Jena. Bis zu ihrem Gastspiel an der Saale musste der Ligaprimus aus der Landeshauptstadt keinen einzigen Punkt abtreten, doch dann trafen sie auf die Hockeyspielerinnen des SSC Jena ...

Leonie Blattmann ging zu Boden. Sie konnte nicht weiterlaufen – die Hockeyspielerin in den Diensten des SSC Jena wurde von Schmerzen geplagt.

Wenige Augenblicke zuvor hatte sie – ohne Rücksicht auf Verluste – einen Ball nach einer Ecke abgewehrt. Das kleine Spielgerät, das von einer Akteurin des Steglitzer TK naturgemäß mit reichlich Schmackes auf die Reise gen SSC-Tor geschickt wurde, traf die 20-Jährige aus nächster Nähe seitlich am rechten Oberschenkel – dergleichen lässt sich nur schwer ignorieren …

Die Ecke wiederum war die letzte Aktion der Begegnung zwischen dem SSC Jena und den Berlinerinnen, die als ungeschlagener Regionalliga-Ligaprimus und einer Ausbeute von 45 Toren in sechs Spielen am Sonntag in der Dreifelderhalle in Jena-Göschwitz aufschlugen.

Anspannung breitete sich umgehend in der Halle aus

Als der Unparteiische zehn Sekunden vor Ultimo die Ecke gab, war die Anspannung in dem Sportareal ad hoc allgegenwärtig. Den Fans auf der Empore, SSC-Mastermind Lars Schmidt und Peter Bolze an der Außenlinie sowie den Spielerinnen auf der Jenaer Auswechselbank stockte umgehend der Atem. Ja, die eine oder andere SSC-Akteurin wandte sogar ihren Blick vom Spielfeld ab – und das aus gutem Grund: Die Gastgeberinnen lagen mit 2:1 in Führung – lediglich eine Aktion trennte sie von der Sensation.

Ecken sind jedoch im Hallenhockey eine äußerst dankbare Angelegenheit und oftmals ein Garant für einen Torerfolg. Die Saalestädterinnen hatten derartig ihre beiden Tore erzielen können: Im ersten Viertel war Alexandra Lehmkuhl erfolgreich, im dritten traf indes Leonie Blattmann zur erneuten Führung. Das Team aus Steglitz wiederum glich während des Auftaktviertels umgehend aus und hatte nunmehr die Möglichkeit, mit diesem probaten (Spiel-)Mittel namens Ecke in aller höchster Not zumindest noch eine Niederlage abzuwenden.

Mit dem Freigabepfiff wiederum rannte Leonie Blattmann gar fruchtlos der Berliner Spielerin entgegen, die im Begriff war, den Ball gen Tor zu schlagen. Die Jenaerin wiederum sprang in die Höhe, drehte sich dabei intuitiv und wurde letztlich getroffen.

Schmerzvolle Abwehraktion des Wirbelwindes

Ihre Mitstreiterinnen hatten die schmerzvolle Abwehraktion ihres Offensivwirbelwindes allesamt registriert und bangten nun um ihn. Nach ihrem Gang gen Hallenboden samt verzerrtem Antlitz standen sie im Kreis um sie herum und redeten ihr gut zu. Ja, es war eine ambivalente Situation, denn die Sorge über eine mögliche Verletzung überschattete unmittelbar nach dem Abpfiff die Freude über den sensationellen Sieg über den Ligaprimus. Jubeltiraden gab es nicht. Stattdessen war die Stimmung – zumindest im ersten Moment – etwas gedämpft. Doch nachdem die erste Schmerzwelle nachgelassen hatte, rappelte sich Leonie Blattmann wieder auf und genoss den Moment des Erfolgs mit ihren Mitstreiterinnen. Auf dem obligatorischen Gruppenbild nach der Partie lachte sie wieder, als ob nie etwas gewesen wäre.

