Gera. Dieter Schulz arbeitete zu DDR-Zeiten in Ägypten, war Trainer beim SC Motor Jena, Radsport-Cheftrainer bei der SG Wismut Gera – doch die Leichtathletik zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben – jetzt wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

Als er die Post aus dem Briefkasten holte, haderte er zunächst mit sich, fragte sich insgeheim: Bin ich zu schnell gefahren? Weit gefehlt. Es handelte sich um eine Einladung in die Staatskanzlei. Und er hätte nie gedacht, dass er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird. „Alle haben dichtgehalten. Ich hatte keine Ahnung“, war die Überraschung gelungen und die Freude um so größer.

Sportliche Anfänge als Fußballer in Schmalkalden

Zu den Gästen der Auszeichnungsveranstaltung zählte auch Stefanie Wallstein, die Präsidentin des Thüringer Leichtathletik-Verbandes, man kam ins Gespräch, und es stellte sich heraus, sie kommt wie Dieter Schulz aus Asbach, inzwischen ein Ortsteil Schmalkaldens. In der Nähe Stettins geboren landete die Familie nach dem Krieg in Südthüringen. Eine entbehrungsreiche Zeit, aber auch eine schöne. „Mein Platz war der Sportplatz“, sagt der 89-Jährige. Die Mutter habe es nicht gern gesehen, dass er seine ganze Energie in den Fußball steckte, abends mit Kohldampf heimkam – Schmalhans war damals der Küchenmeister.

Umfassende Ausbildung an der DHfK in Leipzig

Doch der Fußball ebnete ihm den Weg in die Welt des Sports. Großgewachsen, athletisch und laufstark war er gefürchtet auf dem Platz. „Meine Aufgabe war es, den Spielmacher der gegnerischen Mannschaft aus dem Spiel zu nehmen – und wenn er entnervt ausgewechselt wurde, dann hatte ich auch freie Bahn“, erzählt er als wäre es heute. Nach dem Abitur stand die Frage. Was soll aus mir werden? Der Torwart der SG Feinprüf Schmalkalden, gleichzeitig sein Sportlehrer, riet ihm: Geh nach Leipzig zur Deutschen Hochschule für Sport und Körperkultur. „Das habe ich gemacht, nun war ich also Student der Sportwissenschaften. Wir haben eine umfassende Ausbildung erhalten, in Theorie und Praxis“, sagt er. Es gab kaum eine Sportart, in der er sich nicht auskannte.

Dieter Hoffmann wird Europameister und erster Europäer, der die 20-Meter-Marke übetrifft

Als DHfK-Absolvent verschlug es ihn 1956 nach Gera, er arbeitete als Sportlehrer, später als Bezirkstrainer, war für die Ausbildung der Trainer und Übungsleiter in der Leichtathletik verantwortlich. Eines Tages sagte man ihm: Schau dir den mal an, der wirft die Kugel aus dem Stand über zwölf Meter. Dieter Schulz hörte nicht recht. Es heißt Kugelstoßen. Doch Dieter Hoffmann warf die Kugel wie einen Schlagball. Nach einem halben Jahr Training steigerte er sich auf 15 Meter, wechselte zum ASK Potsdam, wurde 1969 Europameister, der erste Europäer, der die 20-Meter-Marke übertraf.

Ab 1968 Trainer in Ägypten: Nagnui Assad sein Meisterschüler

Dieter Schulz hatte sich als Wurftrainer einen Namen gemacht, wurde gefragt, ob er sich vorstellen könne, auch im Ausland zu arbeiten. Konnte er. Es sollte nach Ägypten gehen, er machte sich an die Formalitäten – wenig später wieder Post im Briefkasten. Abgelehnt. „Ich hatte bei der Frage nach der Konfession ein Nein angekreuzt. Das ging nicht. Ich wäre in einem vom Islam geprägten Land als Ungläubiger dagestanden, keine Chance, irgendwas zu bewegen.“

Dieter Schulz musste „Order of Merit“ erst einmal wieder abgeben

Dieter Schulz wurde für seine Verdienste mit dem „Order of Merit“ in Silber ausgezeichnet und am Morgen nach dem Tea-Empfang in die DDR-Botschaft einbestellt, ihm wurde der Kopf gewaschen, den Orden hatte er abzugeben – bekam ihn wenig später von den DDR-Offiziellen verliehen – erst dann hatte es seine Richtigkeit. Aus ursprünglich einem Jahr, wurden viereinhalb Jahre am Nil – er hätte bleiben können, doch die Familie ging vor, die Kinder waren noch schulpflichtig. Zurück in Gera hieß es, das ist der mit dem Orden, statt als Leichtathletik-Trainer sollte er den Bezirksturnrat geben. Tat er - und schaffte nach fünf Jahren den Absprung nach Jena, arbeitete bis 1985 als Nachwuchstrainer beim SC Motor Jena. Kugelstoßer Detlef Last, Hammer-Junioren-Weltrekordlerin Grit Haupt, der spätere Bob-Olympiadritte Mario Hoyer zählten zu seiner Trainingsgruppe. Doch im DDR-Sport wurde man gerufen, berufen und abberufen – alles ohne Nennung von Gründen. Dieter Schulz weiß bis heute nicht, was da im Hintergrund lief.

Bis zur Wende Cheftrainer Radsport bei der SG Wismut Gera

Wieder in Gera kam das Angebot von der SG Wismut Gera als Cheftrainer einzusteigen. Eine reizvolle Aufgabe, er fuchste sich schnell ein, die Radsportler fuhren große Erfolge ein. Als Cheftrainer war er um das „Drumherum“ verantwortlich. Radmaterial und Barkas B100-Autos mussten her. „Ohne die Unterstützung der SDAG Wismut – undenkbar.“ Mit der Wende war alles Makulatur. Kurz vor Weihnachten überreichte er sich selbst die Entlassung als Radsport-Cheftrainer. Doch Dieter Schulz ging voran, führte Radsport und Boxen in Gera in die neue Zeit, war an der Gründung des SSV Gera 1990 maßgeblich beteiligt, erarbeitete die Satzung nach bundesdeutschem Vorbild, saß beim Amtsgericht, um den neuen Verein eintragen zu lassen, ein neuer Vorstand musste gefunden werden. Dieter Schulz fuhr zur Rad-Messe nach Köln, um Kontakte zu knüpfen. Sponsoren zu finden. Radcross-Weltmeister Rolf Wolfshohl war ein Unterstützer der ersten Stunde. Selbst arbeitete er bis zum Rentenalter 1995 in der Sportwerbung.

Auch mit 89 noch Nachwuchstrainer beim LV Gera

Fortan stand die Familie im Vordergrund. Zeit seines Lebens auf Achse, gab er zurück. „Wir haben unseren Kindern den Rücken freigehalten“, sagt er, doch die Leichtathletik ließ ihn nicht los, er schob die Gründung des Fördervereins Geraer Leichtathletik an, gemeinsam mit seiner Frau Marlis und vielen Helfern entstand eine 200-seitige Chronik der Geraer Leichtathletik. Doch seine Frau, beide hatten sich beim DHfK-Studium kennengelernt, wurde krank, er zog sich zurück. „Am Sterbebett hat sie mir das Versprechen abgenommen, wieder als Trainer zu arbeiten. Sie sagte: Du kannst das, das ist dein Leben.“ Und so leitet Dieter Schulz auch mit 89 noch das Nachwuchs-Wurftraining beim LV Gera. Versprochen ist versprochen.