wechselzone, überholt die anderen beiden Mädel sogar noch – der linke Schuh drückt und sitzt so gar nicht richtig. „Zum Radfahren hat es gereicht“, sagt die Jenaerin. Außerdem erinnert sie sich an die weisen Worte ihrer Frau Mama: „Zu viel nachdenken, kostet Zeit.“ Zweieinhalb Kilometer auf dem Drahtesel hat sie prima überstanden, ehe es erneut in der Wechselzone zum Kampf zwischen Kea und ihrem verflixten Schuh kommt. „Ich habe dann nur gesehen, wie das Ding im hohen Bogen ins Gras fiel“, sagt Mama Vanessa. Ihre Pippilotta Aschenputtel macht sich eben halbseitig barfuß auf die Socken der 400-Meter-Runde.

Derlei Pannen kommen in den besten Familien vor, erklärt Vater Hubert. Der „Ironator“ war fünfmal als Profi für die Weltmeisterschaft der Langdistanz auf Hawaii qualifiziert, muss es also wissen. Dass seine Familie es aber in Gera gleich so hart erwischt, habe er auch noch nicht erlebt. Denn nicht nur Filia Kea kämpft mit den Umständen des verlorenen Schuhs, auch Sohnemann Jan (10) hat so seine liebe Müh‘ und Not: Gleich beim Schwimmen ist Wasser in die Brille geraten, weshalb die zu absolvierenden 200 Meter zum Blindflug durchs kühle Nass werden. Auf den 4,1 Radkilometern gibt er aber alles, sichert sich nach dem abschließenden Lauf über einen Kilometer – mit beiden Schuhen – einen achtbaren achten Rang direkt hinter seinem besten Kumpel Pepe Alles. „Die beiden gibt‘s nur im Doppelpack. Schon beim Duathlon in Jena, als Jan vor Pepe eingekommen war“, bemerkt Hubert.

Dass Kinder gern ihren Eltern nacheifern, ist bekannt – dass es aber auch einmal anders herum sein kann, beweisen Hubert und Vanessa Hammerl, die ebenso in Gera an den Start gegangen sind. Altmeister Hubert kennt die Olympische Distanz eigentlich aus dem Effeff – doch mit 47 Jahren kann auch durchaus mal das Gehör streiken. 1500 Meter soll er schwimmen, 1600 Meter hat er abgespult – allen „pfeifenden Kampfrichtern und schreienden Zuschauern zum Trotz“, wie es die Gattin formuliert. Wer weiß, vielleicht wäre ohne dieses Malheur sogar noch eine bessere Platzierung als der fünfte Rang herausgesprungen. „In meinem Alter bei diesem Wettkampf noch zu den besten zu gehören, ist trotzdem aller Ehren wert. Künftig werde ich aber an meinen mathematischen Fähigkeiten feilen und auch die Kampfrichter wieder besser im Auge haben“, sagt Hubert Hammerl und lacht.

Schmunzeln muss er dann über seine Frau – denn die stellt erst in Gera fest, dass sie ihre Radschuhe gar nicht dabei hat. Vergesslichkeit ist aber nur schlimm, wenn man sich nicht zu helfen weiß. „Also bin ich kurzerhand zu einem Radmechaniker, der normale Pedale von einem Ausstellungsrad ab- und auf das Rennrad aufmontierte, sodass ich mit Laufschuhen radfahren konnte“, erzählt sie. Platz 13 nach 700 Metern Schwimmen, 20 Kilometer auf dem Rad und fünf Kilometern zu Fuß ist der Lohn. „Dieses Wochenende hatte schon etwas von den Gebrüdern Grimm“, sagt Vanessa. Es seien Dramen um Schuhe und rettenden Radmechanikern – oder doch Märchenprinzen? – gewesen, die sich da im engsten Familienkreis abgespielt hätten.

Zumindest Töchterchen Kea hat den verlorenen Schuh wiederbekommen – nicht ganz wie Aschenputtel vom charmanten Aristokraten aus mit Diamanten versetztem Glas. Ein Mitstreiter hat den Laufschuh im Gras entdeckt. Und er passt: „Rucke die guck, rucke di guck, kein Blut im Schuck. Der Schuck ist nicht zu klein, Kea nimmt ihn wieder mit heim ...“ Lächelnd.

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