Der Sieg über die Hauptstädterinnen sei der vorläufige Höhepunkt der bisherigen Regionalliga-Saison für ihr Team gewesen, zumal es sich dabei auch noch um einen Heimsieg gehandelt habe, betonte Kapitänin Ida Bolze. Vor der Partie sei ihr Team mit Blick auf den Spielausgang indes gespalten gewesen: eine Hälfte habe sich optimistisch gegeben, die andere eher verhalten – zur letzteren Fraktion gehörte auch die Kapitänin, ihres Zeichens eine Meisterin sondergleichen in Sachen Tiefstapelei.

„Im Hinspiel Ende November haben wir uns gut verkauft, auch wenn wir uns am Ende 3:5 geschlagen geben mussten. Dennoch hat ein Teil von uns weder mit einem Unentschieden noch mit einem Sieg gerechnet. Ich jedenfalls hatte die drei Punkte nicht eingeplant“, sagte Ida Bolze.

Blitzartige Angriffe in Form von Sololäufen

Ihre gedämpften Erwartungen waren nicht gänzlich unbegründet, denn in puncto Offensive waren die Hauptstädterinnen zweifelslohne das überlegene Team. Den SSC-Damen gelang es jedoch, deren oftmals blitzartigen Angriffe in Form von Sololäufen mit vereinten Kräften zu vereiteln. Besagte Kräfte waren insbesondere im finalen Viertel vonnöten, als die Steglitzerinnen in Sachen Sturm-und-Drang noch einmal alles abriefen und drei Minuten vor dem Ende auch noch ihre Torhüterin für eine weitere Feldspielerin auswechselten.

„Sie sind sehr kombinationssicher, erlauben sich kaum Fehler und spielen zudem äußerst schnell – sie stehen nicht ohne Grund an der Tabellenspitze. Doch wenn eine von ihnen im Alleingang Richtung SSC-Tor aufbrach, wurde sie stets von drei Spielerinnen aus unseren Reihen gestellt. Es war eine Begegnung auf Augenhöhe, doch dank unseres überragenden Zusammenspiels in der Defensive konnten wir es letztlich für uns entscheiden“, resümierte Ida Bolze. Die Kapitänin erinnerte zudem an die Leistung von Torhüterin Franziska Bacher, die als letzte SSC-Instanz immer wieder Abschlüsse der Berlinerinnen vereitelte.

Sie sei heute ungemein gefordert gewesen, sagte indes die 22-jährige Keeperin. Mit ihrem einzigen Fehler an diesem Tag haderte sie jedoch auch noch zwei Stunden nach der Partie - zumindest ein wenig. „Das Gegentor hätte nicht sein müssen“, gab sich die Schlussfrau selbstkritisch.

Leonie Blattmann humpelte vom Platz und gab sich kämpferisch

Und Leonie Blattmann? Sie humpelte nach dem Abpfiff vom Platz und gab sich kämpferisch: Es gehe schon. Am Nachmittag harrte sie indes mit Ida Bolze mopsfidel am Spielfeldrand aus und fieberte lautstark der Partie der Herren gegen Real von Chamisso mit. Sie gehörte zudem zu jener Fraktion des Teams, die äußerst zuversichtlich auf die Begegnung gegen die Berlinerinnen geblickt hatte: „Ich habe mich sehr auf die Begegnung gegen Steglitz gefreut. Das Hinspiel ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben, zumal es zur Halbzeit 2:2 stand – daher habe ich daran geglaubt, dass wir heute gewinnen können“, sagte Leonie Blattmann, die sich auch von der akustischen Unterstützung der Fans sehr angetan zeigte. Derartig intensiv und konsequent sei sie noch nie gewesen; jede ansehnliche Aktion ihres Teams – ob offensiv oder defensiv – sei von den Anhängern inbrünstig bejubelt wurden. „Das war einfach nur schön und hat uns alle ungemein motiviert“, schwärmte die angehende Sportwissenschaftlerin, die für imposante 18 der insgesamt 27 Tore des SSC Jena nach nunmehr sieben absolvierten Partien verantwortlich ist.

Hatte sie bei der finalen Abwehraktion keine Angst? „Wenn man Angst hat, verletzt man sich erst recht. Außerdem gibt es diese Faustregel: Je näher man dem Ball kommt, desto geringer ist die Gefahr, dass man im Gesicht getroffen wird.“

Und so war es „lediglich“ der Oberschenkel von Leonie Blattmann.