Uli Göhr nach dem Kahlaer Pokalsieg: „Wir hatten auf das große Los gehofft“

Jena/Gera/Triptis.  Unvergessne Momente: Uli Göhr wird Augenzeuge eines Weltrekords, wundert sich über das geplante Touri-Programm in Marseille und wollte im DFB-Pokal nicht gegen Erfurt drankommen

Jenas Traditions-Elf-Teamchef Uli Göhr beim Geraer Oldieturnier mit Enkelin Ida.

Jenas Traditions-Elf-Teamchef Uli Göhr beim Geraer Oldieturnier mit Enkelin Ida.

Foto: Jens Lohse

Soldat Göhr hatte die Erlaubnis, sich vom Objekt zu entfernen. Der 24-Jährige war zum Armeedienst in die Sportkompanie Kamenz eingezogen worden. Den „Ausgang“ nutzte der gebürtige Triptiser, um ins Heinz-Steyer-Stadion nach Dresden zu fahren – und wurde Augenzeuge, wie seine Freundin Marlies Oelsner als erste Frau die 100 Meter unter elf Sekunden lief.

„Da habe ich innerlich strammgestanden“, sagt Ulrich „Uli“ Göhr über den 1. Juli 1977. In Uniform habe er sich neben Horst-Dieter Hille am Start aufgebaut und den Trainer nach nicht einmal der Hälfte des Rennens schreien hören: „Das läuft! Das läuft!“. 100 Meter in 10,88 Sekunden. Weltrekord.

Seine spätere Frau stand noch am Anfang ihrer Laufbahn. Uli Göhr hatte seine Zeit beim FC Carl Zeiss bereits hinter sich, kehrte nach der NVA-Zeit nicht zum Klub zurück, spielte für die BSG Wismut Gera – DDR-Liga statt Europapokal. Unvergessen waren die Europapokal-Spiele 1975/76 gegen den französischen Klub Olympique Marseille, die Jenaer besiegten den französischen Vizemeister 3:0 und 1:0.

Tiger für den Leipziger Zoo

„Im Flutlicht-Heimspiel haben wir eine überragende Leistung gezeigt“, erinnert sich Uli Göhr. An der Seite der Nationalspieler Helmut Stein, Konrad Weise oder Lothar Kurbjuweit fühlte er sich als Verteidiger gut aufgehoben. „Wir Jüngeren haben von der Erfahrung der älteren Spieler profitiert, gelernt, da war ein Zusammenhalt in der Mannschaft.“

Auch die Reise nach Marseille war nicht ohne. Der Vereinspräsident hatte schon im Hinspiel für Gerede gesorgt, „weil er für seinen Zoo in Leipzig Tiger besorgen wollte“. Und mit den Jenaern meinte er es vor dem Spiel nur allzu gut. „Wir sollten ein Touri-Programm absolvieren, die schönsten Ecken sehen. Der Mann wollte uns wohl pflastermüde machen“, sagt Uli Göhr mit einem Schmunzeln. Trainer Hans Meyer schob dem einen Riegel vor und Harald Irmscher brachte die Jenaer mit seinem Tor endgültig in die nächste Runde.

Wismut statt Zeiss

Eine Verletzung stoppte Uli Göhr später, er fasste nicht mehr Fuß beim FC Carl Zeiss Jena. Also BSG Wismut Gera. „Ich habe mich wohlgefühlt in Gera“, sagt er. Leicht hatten es die Geraer aber nicht. Für die SDAG Wismut war die Mannschaft in Aue die Nummer eins und im Bezirk Gera der FC Carl Zeiss Jena.

„Wir haben in der DDR-Liga eine gute Rolle gespielt, standen in der Aufstiegsrunde, im Stadion der Freundschaft waren wohl 25.000 Zuschauer.“ Eigentlich hätte er auch nach der Saison 1984/85 gern noch weitergespielt, doch Gerd Struppert, der als neuer Wismut-Trainer kam, „plante nicht mehr mit Hoppe und mit mir“, sagt es Uli Göhr diplomatisch.

Seine Laufbahn ließ er bei der BSG Chemie Kahla ausklingen, nicht wissend, dass er einmal 13 Jahre dort bleiben würde. Als Sportreferent des Direktors der Kahlaer Porzellanfabrik hatte er die Möglichkeit, sich um den Fußball zu kümmern und tat das mit Erfolg.

Erfurt statt FC Bayern

Nach der Wende schafften die Kahlaer mit Trainer Uli Göhr den Aufstieg in die Oberliga, damals die dritte Liga im Land, und holten sich mit einem Finalsieg gegen den FV Zeulenroda den ersten TFV-Pokal. Wen würde die Göhr-Elf im DFB-Pokal zugelost bekommen? „Natürlich hatten wir alle auf ein großes Los gehofft.“ Doch es wurde ein Zweitligist, der FC Rot-Weiß Erfurt mit Trainer Lothar Kurbjuweit – das Spiel endete 1:4. Als Trainer in Pößneck konnte er die Erfurter im April 2010 aber doch noch ärgern. Der Halbfinalsieg gegen die Erfurter war eine Sensation. Faruk Hajdurovic hatte in der Verlängerung im Dämmerlicht auf dem Sportpark „An der Warte“ zum 2:1-Siegtreffer getroffen. Bewegte Zeiten damals.

Hält Traditionsteam zusammen

In Jena arbeitet Uli Göhr nun auch schon über Jahre als Freizeitpädagoge und führt in der IGS Grete-Unrein ein kleines Café.

Dem Fußball ist Uli Göhr verbunden geblieben, „das ist meine Welt. Ich muss am Ball bleiben.“ Der Jenaer hält das Traditionsteam des FC Carl Zeiss zusammen, kickt mit 67 selbst einmal noch in der Woche, spielt mit ehemaligen Fußballern seit 50 Jahren regelmäßig Doppelkopf und ist mit dem FCC Stammgast beim Geraer Oldieturnier.